Gegen Leihmutterschaft, Verdinglichung und Klassismus*

Diego Fusaro: Teil 14

Gegen Leihmutterschaft, Verdinglichung und Klassismus*

Vor knapp zwanzig Jahren hätte man es für absolut unvorstellbar gehalten, doch heutzutage scheint die Opposition gegen dieses Verfahren unvorstellbar zu sein. Jeder, der Ablehnung ausdrückt, wird von der tugendhaften Selbstgefälligkeit der Spießer der Klage unterworfen, ein rückständiger, ein Extremist und ein Antimodernist zu sein.

Hiermit meine ich die sogenannte „Leihmutterschaft“, die die Scheinheiligkeit des Einheitsdenkens und die listige Neusprache taktvoll als „Ersatzmutterschaft“ definieren – eine Kategorie, die für Orwells 1984 geeignet erscheint.

Eigentlich scheint die Leihmutterschaft eine positive Entwicklung zu sein, die man mit Freude betrachten kann. Die Leihmutterschaft  (wie man zum Beispiel auf der Webseite www.leihmutter-schaft.de lesen kann) erlaubt allen, „das Elternglück zu erleben“, und zwar dank einer Frau die für die Schwangerschaft und die Geburt ihre Gebärmutter zu Verfügung stellt.

Es hört sich ja wie ein positives Verfahren an, wodurch auch Frauen die aus verschiedenen Gründen unfruchtbar sind, Mütter werden können. Das Problem ist jedoch, dass im Zeitalter der universellen Scheinheiligkeit eben das herausgelassen wird, was aus einer marxistischen und strukturellen Perspektive den wesentlichen Punkt darstellt: Es ist immer die kalte Logik des Freihandels, die das System untermauert, infolgedessen eine Frau einer anderen Frau ihre Gebärmutter zur Verfügung stellt, denn es um etwas, das verliehen wird, es geht um einen Teil des menschlichen Körpers der zu Ware wird.

Das Kapital, das früher am Eingang der Fabriken blieb, hat heute das nackte Leben in sich aufgesaugt, es ist biopolitisch geworden und hat auch die Gebärmutter der Frauen in seinem Klammergriff. Der alte Slogan der Feministinnen, „es ist meine Gebärmutter und ich  kümmere mich selbst darum“, das Ergebnis des langen Kampfes um Emanzipation der Frauenbewegung, ist heute von der kapitalistischen Ordnung manipuliert worden, um ihrer einzigen Norm zu dienen, der Maximierung des Wertes: Es ist meine Gebärmutter und ich entscheide selbst, wem ich meinen Körper verleihe.

Keine Einschränkung, keine Grenze, keine Religion mehr, du hast dich von Gott und von der alten bürgerlichen Moral befreit, du kannst selbst über deine Gebärmutter entscheiden, doch dieses „kannst“ ist immer in den Grenzen der Marktgesellschaft, du kannst es und du wirst es in Wahrheit auch tun müssen.

Du kannst, denn keiner schreibt dir das vor oder zwingt dich dazu, du wirst es tun müssen, denn die schwierigen sozioökonomischen Bedingungen, die Armut, die befristeten Arbeitsverhältnisse die Arbeitslosigkeit werden dich dazu drängen, damit du nicht verhungerst.

Die ökonomisch schwächeren Frauen, das ist vorhersehbar, wird man als Instrument zur Mutterschaft verwenden, denn diese Aufgabe erfordert zu viel Verantwortung und Anstrengung, um im frenetischen Rhythmus des Lebens einer Karrierefrau in der Marktgesellschaft ihren Platz zu finden. Die ärmeren Frauen, die den ärmeren Schichten der Gesellschaft angehören, werden gezwungen sein, den eigenen Körper zu vermieten; die Logik des Kapitals führt dazu, jene ethische, moralische und religiöse Grenze zu überschreiten, um das Gesetz der allmächtigen Kommerzialisierung des Tauschwertes ohne übriggebliebene ethische und moralische Einschränkungen überall zu verbreiten. Alles wird zur Ware, wie uns schon Marx im Jahre 1846 gewarnt hatte. Wie sich herausstellt, die Gebärmutter auch.

Die Praxis der Leihmutterschaft enthüllt noch einmal die Abscheulichkeit, in welcher die kapitalistische Ordnung versinkt: Kommerzialisierung der Körper, Verletzung der menschlichen Würde, Erniedrigung und Verdinglichung des Lebens und der Zeugung; all dies wird als erlösend und fortschrittlich betrachtet, was ja Ausdruck eines historischen Paradoxons ist.

Wer den Schaden hat, braucht den Spott nicht zu sorgen: Die Kräfte, die eigentlich gegen das Kapital Widerstand leisten sollten, fahren jetzt unter der anderen Flagge und dienen den Interessen des Kapitals. Pasolini hatte die Spaltungen der kapitalistischen Modernisierung völlig verstanden, er hatte die Illusion des falschen Fortschrittes begriffen, der als trojanisches Pferd fungiert, damit das Kapital alles in sich verschlingen kann, auch das nackte Leben und die Gebärmutter, wie natürlich auch unsere Köpfe.

*Klassismus bezeichnet Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position und richtet sich überwiegend gegen Angehörige einer „niedrigeren“ Sozialen Klasse.


Gegen Leihmutterschaft. Verdinglichung und… von nprnews

Transkript: Werner Nosko

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DIEGO FUSARO ist politischer Kommentator; Journalist; Gegner des Kapitalismus; Gegen das europäische Bankensystem und des globalisierten Einheitsdenkens Er widmet sich dem Studium der Philosophie aller Zeiten, vor allem Marx und Gramsci, um ein soziales Projekt zu verwirklichen, um folglich die Aufmerksamkeit der Politiker auf spezifische Programme zu lenken, wo die Priorität das erniedrigte Volk der Erde sein wird, sowie die Berücksichtigung der verschiedenen Kulturen und deren Ausdruck – möglicherweise, wo sie sich entwickelt haben.

Die weltweite Verbreitung, und Übersetzung seiner Botschaften ist ausdrücklich erwünscht.


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