Der Tantalus-Komplex. Kapitalismus und Wachstum

Diego Fusaro: Teil 20

Als Tantalus-Komplex bezeichne ich jene Form der aktuellen Unbegrenztheit, die in der globalisierten, turbokapitalistischen Gesellschaft vorherrscht. Was bedeutet Tantalus-Komplex? Wie Hegel in seinen „Vorlesungen über Ästhetik“ erklärt, ehrten die Griechen der Antike das Begrenzte, das Maß. Und nicht zufällig wurde die Maßlosigkeit…

 

…bei den alten Griechen als göttliche Strafe für die Sterblichen aufgefasst.

Die Maßlosigkeit, Hegels „schlechte Unendlichkeit“, ist für jenen Philosophen in der Tat eine göttliche Strafe. Es ist kein Zufall, laut Hegel, dass sämtliche von den Göttern an die Menschen erteilten Strafen in der griechischen Welt sich durch Unendlichkeit kennzeichnen. Auf ewig schiebt Sysyphus seinen Felsblock den Berghang hinauf, und immer wieder rollt dieser ins Tal.

Auf ewig wird Prometheus´ Leber von den Adlern gefressen. Auf ewig versucht Tantalus Durst und Hunger zu löschen. Die Griechen der antike waren Träger der von mir beschriebenen „Metaphysik der angemessenen Begrenzung“, und verurteilten, ja dämonisierten die Unbegrenztheit, die Maßlosigkeit jeglicher begrifflicher oder symbolischer Bestimmung als etwas in sich Negatives.

Die gesamte griechische Kulturwelt zeichnet sich durch solch eine einheitliche Auffassung und Ausdruck aus, die einer Ablehnung der Maßlosigkeit samt Lob der Begrenzung gleichkommen. Es handelt sich um ein auf kultureller, politischer und sozialer Ebene ausschlaggebendes Kriterium. Im Gegensatz hierzu könnte man sagen, innerhalb der vollendeten kapitalistischen beziehungsweise fragmentierten Gesellschaft habe sich gegenwärtig allein die Unbegrenztheit als richtungsweisend durchgesetzt. Wächst diese unentwegt, so scheint alles in Ordnung zu sein: Dies ist wohl das makabre Wesen unserer Zeit, einer Zeit der Maßlosigkeit eben, Zeit der vorherrschenden schlechten Unendlichkeit ganz im Sinne der unbegrenzten Akkumulation, der maßlosen Produktion, des endlosen Fortschrittes, des unbegrenzten Wachstums – von den Volkswirten und den neoliberalen Parolen des kapitalistischen Systems stets gepriesen.

Die Tantalusqualen sind heute ein alltäglicher Zustand, die Bühne, auf der sich die ganz gewöhnliche gegenwärtige Postmoderne abspielt. Denken wir beispielsweise an „Coca Cola“: Coca Cola ist die formvollendete Tantalusqual, indem sie verspricht den Durst zu löschen und ihn dabei immer aufs Neue weckt. So wird der Mensch zur tragischen Figur des Tantalus verdammt; er erfährt die göttliche Strafe, infolge derer der Durst niemals erlischt. Hinter dem falschen Versprechen der Befriedigung versteckt sich – Kennzeichen der Konsumgesellschaft! – die Notwendigkeit, Bedürfnisse immer aufs Neue wachzurufen.

Die Konsumgesellschaft verspricht eine scheinbare Befriedigung und verfolgt in Wirklichkeit exakt das Gegenteil, indem sie unaufhörlich weitere Wünsche entstehen lässt. Der Verbraucher gibt sich somit dem Konsumritual hin; der Konsumgegenstand kommt wiederholt in den Umlauf und lässt dadurch einen perversen Teufelskreis aus Konsumetappen entstehen, indem eine Etappe die darauffolgende bereits vorwegnimmt, ganz nach der Logik der schlechten Unendlichkeit, die die kapitalistische Gesellschaft kennzeichnet.

Tantalusqualen in vollendeter Form. Die nach Auffassung der griechischen Antike tragische Strafe durch die Götter wird heutzutage zu einer selbstverständlichen, in sich positiven Lebensweise. Diese vollstreckt nicht nur die Umkehrung der griechischen Kultur des Maßes – unsere Epoche kann wohl in jeder Hinsicht als antigriechisch bezeichnet werden –, sondern steht ebenfalls für einen nunmehr ausgereiften Kapitalismus, der sämtliche Voraussetzungen und Versprechungen erfüllt.

Alles wird in der Gegenwart zur Ware, alles wirkt unbegrenzt. Jegliche Ansätze von Mäßigung, jegliche Form bürgerlicher Ethik oder von Begrenzung sind verpönt.

Transkript: Werner Nosko

Bild: Copyright 2009-2015 dustycrosley from DeviantArt



DIEGO FUSARO ist politischer Kommentator; Journalist; Gegner des Kapitalismus; Gegen das europäische Bankensystem und des globalisierten Einheitsdenkens Er widmet sich dem Studium der Philosophie aller Zeiten, vor allem Marx und Gramsci, um ein soziales Projekt zu verwirklichen, um folglich die Aufmerksamkeit der Politiker auf spezifische Programme zu lenken, wo die Priorität das erniedrigte Volk der Erde sein wird, sowie die Berücksichtigung der verschiedenen Kulturen und deren Ausdruck – möglicherweise, wo sie sich entwickelt haben.

Die weltweite Verbreitung, und Übersetzung seiner Botschaften ist ausdrücklich erwünscht.


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