Der Deutsche Generalkonsul in Posen an das Auswärtige Amt

 

Einige Monate später kündigte der damalige Ministerpräsident General Sikorski in öffentlicher Rede als Regierungsprogramm »die Liquidation deutscher Güter und die Entdeutschung der westlichen Provinzen« an und erging sich in scharfen Äußerungen gegen Danzig.

 

Bericht

Posen, den 12. April 1923

Am 10. d. M. ist Ministerpräsident General Sikorski in Posen eingetroffen und hat im Schloß Wohnung genommen.

Bereits vor der Ankunft Sikorskis wurde der Zweck seiner Reise nach Posen in der hiesigen Presse lebhaft besprochen. Der »Kurjer Poznanski« bringt die Reise des Ministerpräsidenten mit der Westmarkenpolitik in Zusammenhang. »General Sikorski will«, so schreibt der »Kurjer«, sich die Sympathien des nationalen Lagers sichern, und zwar dadurch, daß er die Entdeutschung der Westmarken im Sinne der Forderung der Bevölkerung Großpolens und Pommerellens vorschiebt. Der »Dziennik Poznanski« erklärt, daß der Aufenthalt des Ministerpräsidenten in Posen vermutlich zur Lösung der brennenden Fragen, unter anderem der Liquidation deutscher Güter, beitragen würde.

Nach den Audienzen fand am Abend im Rathaus ein feierlicher Empfang für den Ministerpräsidenten statt. Er wurde dort von dem Stadtpräsidenten Ratajski mit einer Begrüßungsrede empfangen, in der Ratajski hervorhob, daß die deutsche Gefahr nicht nur an den Grenzen bestehe, sondern auch im Inlande. Sie werde nicht eher beseitigt sein, bis alles deutsche Land in polnische Hände übergegangen sei und der Feind nicht mehr unnötig im eigenen Lande ernährt zu werden brauche. Großpolen könne ferner nicht mehr ertragen, daß als Folge der Politik der Polnischen Regierung auf jeden deutschen Eindringling einige 10 Morgen Land mehr als auf einen polnischen Bürger fielen. Den Ton, den der Stadtpräsident Ratajski angeschlagen hatte, nahm Sikorski in seiner Antwortrede auf. Die Rede wird in einem Zeitungsabschnitt der »Posener Neuesten Nachrichten«, dessen Inhalt sich mit der durch die polnische Presse erfolgten Wiedergabe deckt, gehorsamst beigefügt. Die Rede hat hier einen starken Eindruck gemacht und auf die deutschen Kreise sehr alarmierend und deprimierend gewirkt. Es erscheint mir dringend erforderlich, daß von deutscher Seite eine Entgegnung erfolgt, damit das hiesige Deutschtum von einer überstürzten Massenabwanderung zurückgehalten wird.

Ganz besonders scharf wird in der Rede die Liquidationsfrage behandelt. Die Regierung werde spätestens binnen eines Jahres die Liquidation deutscher Güter und die Entdeutschung der westlichen Woiwodschaften rücksichtslos durchführen. – Auffallend ist auch der scharfe Ton, den er gegen die Freie Stadt Danzig gebrauchte. »Danzig ist nur eine freie Stadt, und seine ganze Zukunft hängt von Polen ab. Die Polnische Regierung hat nicht die Absicht, die bisherige Nachgiebigkeit weiterzuüben.« In der Pressekonferenz hat Sikorski nochmals die Liquidationsfrage eingehend berührt und zugesichert, daß die Regierung für Liquidationen deutscher Güter, die unverzüglich durchgeführt werden müßten, materielle Mittel in Form von langfristigen Krediten gewähren würde.

Am 11. d. M. hat General Sikorski Posen wieder verlassen.

Stobbe

Transkript: Werner Nosko

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