Die Schuld am Weltkriege

In einer seiner Reden auf der Londoner Konferenz hat Lloyd Georg wieder einmal den Deutschen die Schuld an dem Ausbruch des Weltkrieges in die Schuhe geschoben und hat erklärt: „In den Augen der Verbündeten ist die Verantwortlichkeit Deutschlands für den Krieg grundlegend und die Basis selbst, auf welcher der Versailler Vertrag aufgebaut worden ist. Wenn man darauf verzichtet, diese Tatsache zu berücksichtigen, wird der Vertrag zunichte.

 


 

Die Schuld am Weltkriege

Daß Zeugnis eines Engländers

 

Wir wünschen also klar zum Ausdruck zu bringen, daß die Verantwortlichkeit Deutschlands als eine res Judicata[1] angesehen werden müsse.

Wir verlangen von Deutschland einfach, daß es sich seiner Verpflichtungen entledige so wie es sie akzeptiert hat, um das von seiner kaiserlichen Regierung begangene Kriegsunrecht wieder gutzumachen, für das es die Verantwortung trägt.“

Lloyd George

Da ist es nun ein sehr interessanter Beitrag zur Schuldfrage,  den der frühere preußische Finanzminister Doktor Südekum eben veröffentlicht hat. Es handelt sich um eine Mitteilung von Fred C. Conybeare an die Leitschrift „Foreign Affair“ (Auswärtige Politik). Herr Conybeare, ein Professor in Cambridge, der schon während des Krieges in seinem Heimatlande mutig für die Wahrheit gefochten hat, knüpft an eine sehr wichtige Enthüllung in den jüngst veröffentlichten, Denkwürdigkeiten des Admirals Lord Fisher, erster Seelord der Admiralität, an, worin dieser darlegt, es sei sein Plan gewesen, beim Ausbruch des Krieges sofort erhebliche russische Streitkräfte unter dem Schutze der englischen Flotte von Kronstadt nach der pommerischen Küste zuwerfen, um von dort aus Berlin zu bedrohen und die gegen Rußland operierenden deutschen Heere im Rücken zu fassen. Mit den Geheimverträgen über ein Zusammenwirken der englischen und der russischen Flotte gegen Deutschland, die die Bolschewiken veröffentlicht haben und deren Echtheit die Engländer nicht abstreiten konnten, sind auch Geheimdepeschen bekanntgegeben worden, die länger als einen Monat vor Ausbruch des Krieges zwischen Paris und Petersburg gewechselt wurden und von der Entsendung britischer Transportschiffe nach Kronstadt handelten. Es stützen sich also die Darlegungen von Lord Fisher, (der bekanntlich immer dafür eingetreten ist, die deutsche Flotte vor der Kriegserklärung zu überfallen und mit einem gewaltigen Schlage zu vernichten) und die russischen Enthüllungen gegenseitig so zuverlässig, daß ein Zweifel an dem Bestehen eines solchen Planes, also an dem Bestehen englischer Angriffsabsichten nicht mehr möglich ist.

Jetzt bringt Herr Conybeare den Beweis nicht nur dafür, daß der Plan bestanden hat, sondern daß seine Ausführung schon in die Wege geleitet worden war. Herr Mac Lelland, jetzt Kaufmann in New York, früher Agent von Lloydsbureau in St. Petersburg, hat jüngst vor vier Zeugen das Geständnis gemacht, er, Mac Lelland, habe wenige Tage vor dem 28. Juni 1914 von London die gekabelte Anweisung erhalten nach Kronstadt zu gehen und dort eine große Flotte englischer Handelsschiffe in Empfang zu nehmen, die von England nach dem baltischen Hafen entsandt worden war. Mac Lelland fand die Schiffe zu seinem Erstaunen nicht beladen, sondern leer und erfuhr bei seinen Erkundigungen nach dem Grund des seltsamen Umstandes, daß die Schiffe zum Transport russischer Truppen zwecks Landung an der pommerschen Küste unter dem Schutze des Feuers englischer Panzer bestimmt seien.

Der Bürgermeister von St. Petersburg oder doch jedenfalls derjenige hohe Beamte, der die Funktion dieses Amtes erfüllt, sagte ihm am gleichen Tage, daß der Krieg unmittelbar bevorstände. Die Überführung englischer Schiffe nach Kronstadt, um einen Überfall auf die deutsche Ostküste zu ermöglichen, hat staatgefunden, bevor sich der Mord[2] in Sarajevo ereignete, der dann das Verhängnis auslöste.

Herr Lloyd George war im Juni 1914 Mitglied des englischen Kabinetts Asquith. Willer behaupten, daß er von allen diesen Vorgängen keine Ahnung gehabt hat? Er war damals Finanzminister, ohne dessen Zustimmung die höchst kostspielige Charterung zahlreicher englischer Leerdampfer und ihre Überführung nach Kronstadt einfach unmöglich gewesen wäre.

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[1] Als res Judicata bezeichnet man in der Juristensprache ein rechtskräftig ergangenes Urteil durch ein anderes Gericht bzw. eine als rechtskräftig anerkannte Sache.
[2] Am 28. Juni 1914 wurden der Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Gemahlin Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg bei ihrem Besuch in Sarajevo von Gavrilo Princip, einem Mitglied der serbisch-nationalistischen Bewegung Mlada Bosna, ermordet.

Die Schuld am Weltkriege

Fraktur

Transkript: Werner Nosko

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