Durch den Deutschen Gesandten in Warschau im Polnischen Außenministerium übergebene Aufzeichnung

 

Schon am 20. November 1920 sah sich die Deutsche Regierung genötigt, aus ihrer Zurückhaltung herauszutreten und der Polnischen Regierung eine umfassende Beschwerde zu überreichen. Sie mußte feststellen, daß »der Deutsche in Polen vogelfrei« sei.

 

Auszug

…. Bisher ist von einer Sammlung und Einreichung des deutscherseits zahlreich vorliegenden Beschwerdematerials abgesehen worden, weil die Deutsche Regierung der Hoffnung lebte, die infolge der damaligen kriegerischen Ereignisse erregte Stimmung an den beiderseitigen Grenzen würde durch besonnene Haltung der Bevölkerung und der amtlichen Stellen sich allmählich beruhigen. Deswegen ist auch vermieden worden, durch Bekanntmachung besonders belastender Fälle in der Presse die Öffentlichkeit in Deutschland erneut zu erregen.

Nunmehr sieht sich die Deutsche Regierung aber genötigt, angesichts der dauernden amtlichen Schritte der Polnischen Gesandtschaft in Berlin und der meist gleichzeitig erscheinenden Ankündigung solcher Schritte in der polnischen Presse sowie mit Rücksicht auf die hierdurch stark beunruhigte deutsche öffentliche Meinung, aus dem vorliegenden Material einige besonders schwerwiegende Tatsachen zur Kenntnis der Polnischen Regierung zu bringen. Sie bemerkt dabei, daß sie sich bei dem Umfange dieses Materials versagen muß, Einzelfälle anzuführen, daß aber die Unterlagen für die geschilderten Tatsachen auf Wunsch jederzeit zur Verfügung gestellt werden können.

Willkürliche Verhaftungen von Deutschen sind in allen Teilen des abgetretenen Gebietes bis in die allerletzte Zeit vorgekommen. Mitunter wird ein willkürlicher Grund vorgeschützt, der sich nachher als nicht stichhaltig erweist. In einigen Fällen ist den Betreffenden sogar der Grund der Verhaftung überhaupt nicht bekanntgegeben worden. Eine Vernehmung findet häufig erst nach längerer Haft statt.

Verschiedentlich sind solche ohne ersichtlichen Grund verhafteten Deutschen aus ihrer Heimat abtransportiert worden; über ihren Verbleib wurden die Angehörigen nicht unterrichtet, so daß sie keine Nachforschungen anstellen konnten.

Die Behandlung der Inhaftierten läßt oft sehr zu wünschen übrig. Über Unterbringung in Räumen, welche zur Aufnahme von Menschen nicht geeignet erscheinen, sowie über zu enge Belegung dieser Räume, mangelnde Lüftung und Heizung, unzureichende Kost und gänzlich mangelnde Bewegungsfreiheit wird verschiedentlich geklagt. Daß die Verhafteten häufig mit allerlei Gesindel und Verbrechern niedrigster Sorte zusammen eingesperrt werden, verursacht umso stärkere Erregung der öffentlichen Meinung, als es sich in den meisten Fällen um angesehene Bürger, Beamte, Geistliche und führende Männer des Wirtschaftslebens handelt.

Völlig schutzlos bleiben die Gefangenen oft gegenüben Beschimpfungen, Mißhandlungen, Beraubungen und Erpressungen durch das untere Gefängnispersonal oder durch Militärpersonen.

In verschiedenen Fällen hat die Verhaftung und die mit ihr verbundene schlechte Behandlung das Ziel der wirtschaftlichen Verdrängung des Betreffenden erreicht und ihn zum Verkauf seines Besitztums gefügig gemacht. Obwohl die polnische Regierung das feierliche Versprechen abgegeben hatte, die Bevölkerung deutscher Abstammung nicht zum Heeresdienst heranzuziehen, ehe sie nicht allgemein von ihrem Optionsrecht Gebrauch machen konnte, haben in verschiedenen Bezirken Musterungen stattgefunden, in denen die Deutschen, falls sie nicht in das polnische Heer eingereiht werden wollten, zur vorzeitigen Abgabe einer Optionserklärung gezwungen wurden. Hierbei waren die Optanten in zahlreichen Fällen Beschimpfungen und Mißhandlungen ausgesetzt. Verschiedentlich sind Optionsberechtigte in das polnische Heer eingestellt worden, obwohl sie erklärten, für Deutschland optieren zu wollen. In mehreren Bezirken wurden diejenigen, welche für Deutschland optiert hatten, deswegen ausgewiesen. Auch hierbei sind Mißhandlungen und Beraubungen vorgekommen. Derartige Beschränkungen des Optionsrechtes haben sich noch bis in die letzte Zeit wiederholt, obgleich inzwischen Weisungen der Polnischen Regierung zur Abstellung dieses Mißbrauches ergangen sind.

Auf der Durchfahrt durch den Korridor werden selbst in den Durchgangszügen noch immer Reisende wegen angeblicher abfälliger Äußerungen über den polnischen Staat oder wegen Unregelmäßigkeiten bei der Paßrevision aus dem Zuge heraus verhaftet und ohne Grund über Gebühr lange unter unwürdiger Behandlung festgehalten; verschiedentlich sind solche Reisende beschimpft, mißhandelt und ihrer Habe beraubt worden.

Aber auch den in Polen verbliebenen Deutschen ergeht es vielfach nicht besser. Auch hier liegen zahlreiche Fälle von Beschimpfungen vor. Auf die berechtigten Empfindungen der deutschen Minderheit wird häufig nicht die erforderliche Rücksicht genommen; Denkmäler, die der alteingesessenen Bevölkerung heilig und teuer waren, sind in Thorn und anderen Orten besudelt und beschädigt worden; Deutsche werden unter Drohungen gezwungen, polnische Lieder zu singen; Verhaftete müssen sich bei Revision der Zelle als »Deutsches Schwein« melden; Leute, die soeben für Deutschland optiert haben, werden gezwungen, Polen hochleben zu lassen; Evangelische müssen an Stelle ihrer Konfession angeben, sie seien »verrückt«. Große Erbitterung hat die körperliche Untersuchung angesehener Frauen und Mädchen in Soldau nach dem Abzuge der Bolschewisten hervorgerufen. Beraubungen und Mißhandlungen von Deutschen sind an der Tagesordnung. Polnische Beamte dulden solche Vergewaltigungen, ohne einzuschreiten.

Verschiedentlich ist die Tatsache, daß die Deutschen um ihres Deutschtums willen verfolgt werden, von amtlichen Organen ganz offen zugestanden worden. So hat der Distriktskommissar in Argenau einem für Deutschland optierenden Landwirt angedroht, daß man seinen in Polen verbleibenden Vater, einen einarmigen Invaliden, nicht lange auf seinem Anwesen belassen werde.

Vom Starosten[1] in Putzig wurde Ende August der verschärfte Belagerungszustand verhängt, weil die dortigen Militärpflichtigen größtenteils für Deutschland optiert hatten. Weiter hatte er verfügt, daß alle ansässigen Deutschen ihre Optionserklärung bis Ende September d. J. abzugeben hätten, widrigenfalls sie der sofortigen militärischen Einziehung unterliegen würden. Die für Deutschland Optierenden müßten binnen 12 Monaten das Land verlassen. Der Starost von Graetz hat vor kurzem die deutschen Bürger der Stadt in einem Saale versammelt und sie durch Militär mit vorgehaltenem Bajonett zwingen lassen, ein von ihm verfaßtes Telegramm an die deutsche Regierung zu unterzeichnen, in dem gegen die angebliche Bedrückung polnischer Bürger in Deutschland Stellung genommen wird.

Eine systematische Deutschenhetze betreibt der Starost von Kulm, indem er in öffentlichen Versammlungen auf dem Marktplatze zu Kulm die Volksmenge gegen die Deutschen aufhetzt. Hierbei hat er unter anderem erklärt, wenn ein Deutscher wage, irgendetwas gegen den polnischen Staat zu sagen, so solle man ihn mit Stricken binden und ihn durch die Straßen zur Starostei oder aufs Gericht schleifen. Ende August hat er die Reichsdeutschen und diejenigen, welche die Optionserklärung für Deutschland abgegeben hatten, kurzerhand ausgewiesen und sie bei ihrem Abzuge aufs ärgste gepeinigt. Die von ihm angeordneten willkürlichen Verhaftungen haben unter der deutschen Bevölkerung große Beunruhigung und Erbitterung hervorgerufen.

In einer ganzen Reihe von Fällen Sind Deutsche von Polen ermordet worden. Manche dieser Verbrechen sind bisher ungesühnt geblieben. In anderen Fällen ist die erbetene Aufklärung bisher nicht erfolgt.

Wo es sich um Erschießungen durch Grenzsoldaten handelt, haben diese in mehreren Fällen die deutsche Grenze Überschritten und auf deutschen Boden widerrechtlich von ihrer Waffe Gebrauch gemacht. Um sich der Strafe zu entziehen, haben sie sogar mehrfach die Leiche auf polnisches Gebiet geschafft. Die meisten Fälle lagen so, daß ein Waffengebrauch überhaupt nicht gerechtfertigt war.

Die vorstehende Zusammenstellung erbringt den erdrückenden Beweis dafür, daß der Deutsche in Polen zur Zeit keineswegs die feierlich zugesagte Gleichberechtigung genießt, daß er vielmehr fast überall geradezu als vogelfrei gilt…

[1] Starost Landrat,  der Kreisleitung

Transkript: Werner Nosko

Siehe auch:
Vertrag zwischen den Alliierten und Assoziierten Hauptmächten und Polen (Versailles, 28. Juni 1919)
Polen als Stolperstein für den Frieden nach Versailles

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