Erste Fahrt auf der Kaiser Ferdinand´s – Nordbahn

Den 6. Jänner (1838) fand die langersehnte erste Fahrt auf der Ferdinands, Nordbahn statt. Ein schöner Wintertag verherrlichte diesen neuen Triumph eines großartigen Gemeingeistes. Bei allen drei Fahrten, welche an diesem Tage unternommen wurden, stellte sich eine Menge von Theilnehmenden ein, und bei der dritten Fahrt waren zu wenig Plätze in den Wägen vorhanden, um alle Fahrlustigen aufzunehmen.

Der Adler – 08.01.1838 – Seite 3

Viele Herrschaften und eine zahllose Volksmenge waren Zeugen des Bahnflugs der Dampfwagen. Die Schnelligkeit und Annehmlichkeit der Fahrt, entsprach den großen Erwartungen des Publikums, das nur die Anwesenheit einer größeren Anzahl von Wägen zu wünschen schien. Und so begrüßen wir denn in freudigem Vorgefühl des Großen und Herrlichen, was sich nach solchem Anfang im Vaterlande nunmehr erwarten läßt, eine Unternehmung, welche nothwendig die bedeutendsten Folgen, in Bezug auf Ermunterung des Gemeingeistes im Allgemeinen, im Besonderen aber in Bezug auf die Kultur und Erhebung von Galizien nach sich ziehen muß. Diese von Natur so reiche Provinz wird durch die Kaiser Ferdinands-Nordbahn dem Centralpunkt der österreichischen Betriebsamkeit und Intelligenz so nahe gebracht, daß es von nun mit Leichtigkeit wird an allen Fortschritten der Monarchie Antheil nehmen können. Der Galizier, für Alles lebhaft empfänglich, was er des Guten, Nachahmungswerthen außerhalb seiner Heimath findet, geneigt zur Kultur und Verfeinerung, die seinem Gemüthe so sehr entspricht, wird die Kaiserstadt, in welcher das Weltleben pulsirt, eben so leicht als die näher liegenden Provinzen und in derselben Art, als die Hochschule der gesammten österreichischen Nationalbetriebsamkeit, der Landeskultur, Industrie und des Handels besuchen, und die dort geholten Kenntnisse in sein Vaterland verpflanzen können.

Die dritte der vorgestrigen Probefahrten soll, wie wir eben hören, wegen einbrechender Nacht nicht vollendet worden seyn.

Wiener Zeitung – 10.01.1838 – Seite 11

Bis auf weitere Verfügung werden vom 6. Jänner 1838 angefangen auf der bereits fahrbaren Strecke der Eisenbahn von ungefähr 2½ deutschen Meilen unter folgenden Bestimmungen Luftfahrten vom Prater bis Deutschwagram Statt finden.

An Wochentagen werden täglich zwei Fahrten hin und zurück gemacht, und zwar:

  1. Vormittag um 11 Uhr von Wien nach Wagram — um 12½ Uhr Mittag von Wagram nach Wien.
  2. Nachmittag um Uhr von Wien nach Wagram — um 3 Uhr Nachmittag von Wagram nach Wien.

An Sonn – und Feyertagen werden immer drei Fahrten Statt finden, und zwar:

  1. Vormittag um Uhr von Wien nach Wagram — um 11 Uhr Vormittag von Wagram nach Wien.
  2. Mittag um 12 Uhr von Wien nach Wagram — um Uhr Nachmittag von Wagram nach Wien.
  3. Nachmittag um  Uhr von Wien nach Wagram — um 4 Uhr Nachmittag von Wagram nach Wien.

Man behält sich vor, bei ungünstiger Witterung diese Luftfahrten einzustellen, welches jedesmal mit Anschlagzettel zeitlich Früh bekannt gemacht werden wird.

Preise der Plätze.

Für die erste Classe in einer ganz geschlossenen 18sitzigen Berline für die Person nach Wagram 50  kr.C.M.[1]
zurück ebensoviel.

 – zweite in einem 24sitzigen Gesellschaftswagen für die Person nach Wagram 30 – –
zurück eben so viel.

 – dritte = in einem 32sitzigen offenen Wagen für die Person nach Wagram 15 – –
zurück eben so viel.

Die Plätze können 3 Tage vorher genommen werden.

So lange die Fahrten sich nicht über Wagram ausdehnen, kann bei jedem Fahr-Billete dahin hier auch gleich jenes für die nächst Statt findende Rückfahrt nach Wien gelöset werden, widrigens der Platz zur Rückfahrt nicht zugesichert werden kann. In Wagram werden nur dann Billets für die Rückfahrt ausgegeben, wenn in Wien nicht alle vergriffen wurden.

Während der Stunde, die jeder Abfahrt vorangeht, werden für die nächste Fahrt, in der Stadt, keine Billets mehr ausgegeben. Die übrig bleibenden können eine halbe Stunde vor jeder Fahrt vor dem Stationsgebäude in der Taborallee an der Casse gelöst werden. Die Billets sind nur für die bezeichnete Fahrt und Wagenclasse gültig.

Bei eingestellten Fahrten sind die Billets, welche vorhinein genommen wurden, im Aufnahmsbüreau gegen Rückerstattung des Fahrlohnes zurückzugeben, oder gegen andere für spätere Fahrten auszuwechseln.

Die Herren Passagiere sind gehalten, sich in jenen Wagen zu setzen, welcher auf dem Billete angezeigt ist, auch können sie keine anderen Plätze auf einer höheren oder niederen Wagenclasse ansprechen, als das gelöste Billet bezeichnet.

Die Conducteure, welche beauftragt sind, die Transporte zu überwachen, und die Billets abzufordern, werden jedermann die Plätze anweisen. Man ersucht, jede etwaige Beschwerde über diese Conducteurs an den auf dem Stationsplatze gegenwärtigen Expeditor zu richten. Das Tabakrauchen in den Wägen erster Classe kann nicht gestattet werden, in denen zweyter und dritter Classe ist es nur dann erlaubt, wenn keine in derselben Wagenabtheilung befindliche Person dagegen etwas einwendet.

Man ersucht jedoch, dafür Sorge zu tragen, daß die Wagen hiedurch nicht beschädigt oder beschmutzt werden.

Den Conducteuren, so wie allen Angestellten, ist die Annahme von Geschenken aufs strengste verbothen. Es wird auf das Nachdrücklichste jedem der Herren Passagiere empfohlen, sich während der Fahrt nicht aus den Wagen zu legen, den Wagen nicht eher zu verlassen, bis der Conducteur denselben öffnet, und die Bahn selbst, so wie die Räume, in welchen sich die Locomotiv-Maschinen, Werkstätten oder andere Vorrichtungen befinden, nicht zu betreten, Maßregeln, welche nothwendig find, um zufälligen Ereignissen zu begegnen.

Die Herren Passagiere werden ersucht, sich wenigstens eine Viertelstunde vor der bestimmten Abfahrtszeit im Bahnhofe einzufinden, das gelöste Billet bey Eintritt in denselben vorzuweisen, da ohne dasselbe Niemand eingelassen wird; mit dem ersten Glockenzeichen sich auf die bestimmten Plätzen begeben, und nach dem zweyten die Billets bereit zu halten, um sie dem abfordernden Conducteur einzuhändigen, wonach Niemanden mehr gestattet werden kann, in einen Wagen einzusteigen. Bey dem dritten Glockenzeichen setzt sich der Train in Bewegung. Die Billets für die Rückfahrt werden in Wagram bey dem zweyten Glockenzeichen abgefordert.

Die Herren Passagiere werden darauf aufmerksam gemacht, sich in Zollgefällssachen genau nach den  Landesgesetzen zu benehmen.

Das Aufnahms-Bureau in Wien ist in der Stadt, Wollzeile, Zwettelhof, nächst der k. k. Post, und ist von 8 Uhr Früh bis 3 Uhr Nachmittags offen. Jenes in Wagram befindet sich im Stationsgebäude.

Zur Bequemlichkeit des Publicums hat die Direction vorläufig einem Fiaker-Verein, welcher einige Gesellschaftswägen auf dem St. Stephansplatze, zwischen dem erzbischöflichen Palais und der Kirche auf stellen wird, die Beförderung der Passagiere nach dem Bahnhofe im Prater überlassen.

Diese Wägen werden drey Viertelstunden vor jeder Abfahrt die Person um 6 kr. C. M. auf den Stationsplatz bringen, und nach Ankunft, der Trains um denselben Preis von 6 kr. C.M. vom Prater auf, den St. Stephansplatz zurückführen.

Wien den 29. December 1837.

Die Direktion der ausschl. priv. Kaiser Ferdinand s Nordbahn.

Transkript: Werner Nosko

Weiterlesen: Rothschild und die Eisenbahnen

[1] Conventions Münze – Nach der Abwertung der seit 1762 ausgegebenen Bancozettel (1811) und deren Zwangsumtausch in Einlösungsscheine und (1813) Antizipationsscheine (siehe Wiener Währung) beziehungsweise nach Gründung der Privilegierten österreichischen Nationalbank (1816) kam es zur Einlösung der Wiener Währung in Conventions-Münze, wobei 250 Gulden Wiener Währung in 100 Gulden Conventions-Münze getauscht wurden.

Erste Fahrt auf der Kaiser Ferdinand-Nordbahn

Fraktur

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