Ein Sieg des Friedens in Petersburg

 Kerenski auf der Flucht, die Minister verhaftet und die Regierung gestürzt.  Petersburg hat einen neuen Herrn. Er heißt Lenin und will den Frieden. Für ihn sind die Arbeiter und die Soldaten, für ihn auch die Bauern, für ihn die gesellschaftlichen Kräfte, die im März den Zaren gestürzt haben und von denen die Botschaft in die Welt gekommen ist: Die Revolution ist der Friede. Lenin war nach dem gescheiterten Aufstande…


 Wien, 8. November.

Lenin

…Aufstande im Juli landflüchtig und wie ein Verbrecher steckbrieflich verfolgt. Er hatte jedoch einen Bundesgenossen, der ihn wieder aufrichtete. Gorki, der größte Dichter von Rußland, hat ihn verteidigt, und bald wuchs sein Einfluß unter den Soldaten und Arbeitern so stark, daß er den Generalissimus und Ministerpräsidenten Kerenski stürzen, der englischen Politik eine tiefe Wunde schlagen, die Macht an sich reißen und seinen Grundsatz, mit den verhaßten Kadetten keine Gemeinschaft zu haben, durchführen konnte. Er hatte stets ein unabhängiges Denken.

Der sozialistische Führer Trotzki verabscheut Österreich wegen der angeblichen Bedrückung der Völker. Lenin antwortete aus der Verbannung, daß keine Regierung gegen slawische Stämme so grausam sei wie die russische.

Plechanow, der älteste Vertreter marxistischer Ansichten in Rußland, unterstützte die Kriegspolitik mit der Begründung, daß der Verlust von Polen und Kurland das Volk ärmer machen würde. Lenin erklärte, Despotie müsse ohne Rücksicht auf den Krieg erwürgt werden. Als er in die Heimat zurückkehrte, war sein erstes Wort: Die Verhandlungen über den Frieden müssen sofort beginnen. Er wollte nicht warten, bis der letzte Blutstropfen aus der Bauernschaft herausgepreßt sein werde; er wollte nicht für das Geld von Morgan eine große Nation zur Dienstbarkeit zwingen. Der Juliausstand war der Rückstoß nach dem von England gewaltsam durchgesetzten Wiederbeginn des Angriffskrieges. Lenin ist der Ausdruck des Friedenswillens im russischen Volke. Er hat über Kerenski gesiegt, weil aus ihm, mögen seine wirtschaftlichen Ansichten sich auch noch so weit von den jetzigen Einrichtungen der Gesellschaft entfernen, in dem Streite über Krieg und Frieden die Wahrheit spricht. Rußland will den Krieg nicht.

Die Urheber der neuen Revolution, welche die alte so rasch und  so unblutig niederringen konnten, haben schon in der ersten Kundgebung mitgeteilt, daß ihr wichtigstes Ziel ein demokratischer Friede sei.

So ist den englischen Staatsmännern ein Feind erstanden, gefährlicher als manches Heer. Balfour hat vorgestern witzelnd, fast ließe sich sagen, tänzelnd, über den Frieden gesprochen, wie einer, der sich im Gedanken spiegelt, wie gebildet die Anmaßung sein kann. Heute wird ihm nicht spaßhaft zumute sein. Wer ist Lenin? Der Gründer einer sozialistischen Partei, die, weil sie kein Zugeständnis an die Zweckmäßigkeit duldet, sich Maximalsten nennt. Vor den Märztagen hat er sich in der Fremde durchschlagen müssen, als Flüchtling, den zu Hause der Kerker oder die Verbannung bedroht: Der größte Teil des Ausschusses der Arbeiter und Soldaten ist zu ihm übergegangen und hat zu seinen Meinungen sich bekehrt. Die Bauern wollen, daß der Großgrundbesitz, namentlich die unermeßlichen Güter der Krone und des Staates, den Gemeinden überwiesen werde, und daß aus diesem öffentlichen Eigentum jede Familie nach russischem Herkommen ein weiteres Stück Feld bekomme, um ihre Lebensverhältnisse zu verbessern.

Maxim Gorki

Die Soldaten haben einen tiefen Groll, weil ihnen zugemutet wird, für England zu kämpfen. Schon jetzt wird von mehreren Fronten berichtet, daß sie der neuen Revolution sich anschließen. In den Bauern, den Soldaten und den Arbeitern offenbart sich der Wille von achtzig Prozent des russischen Volkes. Niemand kann über eine solche Mehrheit hinweg, die jetzt regierungsmäßig verkörpert ist in einem Kriegsrevolutionskomitee aus dem Arbeiter- und Soldatenrat von Petersburg. Kerenski mußte fallen, weil er sich von den Ständen, welche die Mehrheit des russischen Volkes sind, abgewendet hat. Er wollte von der nationalistischen Politik nicht lassen und hat in einem Lande, wo der Krieg als schwerstes Unglück empfunden wird, über den Frieden gesprochen, wie die Entente es ihm auf die Zunge legte. Lenin und die von ihm veranstaltete Revolution sind lebendige Verneinungen der nationalistischen Schichten der Gesellschaft. Die Ereignisse im März sollten mehr bedeuten als den bloßen Wechsel der Verfassungsform, als die bloße Wendung von einem Zaren zu einem sozialistischen Diktator. Die neue Revolution ist grundsätzliche Vertiefung und will ausmerzen, was die nationalistische Politik verbrochen hat.

Deshalb ist sie auch eine Herausforderung der nationalistischen Parteien in London und in Paris. Mit diesem Gegner, der sich für Straßburg und für den Handelsneid nicht verbrauchen lassen will, dürften England und Frankreich schwerlich fertig werden. Die Revolution in Petersburg hat an dem Tage begonnen, an dem die italienische Tagliamentofront zusammengebrochen ist. Hier sind natürliche Verbindungen, die sich von selbst ergeben müßten, wenn der Zufall sie nicht geschaffen hätte. Die Friedensfrage steht vor der Tür von England. Sie läßt sich nicht abschütteln wie eine unbequeme Note der Mittelmächte oder des Papstes. Was nützte der Hochmut, wenn das Kriegsrevolutionskomitee in Petersburg den Nachweis führen könnte, daß es die Bauern, die Soldaten und die Arbeiter vertritt und daß hundert Millionen und noch mehr die Waffen niederlegen wollen.

Die Demokratie ist Herrschaft des Volkswillens und so wird England gezwungen sein, hinzuhorchen, wenn einer seiner Verbündeten erklärt, daß er Verhandlungen über den allgemeinen Frieden wünsche. Rußland kann nicht aus der Entente gestrichen werden, und ist sein Vorsatz so fest, wie nach der heutigen Kundgebung und nach der Vergangenheit von Lenin geschlossen werden müßte, dann würde die Krise für die Politik der Kriegsverlängerung anfangen und die Wirkung des Hinweises auf das Gespenst des preußischen Militarismus versagen. Die Frage ist: Haben bei der unblutigen Veränderung in Petersburg die Bauern, die Soldaten und die Arbeiter gesiegt. Wenn diese erdrückenden Massen zusammenstehen, kann England ihnen nichts anhaben und wird sich hüten, sie gänzlich abzustoßen und dem Volke den Glauben beizubringen, daß es nur durch Losreißung von den Verbündeten frei und glücklich werden könne. Lenin hat keine Anlage zur Nachgiebigkeit und schon der Gegensatz zu Kerenski und zu den von ihm verachteten Kadetten drängt ihn zur Friedenspolitik und vor allem zur Einstellung der Feindseligkeiten.

Welch ein Tag für die Entente. Die italienische Armee zerrinnt, so daß die Zahl der Gefangenen schon eine Viertel-Million erreicht hat. Die deutsche Ostseeflotte ist vor Helsingfors, der Hauptstadt von Finnland, wie die Botschaft der Erlösung eingetroffen. Die neue Revolution in Rußland ist eine schwere politische Niederlage der britischen Kriegspolitik. England ist nicht stark genug, gegen die Gefahren achtlos zu sein, die entstehen könnten, wenn es gegen einen Friedenswunsch des russischen Kriegs-Revolutionskomitees trotzig bleiben wollte. Die Bauern, die Arbeiter und Soldaten müssen Gehör finden, weil Lenin sich nicht einspinnen läßt wie Kerenski, dessen Schicksal vor gleichem Abfalle vom Frieden warnt.

Die Menschen, die, im Deutschenhasse erzogen und panslawistisch angekränkelt, sich zur Unbefangenheit nicht erheben konnten, sind aus der Macht verschwunden. Die Bekenner der Entente sind im Kerker oder flüchtig. Der Minister des Äußern ist ein Gefangener; gestern hat er noch mit Botschaftern verhandelt und heute ist er verhaftet. Kerenski ist von Arbeit und Siechtum beinahe aufgezehrt und muß jetzt vor den Häschern sich verbergen, um das nackte Leben zu retten. Eine Revolution gegen den Krieg und für den Frieden wird aus Petersburg gemeldet. Die Armee stimmt zu. Das Volk will sich den Gedanken nicht fälschen lassen, für den es gekämpft und gelitten hat. Freiheit und Frieden wollte es haben. England wird sie nicht leicht verweigern können. Von Petersburg können Ausstrahlungen sein bis nach Rom.

Transkript: Werner Nosko

Weiterer Beitrag:
Sieg Lenins – Die Russische Revolution



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