Die Britische Intervention bei der Ausreise Kaiser Karls aus Österreich

Die britische Politik beschäftigte sich in den Wochen vor und nach der Eröffnung der Pariser Friedenskonferenz nur wenig mit Österreich betreffenden Problemen und zeigte nur wenig Neigung, sich in die noch nicht übersehbare politische Entwicklung Mitteleuropas einzumischen. Es muß deshalb als eine Ausnahme mit besonderem Hintergrund angesehen werden, wenn sich das Foreign Office und die britische Delegation…

…in Paris Anfang Februar plötzlich und unerwartet für das Schicksal Kaiser Karls zu interessieren begannen.

Kaiser Karl I.

Der letzte österreichische Kaiser führte seit seiner Verzichtserklärung* vom 11. November 1918 in Schloß Eckartsau eine staatsrechtlich nicht geklärte Existenz, die der Regierung Deutschösterreichs Anlaß zu ständiger Besorgnis gab. Karls Position in Eckartsau, nahe bei Wien, war seit Anfang des Jahres 1919 für den Staatsrat der jungen Republik untragbar geworden und die ganze Angelegenheit bedurfte, schon wegen der bevorstehenden Wahlen, einer baldigen Lösung. Die vom Staatsrat beabsichtigten „Schritte zur Klarstellung der staatsrechtlichen Ordnung“ [1]) konnten nur bedeuten, daß man einen Weg finden mußte, den Kaiser zum Verlassen des Landes, möglichst mit vorhergehender Abdankung, zu bewegen. Großbritanniens überraschende Einmischung in die Umstände um Kaiser Karls Ausreise in die Schweiz ersparte der deutsch-österreichischen Regierung schließlich nicht alle Unannehmlichkeiten, bewahrte sie jedoch davor, dieses Problem ausschließlich mit eigener Initiative lösen zu müssen.

Gordon Brook-Shepherd schreibt in seiner Kaiser-Karl-Monographie über das „wie ein Blitz aus heiterem Himmel“ erfolgende Eingreifen von britischer Seite: „Eine schützende Hand streckte sich plötzlich über den Kontinent nach Eckartsau aus. Der britische Herrscher, König Georg V., hatte von den Schwierigkeiten und der Gefährdung Karls erfahren.“ [2]) Kaiserin Zita habe Brook-Shepherd in dem Sinne informiert, daß ihre Brüder Sixtus und Xavier an einem der ersten Tage des Februar 1919 „aus eigenem Antrieb und auf eigene Verantwortung“ sich zuerst an Präsident Poincaré und dann an König Georg gewandt hätten.

Als der britische König dabei über die gefährliche Lage, in der sich der österreichische Kaiser und seine Familie befänden, informiert worden sei, habe er sich an das Schicksal der russischen Zarenfamilie erinnert gefühlt und sogleich versprochen, alles Notwendige zum Schutze der kaiserlichen Familie zu veranlassen. [3]) Es ist vor allem Kaiserin Zita, die, nach Brook-Shepherd, das britische Eingreifen direkt auf die Vorsprache der Prinzen Sixtus und Xavier bei König Georg zurückführt. Das britische Aktenmaterial erlaubt einen solchen Schluß allerdings nicht. Sind die Archivbestände des britischen Königshauses auch nicht zugänglich, so weisen die vorliegenden Dokumente aus dem Foreign Office auf einen anderen Ursprung der britischen Intervention, ohne daß die Bedeutung des Besuches der beiden Prinzen beim britischen König damit gänzlich abgewertet werden soll. [4])

Schon am 1. Februar 1919 übermittelte der Direktor des Military Intelligence ein am 26. Januar von General Bridges, dem britischen Oberkommandierenden auf dem Balkan, in Saloniki aufgegebenes Telegramm an das Foreign Office. In diesem wurde mitgeteilt, daß General Franchet D‘Esperey, der Oberbefehlshaber der auf dem Balkan stehenden alliierten Truppen, aus verläßlicher Quelle von der Absicht, das österreichische Kaiserpaar zu ermorden, erfahren habe und deshalb die Entsendung eines Vertreters der britischen Mission in Wien nach Eckartsau empfehle. [5]) Major General Thwaites, der Direktor des Military Intelligence, hielt jedoch die Entsendung eines Vertreters der Militärmission in Wien für unangebracht, da dies das Mißtrauen der Tschechen erwecken müsse und er regte an, statt dessen einen Bevollmächtigten des Foreign Office zu entsenden. Lord Curzon, der Vertreter des in Paris weilenden Staatssekretärs Balfour, sah sich nicht in der Lage, diesem Vorschlag zu entsprechen, doch informierte er Balfour sogleich über die angebliche Gefahr, in der Kaiser Karl und seine Familie schwebten und er fügte hinzu, „that the assembled delegates of the Powers at Paris may consider it advisable to address a warning to the Government at Vienna …“ [6]). Balfour wollte dies nicht, denn er befürchtete, daß eine Einmischung der Friedenskonferenz mehr schaden als nützen würde. Doch auch er wünschte, daß der wahre Sachverhalt über die Lage des Ex-Kaisers aufgeklärt würde und er sprach sich deshalb für die sofortige Entsendung eines Mitgliedes der Militärmission in Wien nach Eckartsau aus. [7])

In London hatte man allerdings schon vor dem Eintreffen von Anweisungen aus Paris gehandelt und am 5. Februar ein Telegramm an Oberstleutnant Cuninghame, den Chef der britischen Militärmission in Wien, gesandt. Dieser wurde beauftragt, sofort einen verläßlichen Offizier nach Eckartsau zu entsenden, „who should give the moral support of the British Government“ und der versuchen sollte, die Lebensbedingungen der kaiserlichen Familie zu verbessern. [8]) Der über die Ereignisse in Österreich gut informierte Cuninghame mochte den Ermordungsgerüchten nicht recht glauben, wie er später in einem Artikel über die Ausreise Kaiser Karls berichtet:
„It was never explained who it was who wished to murder the Royal Couple, nor was it ever said whether the supposed plot was local or otherwise. The Chief of the Austrian Police – Dr. Johann Schober, afterwards State Chancellor, – was a devote and faithful servant of the Habsburgs. His best detectives kept unremitting watch over the Chateau of Eckartsau. If there had been any local plot he would probably have heard of it.“ [9])
Schober selbst habe laut Aussage Cuninghames die Mordgerüchte für nichts anderes als ein Komplott, „to interest Buckingham Palace in the shooting lodge of Eckartsau“, gehalten [10]) , ein Verdacht, der, zieht man die Verbindungen der österreichischen Aristokratie zu katholischen Adelskreisen in Frankreich und sogar in England in Betracht, zutreffen mag. General Franchet D’Esperey und General Bridges verfügten möglicherweise über entsprechende Beziehungen; der britische Generalverband mit seinem Bericht über die Schutzbedürftigkeit der kaiserlichen Familie jedenfalls den Hinweis auf das Kaiserpaar, „whose present policy of separating Catholic Austria (von Deutschland) is favourable to Allies.“ [11])

Cuninghame hatte, sofort nachdem er angewiesen worden war, Kaiser Karl unter britischen Schutz zu stellen, Kontakt zu Staatssekretär Otto Bauer aufgenommen. Am 17. Februar teilte er Bauer mit, daß die Entsendung eines britischen Offiziers nach Eckartsau lediglich als „Vorsichtsmaßregel … zum Zwecke des erhöhten Schutzes für den ehemaligen Kaiser“ gedacht sei. [12]) Bauer hielt diese Maßnahme, wie er Cuninghame gegenüber in einer Unterredung feststellte, nicht für notwendig, denn er könne sich nicht vorstellen, daß irgendwelche Österreicher Böses gegen den Kaiser planten. „If you think otherwise“, habe der Staatssekretär gesagt, „by all means do as you wish, but in that case let us publish in the press that the suggestion comes from you“. [13]) Am 21. Februar wurde die Öffentlichkeit, ohne daß die Mordgerüchte erwähnt worden wären, von der Entsendung eines britischen Offiziers als „Ehrenkavalier“ nach Eckartsau informiert. [14])
Cuninghame entschloß sich, den Sanitätsoffizier Colonel Summerhayes, der sich schon seit Mitte November in Wien befand, nach Eckartsau zu entsenden. Am 18. Februar begab er sich mit Summerhayes in das Jagdschloß im Marchfeld [15]) und machte dort die Bekanntschaft des Kaisers. Im Verlaufe der freundschaftlichen Unterredung stimmte Karl mit Cuninghame überein, daß ihm aus Wien kaum irgendeine Gefahr drohe; Cuninghame versuchte den Kaiser jedoch davon zu überzeugen, daß ein weiterer Aufenthalt so nahe an der tschechoslowakischen und ungarischen Grenze der unsicheren inneren Verhältnisse in diesen Ländern wegen nicht anzuraten sei. Er schlug Kaiser Karl deshalb eine Übersiedlung in den Westen Österreichs, möglicherweise nach Gmunden, vor. Nachträglich betont er aber: „I was careful to say that I did not suggest departure from Austria.“ [16])

Schon am Tag nach seinem Besuch in Eckartsau, am 19. Februar, ließ der Staatsrat Cuninghame wissen, daß man einen Ortswechsel des Ex-Kaisers, möglichst ins Ausland, für wünschenswert hielte. Dem sei, wie Cuninghame an das Department of Military Intelligence mitteilte, eine Ansprache Staatssekretär Deutschs vorangegangen, in der dieser die bedingungslose Abdankung des Kaisers gefordert habe. Die Frage wäre nun, ob er in dieser Sache in Eckartsau vorsprechen sollte. [17]) Balfour und Lord Curzon hielten es jedoch nicht für angebracht, sich in diese Affäre einzumischen [18]), abgesehen davon, daß man sich schon vorher dazu entschlossen hatte, Cuninghame mit diesem Problem überhaupt nicht mehr in Berührung zu bringen. General Bridges war nämlich einstweilen nicht untätig geblieben und hatte einen Offizier ausfindig gemacht, der im Auftrage des Foreign Office die Aufgabe Colonel Summerhayes übernehmen konnte. Das Kriegsministerium, froh darüber, mit der ganzen Angelegenheit nichts mehr zu tun zu haben, telegraphierte an Cuninghame: „It is an instruction that you have nothing further to do with this matter and that above all you refrain from giving advice to him (the new officer) or to the Emperor, or to anyone else.“ [19])

Der neue Offizier, Oberstleutnant Edward Lisle Strutt, war von katholischem Adel und besaß damit eine Grundvoraussetzung für seinen Posten. Er traf aus Venedig kommend am 25. Februar in Wien ein. Cuninghame und Strutt empfanden von der ersten Begegnung an eine ausgesprochene Abneigung gegeneinander. Während Strutt den Leiter der britischen Militärmission beschuldigte, ihm nicht die geringste Hilfe gewesen zu sein [20]), behauptete Cuninghame nicht zu Unrecht, daß sich bei Strutt ein unerwünschtes Streben „to support the Emperor’s claim in an inopportune moment“ bemerkbar gemacht habe [21]). Der neue „Ehrenkavalier“ Kaiser Karls scheute tatsächlich nicht davor zurück, sich des Ex-Kaisers Hoffnung auf eine britische oder amerikanische Besetzung Österreich-Ungarns, mit dem Ziel einer Restauration der Habsburgerherrschaft, zu eigen zu machen und er berichtete in diesem Sinne an Lord Bradford, einen Kammerherrn des Königs, und an den Politiker Leo Amery. Die politische Entwicklung in Deutsch-Österreich nach der Wahl zur Verfassungsgebenden Nationalversammlung vom 16. Februar ließ aber auch Strutt erkennen, daß sich die Abreise des Kaisers aus Eckartsau nicht würde vermeiden lassen. Am 2. März berichtete er in diesem Sinne nach London. Dabei fragte er weiters an, ob die britische Regierung den Schutz der Abreise des Kaisers, der nicht vorhabe, abzudanken, übernehmen würde. [22]) Das Foreign Office weigerte sich jedoch, irgendeine Verpflichtung zu übernehmen und antwortete lediglich, daß im Falle einer Gefährdung des Lebens des Kaisers und, falls dieser es überhaupt wünsche, „there would be no objection from the political point of view to faciliating his journey to Swiss frontier.“ [23]) Innerhalb der britischen Friedensdelegation in Paris nahm man vor allem die Weigerung des Kaisers, abzudanken, reserviert zur Kenntnis. Sir Eyrie Crow, ein führendes Mitglied der britischen Delegation in Paris, stellte fest: „lt will certainly look strange if in these circumstances we allow it to appeal‘ that Great Britain acts as the emperors special champion.“ [24]) Abgesehen davon, könne man den Kaiser, befinde er sich einmal in der Schweiz, nur mehr schwer zur Verantwortung ziehen, sollte er wegen eventueller Kriegsverbrechen angeklagt werden.

Crowes Befürchtung sollte sich jedoch bald als gegenstandslos erweisen. Cuninghame berichtete nämlich schon zwei Tage nach dem Zusammentritt der neuen Nationalversammlung, am 6. März, über die Absicht der deutsch-österreichischen Regierung, in nächster Zeit ein Gesetz bezüglich Abdankung und Verbannung des Kaisers zu erlassen. Die Regierung wünsche aber Kaiser Karl vor jeder persönlichen Gefahr zu bewahren und befürworte deshalb eine Ausreise vor Inkraftsetzung des Gesetzes. Der schweizerische Gesandte habe aber im Namen seiner Regierung erklärt, daß man nichts gegen eine Durchreise des Kaisers habe, einem Aufenthalt in der Schweiz aber nur zustimmen könne, wenn die alliierten und assoziierten Mächte gewährleisteten, später keinesfalls eine Auslieferung des Ex-Monarchen zu verlangen. [25]) Ausschlaggebend für die Schweizer Haltung waren sicher die Schwierigkeiten, denen sich die Niederlande als Exilland Wilhelms II. ausgesetzt sahen.

Lloyd George, der sich nun ebenfalls mit Kaiser Karl zu beschäftigen begann, wollte jedoch keine sofortige Entscheidung treffen und teilte Curzon mit, daß er erst mit Clemenceau in Verbindung treten müsse [26]). Ob es zwischen den beiden Regierungschefs tatsächlich zu einer Absprache kam, ist ungewiß; jedenfalls brachte Lloyd George die Frage der Kriegsschuld Kaiser Karls schon am 12. März im Obersten Kriegsrat [27]) zur Sprache und schlug vor, das Komitee für Kriegsverbrechen um seine Meinung zu fragen. Der britische Premier wies zudem darauf hin, daß das Kaiserpaar sehr schlecht behandelt würde, „and since the Emperor could in no way be held responsible for the war, it would be pity if he were murdered“ [28]). In einem Bericht über diese Sitzung, der an das War Cabinet in London weitergeleitet wurde, heißt es:

„ … lt was certainly preferable that he (the Emperor) should stay in Switzerland rather than come to one of the Allied countries and we ought to help the Austrian Government who were ready to cooperate with British military authorities in arranging for his escape before introduction of law for abdication and banishment. Difficulty was that Swiss did not wish to be involved in extradition problems such as Dutch would probably have to face owing to German Emperor taking refuge in Holland.“ Von italienischer und amerikanischer Seite seien wohl in mancher Beziehung formale Vorbehalte gemacht worden, doch habe die Diskussion klar gezeigt „that Allies did not me an to prosecute the Emperor and Mister Balfour was asked to have an assurance conveyed confidentially to Swiss Government through the Swiss Minister in London in the name of the Allied and Associated Governments asking them to allow hospitality to the Emperor, an assurance being given, if required to the effect that no difficulties would arise if the Emperor was allowed to reside in Switzerland.“ Weiters sei noch beschlossen worden, daß der Kaiser Österreich so bald als möglich verlassen müsse und von britischer Seite alles unternommen werden solle, die Ausreise zu bewerkstelligen. [29])

„Verzichtserklärung von Kaiser Karl I. vom 11. November 1918

Curzon, der schon am 12. März mit dem schweizerischen Gesandten in London, Carlin, eine informative Besprechung über die Ausreise Karls in die Schweiz gehabt hatte, beeilte sich nun, der Eidgenössischen Regierung mitzuteilen, daß die alliierten und assoziierten Mächte über die Gewährung des Exils an den Kaiser sehr dankbar seien und man, falls notwendig, bereit sei, der Regierung in Bern die vertrauliche Versicherung zu geben, daß sich aus der Anwesenheit des Kaisers in der Schweiz keinerlei Komplikationen ergeben würden. [30]) Sir Horace Rumbold, der britische Gesandte in Bern, erhielt folglich schon am 15. März die Zusicherung für eine unbehinderte Einreise Kaiser Karls in die Schweiz. [31]) Brook-Shepherd und Lorenz [32]) sind der irrtümlichen Meinung, es hätten überhaupt keine Konsultationen zwischen London und Bern über die Einreise Kaiser Karls stattgefunden, obwohl schon wenige Tage nach der Abreise des Kaisers von der Wiener Regierung in der Presse angedeutet wurde, daß die britische Regierung derartige Schritte unternommen habe. [33])

Im Zentrum des Geschehens, in Eckartsau und Wien, sollten die Ereignisse allerdings keinen ganz so glatten Verlauf nehmen, wie es die Entscheidungen in Paris, London und Bern eigentlich vorbereitet hatten. Der Kaiser und besonders seine Gattin hatten sich Mitte März noch keineswegs entschlossen, Österreich zu verlassen. Die neugebildete Regierung war wohl der festen Überzeugung, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, den Kaiser entweder zur Abdankung oder zum Verlassen des Landes zu zwingen, war sich aber nicht im klaren, wie sie ihre Absicht unter den gegebenen Umständen gegenüber dem offenkundigen Schützling Großbritanniens durchsetzen sollte. Colonel Strutt ließ deutlich genug erkennen, welchen Gefallen er an der Rolle des ritterlichen Beschützers des Kaiserpaares gegenüber den ihm verhaßten Sozialisten unter der Führung Renners und Bauers gefunden hatte.

Cuninghame, der sich bislang zurückhaltend verhalten hatte, wurde schon am 15. März, bevor noch die Schweiz eine Einreisebewilligung definitiv erteilte, angewiesen: „Most desirable to get the Emperor out of Austria without delay. All possible steps to be taken to expedite departure.“ [34]) Tags darauf traf er mit Schober zusammen, der sich darüber beklagte, daß Strutt mit seinem undiplomatischen Eifer die Sozialisten aufbrächte, was zu einer raschen Aktion der Regierung gegen den Kaiser führen könnte. Tatsächlich erhielt Cuninghame schon kurz danach von Renner die Mitteilung zugesandt, „that the Joint Committee of the new Government had decided to demand abdication from the Emperor under the pain of banishment … If he declined to abdicate or to leave, he would be interned.“ [35]) Strutt, der am 16. März von Eckartsau nach Wien kam, betonte gegenüber Cuninghame, daß der Kaiser über Renners Ultimatum unterrichtet sei, es aber für einen „bare-faced-bluff“ halte. [36]) Er selbst sei derselben Meinung.

Offensichtlich hatte Strutt zu diesem Zeitpunkt noch keine Kenntnis über die jüngste Entwicklung in Paris und London, so daß er ein Telegramm seines Freundes General Bridges vom 10. März, in dem es hieß: „Persuade Ex-Emperor if possible to remain in Austria. It will be difficult for him to return“, für den letzten Stand der Dinge gehalten zu haben scheint. [37]) Im Foreign Office war man über dieses Telegramm des britischen Oberkommandierenden auf dem Balkan verstimmt und man sandte sofort ein Dementi an Strutt. So erhielt Strutt am Nachmittag des 17. März die Anweisung aus London, daß es höchst ratsam sei, den Kaiser aus Österreich herauszuschaffen und in die Schweiz zu bringen; die britische Regierung könne aber keine Garantien für die Sicherheit der Reise übernehmen. [38]) Strutt verschwieg dem Kaiserpaar diese Nachricht und fuhr sogleich nach Wien, „um herauszufinden, was eigentlich vor sich gehe.“ [39]) Er mußte aber feststellen, daß Cuninghame mit seiner Beurteilung der Lage recht gehabt hatte und veranlaßte deshalb sofort die Vorbereitung eines Sonderzuges auf dem Wiener Westbahnhof, der nach der Bekanntgabe eines Codewortes fahrbereit sein sollte.

Nach Eckartsau zurückgekehrt, bemühte sich der britische Offizier jetzt endlich darum, den Kaiser von der Notwendigkeit der Abreise zu überzeugen; noch aber vergeblich. Strutt berichtete Karls Weigerung, Österreich zu verlassen, sofort nach London, wo man über das Zögern des Ex-Kaisers verärgert war und nicht versäumte, diesen Umstand an König Georg weiter zu melden. [40]) Strutt selbst bekam die Anweisung, dem Kaiser, falls er doch noch auszureisen wünsche, dabei zu unterstützen, jedoch keinerlei Druck in dieser Richtung auf ihn auszuüben [41]). Am 18. März begab sich Strutt abermals nach Wien und er erfuhr in der Schweizer Gesandtschaft von Carl Burckhardt, daß die Schweiz jederzeit bereit sei, den Kaiser aufzunehmen. Am folgenden Tag gelang es Strutt, nach einem Überfall auf einen Lebensmitteltransport, der zur Versorgung von Eckartsau bestimmt war, Kaiserin Zita doch von der Notwendigkeit der Abreise zu überzeugen. Wie er in seinem Tagebuch berichtet, sei ihm dies nur unter der Versprechung gelungen, er werde auf jeden Fall verhindern, daß der Kaiser vorher abdanken müsse. Karl willigte daraufhin ebenfalls ein und Strutt konnte endlich die für die Abreise notwendigen Maßnahmen in Angriff nehmen.

Bevor der Kaiser Österreich verließ, versuchte Renner noch am 22. März die Bedingung zu stellen, daß der Kaiser vor seiner Abreise abdanken müsse. Er rief deshalb Strutt zu sich, dieser wußte aber die Forderung des Staatskanzlers mittels der fingierten Androhung der Einstellung weiterer Lebensmittellieferungen abzuwenden. [42]) Der Fahrt ins Exil stand nun nichts mehr im Wege und so konnte Kaiser Karl, dank der fürsorglichen Organisation Colonel Strutts, Österreich in seinem eigenen Hofzug, mit Gefolge und umfangreichem Gepäck, ungehindert verlassen. Geschützt von einer Handvoll britischer Soldaten durchfuhr der Sonderzug ganz Österreich und überquerte am 24. März die Schweizer Grenze, was von Regierungskreisen sowohl in Wien als auch in London mit Erleichterung zur Kenntnis genommen wurde. Die britische Intervention befreite somit die junge Republik von der unangenehmen Anwesenheit des früheren Monarchen, verhinderte aber nicht, daß dieser vor dem Überschreiten der Grenze seine Ansprüche im Feldkircher Manifest noch einmal in aller Deutlichkeit betonen konnte

Otto von Habsburg

 * Bemerkung: Kaiser Karl verzichtete niemals auf seinen Thronanspruch.

Erst sein Sohn un Thronfolger Otto von Habsburg verzichtete 1961, 39 Jahre nach dem tot seines Vaters, aufgrund der vom Habsburgergesetz als Bedingung für seine Einreise nach Österreich geforderte Erklärung, und verzichtete  auf seine Herrschaftsansprüche.

 

Transkript: Werner Nosko

Quelle: Aufsätze von Robert Hoffmann (1973, Österreichische Nationalbibliothek)

Habsburgergesetze 209-212 vom 03. April 1919

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