Rede des volksdeutschen Abgeordneten Spickermann vor dem Polnischen Sejm

 

Die Rede des volksdeutschen Abgeordneten Spickermann im Polnischen Sejm vom 23. Januar 1923 bestätigt den Eindruck, daß der Minderheitenschutzvertrag, »die Magna Charta unserer Existenz«, vom ersten Tag an gebrochen wurde.

 

 

Auszug

Hoher Sejm! Im Namen der Deutschen Fraktion habe ich die Ehre, folgende Erklärung abzugeben:

…. Wir bedauern feststellen zu müssen, daß der Herr Ministerpräsident in seinem Exposé eine Wendung gebraucht hat, die es beinahe so erscheinen läßt, als wenn auch ihn dieses tagein tagaus gespritzte chauvinistische Gift ein klein wenig infiziert hätte. Er hat wie wir meinen, mit vollem Vorbedacht seine Ausführungen über die völkischen Minderheiten mit der Feststellung eingeleitet: »Polen ist ein Nationalstaat!« Das ist ein verhängnisvolles Wort. Diese Auffassung hat ja gerade die großen Massen unserer polnischen Mitbürger zu der Schlußfolgerung gelangen lassen: »Also haben die Fremdstämmigen hier nichts zu suchen, sie sind – was in tausend Varianten immer wiederholt wurde – nur geduldete Gäste. Wollen sie sich als mehr betrachten, so müssen sie aus dem Lande gedrängt werden.« Wir haben lange genug unter dem unerträglichen Zustand gelitten, den solche Argumentation geschaffen hat.

Der gesamte Apparat der inneren Verwaltung hat ausgesprochenermaßen unter der Parole gestanden: Kein Mittel ist unversucht zu lassen, die polnischen Bürger deutschen Stammes aus dem Lande zu treiben, das Land zu entdeutschen, zu purifizieren, wie man das so geschmackvoll auszudrücken beliebte. Auch das brutalste Mittel ist zu diesem Zwecke erlaubt. Selbst der gesetzgebende Sejm hat sich nicht gescheut, sich bei seiner gesetzgeberischen Arbeit von solchen Gedankengängen leiten zu lassen. Er hat damit in den breitesten Massen das Gefühl für Recht und Unrecht auf das schwerste erschüttert. Wird es gesetzlich sanktioniert, einen Deutschen um seines Volkstums willen aus seinem Eigentum zu entfernen, und das unter Modalitäten, die ihn um sein gesamtes Vermögen bringen und die ihn als bettelarmen Flüchtling in die Fremde ziehen lassen, dann kann man es dem Manne von der Straße nicht verübeln, wenn auch er das Gefühl für die Unverletzlichkeit des Eigentums verliert. Was Wunder, wenn bis weit hinauf in die Oberschichten die Moral auf das schwerste erschüttert ist.

Wir gehen vielleicht nicht zu weit, wenn wir gerade in der Klassifizierung der Staatsbürger, die eben zurückgeht auf den irrigen Begriff des Volksstaates, die letzte Wurzel alles Übels auf allen Gebieten des Staatswesens erblicken. Und nicht zuletzt auch die Ursache dafür, daß vielfach das Vertrauen des Auslandes zu unserem Wirtschaftsleben verlorengegangen ist. Es gilt heute – auch in den Zentralinstanzen – als reine Selbstverständlichkeit, daß die Unternehmungen Deutscher mit ihren Angeboten und Forderungen ausscheiden, wenn sie mit polnischen Unternehmungen in Konkurrenz stehen. Wenn es als patriotische Pflicht gilt, den verdienstvollsten und kenntnisreichsten Leitern industrieller Werke den Laufpaß zu geben und in den großen gesellschaftlichen Organisationen die deutschen Teilhaber rücksichtslos auszumerzen, wenn jedes, aber auch jedes Mittel willkommen ist, den deutschen Gewerbetreibenden, den deutschen Fabrikherrn zur Abgabe seines Unternehmens an einen Polen zu zwingen, mußte da nicht unser gesamtes Wirtschaftsleben aufs schwerste erschüttert werden, mußte da nicht unter den neuen Herren die Produktivität der Betriebe und mit ihr die Steuerkraft zurückgehen, mußte nicht das Vertrauen der langjährigen ausländischen Geschäftsfreunde verlorengehen?…

Leicht wird es nicht sein, alle die Eiterbeulen auszubrennen, die das Gift des nationalen Chauvinismus am Volkskörper hat aufquellen lassen; es wird auch kaum genügen, die äußeren Krankheitserscheinungen zu bekämpfen, wenn nicht gleichzeitig der Krankheitserreger, das im Dunkeln fortwirkende Gift, beseitigt wird. Darum ist heute die klipp und klare Beantwortung der Frage unabweislich: Ist Polen ein Nationalstaat oder ist es ein Nationalitätenstaat?

Wir hätten vielleicht der Feststellung des Herrn Ministerpräsidenten Polen ist ein Nationalstaat – nicht eine so entscheidende Bedeutung beigelegt, wenn nicht der Herr Ministerpräsident im unmittelbaren Anschluß an diese Feststellung die Sonderrechte der Minderheiten allzu eng dahin umgrenzt hätte, daß sie befugt wären, ihre sprachliche und religiöse Eigenart frei zu pflegen. Da fehlt das Wesentlichste! Für uns Deutsche in Polen kommt aber kaum die Pflege religiöser Eigenart in Frage, denn wie wir Deutschen einerseits den verschiedenen Religionsgemeinschaften angehören, sind wir auf der anderen Seite allesamt mit unseren polnischen Mitbürgern in den gleichen Religionsgemeinschaften verbunden, in Gemeinschaften, die einen Unterschied der völkischen Zugehörigkeit nicht kennen. Daß es die Episkopate der größten Religionsgemeinschaften mit den von ihnen gelehrten christlichen Lebenswahrheiten für vereinbar halten, die ihnen anvertrauten Deutschen zur Aufgabe ihres Deutschtums zu bestimmen, und daß der nationale Chauvinismus auch in die Amtsstuben der polnischen Geistlichkeit beider Bekenntnisse und auf die Kanzeln seinen Weg gefunden hat, steht auf einem anderen Blatte.

Ebenso ist die Pflege der deutschen Muttersprache losgelöst von den staatlichen Belangen. Unerhört zwar, daß sich polnische Chauvinisten noch immer für befugt halten, unter Verletzung des Postgeheimnisses ohne jede gesetzliche Ermächtigung unsere Korrespondenz zu öffnen und zu kontrollieren, bedauerlich, daß man es für geboten hält, uns nach wie vor mit Spitzeln und Spionen zu umgeben. Aber sei’s! Wir haben nichts zu verheimlichen. Wen unser Familienleben interessiert, mag ruhig in unsere Interna Einblick haben. Aber so weit ist wohl bisher noch niemand gegangen, daß er uns im eigenen Heim im Gebrauche der Muttersprache behindern wollte.

Sollte indessen der Herr Ministerpräsident unter dem freien Gebrauch der Muttersprache ein Recht verstehen, das über die Grenzen des Privatlebens hinausreicht, ein Recht, das sich in der Öffentlichkeit auswirkt, so bitten wir, dieses Recht für uns praktisch werden zu lassen.

Aus den Gemeindekörperschaften in den westlichen Woiwodschaften sind wir fast restlos hinausgedrängt wegen angeblich ungenügender Kenntnis der polnischen Sprache; im oberschlesischen Sejm ist dieser Tage ein Gesetz zur Annahme gelangt, das den ausschließlichen Gebrauch der polnischen Sprache auch in solchen Gemeindevertretungen vorschreibt, die sich in der Hauptsache aus Deutschen zusammensetzen, und das 5 Monate, nachdem Oberschlesien an Polen gefallen ist, also nach Ablauf einer Periode, in der es beim besten Willen nicht möglich war, die polnische Sprache zu erlernen. Wir stellen nur ungern Vergleiche mit der Vergangenheit an, aber wir können es nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß in den polnischen Kreisen der ehemaligen Provinz die polnische Sprache neben der deutschen noch drei Menschenalter nach Einverleibung dieser Provinz in den preußischen Staat als Amtssprache zugelassen war. Wir dürfen ferner darauf hinweisen, daß in diesen Tagen der Senat den Gebrauch der Minderheitensprache selbst für die Kommissionssitzungen abgelehnt hat. Mit dem »freien« Gebrauch der Muttersprache ist es also ein eigen Ding.

Was uns aber der Minderheitsschutzvertrag als höchstes Gut gegeben hat und was für uns die Magna Charta unserer Existenz ist, das ist die Möglichkeit, auch im polnischen Staat an unserem Volkstum festhalten zu dürfen, ohne daß uns deshalb eine differentielle Behandlung zuteil werden darf….

Wenn uns der Minoritätenschutzvertrag zur Erhaltung und zur Pflege unseres Volkstums besondere Rechte auf kulturellem Gebiete zuerkannt hat, Rechte, die – worauf der Herr Ministerpräsident ja hinwies – auch in unserer Verfassung verankert sind, so sind alle diese Sanktionen papierene Lettern geblieben. Der Minoritätenschutzvertrag datiert vom Jahre 1919, die Verfassung vom Jahre 1921! Entgegen aber den dort feierlichst verbrieften Rechten ist in den vergangenen Jahren bis auf den heutigen Tag alles getan worden, die deutsche Schule zu zerschlagen. Sei es, daß die Lokalinstanzen entsprechende Instruktionen der Zentrale in der Hand hatten, sei es, daß sie nationalistisch eingestellt, den Intentionen ihrer Vorgesetzten am besten zu entsprechen glaubten, wenn sie den offiziellen Weisungen entgegen handelten: tatsächlich ist der Erfolg ihrer systematischen, zielsicheren Arbeit, daß das insbesondere in den Westmarken einst so blühende deutsche Schulwesen in Trümmern liegt. Man hat uns unsere Schulgrundstücke, unsere Schulgebäude, die wir und unsere Väter aus eigenen Mitteln aufgebaut hatten, weggenommen; man hat uns immer wieder daran gehindert, andere Gebäude zur Einrichtung von deutschen Privatschulen zu erwerben, man hat die alten deutschen Lehrer dadurch zur Abwanderung veranlaßt, daß man von ihnen in kürzester Frist die Erlernung der polnischen Sprache verlangte – eine Unmöglichkeit für alle die, die in überwiegend oder gar rein deutschen Gemeinden amtierten. Und heute, nachdem wir uns, so gut es gehen wollte, Hilfskräfte für die Unterrichtserteilung herangebildet haben, bestreitet man ihnen die Lehrbefähigung; den seminaristisch vorgebildeten Deutschen aber werden Schwierigkeiten bei der Anstellung gemacht. Endlich sollen vollqualifizierte Lehrpersonen, die deutsche Reichsangehörige sind, auch an deutschen Privatschulen nicht mehr unterrichten dürfen. Dazu kommen die bekannten Machenschaften, die uralte Schulsysteme in einzelne Ortschaften auseinanderreißen, damit die Schülerzahl unter 40 herabgedrückt wird und so der Anspruch auf eine öffentliche Schule wegfällt. So sieht die Freiheit in der Pflege unserer kulturellen Eigenart und die Fürsorge des Staates für das deutsche Schulwesen aus!

Wir hoffen, Herr Ministerpräsident, daß es jetzt anders werden wird. Es gehört in der Tat ein eiserner Besen dazu, hier Wandel zu schaffen! Eine grundlegende Änderung des ganzen Systems! Wenn Starosten, Polizeibeamte und Schulmänner weiter dem Okazistenverein angehören dürfen, einem Verein, der sich als Hochburg nationalistischer Tendenzen die Entdeutschung des Landes zum Ziele gesetzt hat, so ist es ausgeschlossen, daß die anders gerichteten Intentionen des Herrn Ministerpräsidenten ihre Verwirklichung finden …

Transkript: Werner Nosko

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