Heterophobie. Das Kapital akzeptiert nichts, was anders ist

Diego Fusaro: Teil 22

Die Struktur der heutigen kapitalistischen Welt ist aufgrund ihrer inhärenten Merkmale heterophob[1]. Aber was möchte ich damit sagen, wenn ich von Heterophobie des Kapitalismus rede? Der Kapitalismus akzeptiert keine Andersheit, eben nichts, was sich als heteros definieren ließe, nichts, was andersartig ist, da er, seinem Wesen folgend,…

…allerorts einzig und allein das Gleiche vorfinden will, und zwar Handelswaren, Verringerung des Seienden auf ein kalkulierbares, mess- und handelbares Quantum von Dingen, freie Marktwirtschaft, Verbetrieblichung des Realen und Symbolischen.

All das, was nicht innerhalb dieser Parameter erfasst werden kann, was sich eben als Heteros gegenüber jener Kenngrößen abzeichnet und demnach anders und verschiedenartig ist, muss, der kapitalistischen Logik zufolge, zerstört, dekonstruiert, vermarktet und mit Werten ersetzt werden, die mit denen des Kapitals kohärent sind; was im Wesentlichen  den Ersatz eines breiten Wertesatzes mit dem einzig und alleinigen Wert, der mit der kapitalistischen Produktionsweise Kohärenz besitzt, mit sich bringt: Wert, der sich mit dem Verkaufswert identifiziert, dem sich alle anderen beugen sollen.

Das erlaubt uns ohne weiteres, für die These zu plädieren, dass das Kapital wesensgemäß heterophob ist. Das Kapital hat Furcht vor Diversität[2]. Es möchte alles auf das Gleiche zurückführen und bekämpft aus diesem Grund unermüdlich jegliche Form der Andersheit. Seiner unterirdischen Logik folgend tendiert der Kapitalismus dazu, das Recht auf Pluralität[3] zu neutralisieren.

Der Wille des Kapitalismus ist der der Inkraftsetzung eines einzigen Modells, eines einheitlichen Konsum- und Produktionsmusters, einer standardisierten Denkart, weshalb auf konvergierender Weise all das dekonstruiert werden muss, was sich nicht innerhalb dieses einheitlichen Musters erfassen lässt. Vor diesem Hintergrund konfiguriert sich die Entwicklung der kapitalistischen Mondialisierung, insbesondere nach dem Jahre 1989, immer mehr im Sinne einer Frontalattacke wider jeglicher Form der Diversität.

Eine lineare Offensive gegen all das, was heteros , also anders, ist und sich von der Logik des freien Handels und der allumfassenden Vermarktung des Seienden und des Symbolischen absondert.

Eine Offensive, die seitens der kapitalistischen Produktion auf weltweiter Ebene gegenwärtig im Gange ist. Der Kapitalismus heuchelt seinen Willen, Kulturen und Pluralitäten zu  valorisieren, nur vor. In Wirklichkeit zielt er auf deren Dekonstruktion, um sich selbst und die eigene Subkultur des nihilistischen[4] Konsums durchzusetzten.

In gewisser Weise könnte man sagen, dass der zu diesem Zwecke angewendete Mechanismus des Kapitals heute der folgende ist:
Es lädt alle Völker der Erde dazu ein, die eigene Kultur aufzugeben und sich von der eigenen historischen Verwurzelung zu befreien, um sich den Kulturen und der historischen Verwurzelung  der Kulturen anderer zu öffnen.

Auf diese verschlagene  Art und Weise realisiert das Kapital in Wirklichkeit das uneingestandene Ziel, den Verlust der eigenen Kultur und der eigenen Verwurzelung aller Völker zu verursachen. Es gibt keine Kulturen mehr, keine verschiedenartigen Völker, keine Diversität, sondern nur einen einheitlichen neutralen, jeglicher Symbolik beraubten Raum, ohne Unterschied und Vielfalt, selbstredend das Ideale für das hürden- und grenzenlose, von jeglichen residualen ideologischen, religiösen und ethischen Schranken befreiten Strömen der Form Ware, Form Ware die das Absolute in Aktion innerhalb des kapitalistischen Systems ist.

Wir stehen heute folglich der Entstehung eines Systems bei, dass jegliche Unterschiede der Vielfalt nivelliert und das Neutrale, die Unterschiedslosigkeit aufzwingt. Die Handelsware, die hingegen zum alleinigen Bindemittel der Menschheit wird, die ihrerseits zu einer amorphen[5] Herde von Verbrauchern regrediert und das im Rahmen der heute immer offenkundigeren Passage des Bürgers zum globalisierten, entwurzelten, in den Stromkreis der Mondialisierung verfangenen Verbrauchers, ohne Identität, ohne kritisches Bewusstsein, ohne eigene Kultur noch geschichtliche Verankerung. Und genau das ist die Chiffre des heterophoben Kapitalismus:

Seine tiefste Verachtung, auch wenn er Wertschätzung heuchelt, gegenüber der kulturellen Vielfalt, die daraufhin abzielt jene Vielfalt auf das einheitliche Paradigma des Konsum zurückzuleiten. Diesbezüglich stellen die Werbestrategien, mit denen die große Erzählung der kulturellen Fernsehindustrie und des journalistischen Zirkus immer wieder von neuem jenes heterophobische Modell des Kapitals anbieten, ein emblematisches[6] Beispiel dar.

Einerseits propagiert die Werbung heuchlerisch die Vielzahl der Kulturen: Kinder mit unterschiedlichen Hautfarben und von bunt gewürfelter geographischer Herkunft, die uns aber dann allesamt von Kopf bis Fuß mit Kleidung der gleichen Marke gezeigt werden, die united colours der gleichen Marke also der Form Ware. Das, was wir gegenwärtig vorfinden, ist demgemäß das vorherrschende Modell des heterophoben  Kapitalismus, das Modell des Polytheismus[7] der Werte, die in dem Stahlkäfig des kulturellen Monotheismus der Markwirtschaft inkorporiert sind.

Womit noch einmal offengelegt wird, dass die kapitalistische Globalisierung, währenddessen sie Kulturen zerstört, um diese einheitliche Kultur des Konsums durchzusetzen, im gleichen Zuge jegliche Form der Kultur verneint. Das aufgrund der Tatsache, dass Kultur nur im pluralen[8] Dialog zwischen den unterschiedlichen Kulturen, die unseren Planeten bevölkern,  existieren kann, was hingegen genau das ist, was die kapitalistische Mondialisierung auf verhängnisvolle Weise zerstört.

Transkript: Werner Nosko

[1]  Heterophobie, beschreibt die Abneigung gegenüber Menschen, die anders sind
[2] Diversität, für die Unterscheidung und Anerkennung von Gruppen- und individuellen Merkmalen.
[3] Pluralismus bzw. Pluralität steht für: Pluralismus (Politik), die Koexistenz von verschiedenen Interessen und Lebensstilen in einer Gesellschaft.
[4] Als Nihilismus wird allgemein eine Weltsicht bezeichnet, die die Möglichkeit jeglicher objektiven Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung verneint.
[5] Amorph, keine bestimmte Gestalt, Form aufweisend
[6] Emplematisch, sinnbildlich
[7] Polytheismus, Glaube an eine Vielzahl von (männlich und weiblich gedachten) Gottheiten; Vielgötterei
[8] Plural, Mehrzahl



DIEGO FUSARO ist politischer Kommentator; Journalist; Gegner des Kapitalismus; Gegen das europäische Bankensystem und des globalisierten Einheitsdenkens Er widmet sich dem Studium der Philosophie aller Zeiten, vor allem Marx und Gramsci, um ein soziales Projekt zu verwirklichen, um folglich die Aufmerksamkeit der Politiker auf spezifische Programme zu lenken, wo die Priorität das erniedrigte Volk der Erde sein wird, sowie die Berücksichtigung der verschiedenen Kulturen und deren Ausdruck – möglicherweise, wo sie sich entwickelt haben.

Die weltweite Verbreitung, und Übersetzung seiner Botschaften ist ausdrücklich erwünscht.


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