Kaiser Wilhelm II. – Kriegsende und Abdankung 1/2

Wenige Tage nach dem 8. August 1918 berief ich einen Kronrat, um Klarheit über die Lage zu gewinnen und die daraus zu ziehenden Schlüsse für die vom Grafen Hertling zu befolgende Politik ziehen zu können. Die Oberste Heeresleitung billigte den Gedanken, daß der Reichskanzler die Möglichkeit einer Annäherungsaktion an den Feind ins Auge fassen solle, betonte aber die Notwendigkeit, zuvor die Siegfriedstellung zu beziehen…

…und den Feind dort gründlich abzuschlagen; dann erst könne man mit dem Verhandeln beginnen. Daraufhin wurde von mir befohlen, daß der Kanzler sich mit einer neutralen Macht – den Niederlanden – in Verbindung setzten solle, um zu erkunden, ob sie bereit sei, einen solchen Vermittlungsschritt zu tun.

Sehr erschwerend für den über Holland beabsichtigten Schritt war es, daß Österreich zu keinem klaren Einverständniß zu bringen war, sondern seine erbetene Erklärung endlos hinschleppte. Sogar eine mündliche Verabredung des Kaisers Karl mit mir wurde bald nachher unter Burians[1] Einfluß von ihm wieder umgestoßen. Die niederländische Regierung war vom mir schon benachrichtigt und hatte ihre Bereitschaft erklärt. Inzwischen hatte Österreich ohne unser Wissen das erste Sonderfriedensangebot gemacht und brachte dadurch den Stein ins Rollen. Kaiser Karl war wohl unter der Hand schon von sich aus mit der Entente in Fühlung getreten und längst entschlossen, uns allein zu lassen. Er handelte nach dem von ihm zu sein Umgebung geäußerten Plan: „Wenn ich zu den Deutschen gehe, dann stimme ich ihnen in allem zu, und wenn ich nach Hause komme, dann tue ich, was ich will.“ So kam es , daß meine Regierung und ich von Wien aus fortgesetzt getäuscht wurden, ohne daß wir etwas dagegen tun konnten, da man von dort immer durchfühlen ließ: Macht ihr Schwierigkeiten, dann lassen wir euch im Stich, d. h. unser Heer ficht nicht mehr an eurer Seite. Das aber mußte in der Lage, in der wir uns befanden, aus militärischen wie politischen Gründen wenn irgend möglich vermieden werden.

Kaiser Wilhelm II., der deutsche Kaiser, im Gespräch mit Karl I., dem Kaiser von Österreich, an einem kleinen Bahnhof an der italienischen Front.

Der Abfall Ungarns und Österreichs hat die Krisis für uns gebracht. Hätte Kaiser Karl nur drei Wochen länger die Nerven behalten, dann wäre vieles anders gekommen. Andrassy hatte aber – nach seinem eigenen Eingeständnis – schon längst hinter unserem Rücken in der Schweiz mit der Entente verhandelt. Somit glaubte sich Kaiser Karl sich guter Behandlung seitens der Entente sicher.

Nach unserem Mißerfolge am 8. August hatte General Ludendorff erklärt, daß er einem militärischen Sieg nicht mehr verbürgen könne. Die Anbahnung von Friedensverhandlungen sei daher notwendig. Da es der Diplomatie nicht gelungen war, aussichtsreiche Verhandlungen anzuknüpfen, die militärische Lage dagegen sich infolge der revolutionären Wühlarbeit noch verschlechtert hatte, forderte Ludendorff nunmehr am 29. September an Stelle der Friedensverhandlungen die Anbahnung eines Waffenstillstandes.

In dieser kritischen Zeit setzte in der Heimat eine starke Bewegung dafür ein, für den nunmehr notwendigen Abschluß des Krieges eine neue Regierung zu bilden. Ich konnte mich dieser Bewegung deshalb nicht verschließen, weil es der alten Regierung in den 7 Wochen vom 8. August bis Ende September nicht gelungen war, Friedensverhandlungen mit Aussicht auf Erfolg anzubahnen.

Inzwischen waren die von der Front befohlenen Generale v. Gallwitz und v. Mudra bei mir erschienen. Sie entwarfen ein Bild der inneren Lage des Heeres, wobei auch die große Zahl der Drückeberger hinter der Front, die Fälle von Insubordination, daß Erscheinen der roten Flagge in den Urlauberzügen, die aus der Heimat kamen, u. dgl. Erwähnt wurden. Die Generale erblickten die Hauptursache der vorhandenen Übelstände in der ungünstigen Wirkung der in der Heimat herrschenden Stimmung auf die Truppen. Der allgemeine Wunsch nach Beendigung des Kampfes und nach Frieden habe von der Heimat auf die Etappe übergegriffen und mache sich auch bereits bei einzelnen Fronttruppenteilen bemerkbar. Die Generale vertraten die Ansicht, daß die Armee deshalb sofort hinter die Antwerpen-Maas-Linie zurückgenommen werden müßte.

Noch am selben Tage sandte ich telephonisch an den Feldmarshall v. Hindenburg den Befehl, sobald als möglich den Rückzug in die Antwerpen-Maas-Linie zu bewirken. Das Zurückgehen des ermüdeten, aber an keiner Stelle entscheidend geschlagenen Heeres in diese Stellung bedeutete nur die Einnahme einer wesentlich kürzeren und vom Gelände vielfach begünstigten Stellung, die freilich nicht ausgebaut war. Aber auch an der Somme hatten wir uns in Trichterstellungen geschlagen. Das Ziel mußte es sein, die Operationsfreiheit wieder zu gewinnen, was meines Erachtens keineswegs aussichtslos war. Hatten wir doch im Laufe des Krieges mehrfach Rückzüge ausgeführt, um uns in militärisch günstigere Lagen zu versetzten.

Gewiß war das Heer nicht mehr das alte. Namentlich der Ersatz des Jahres 1918 war vielfach von revolutionärer Propaganda verseucht und benutzte oft das Dunkel der Nacht, um sich dem Feuer zu entziehen und in der Etappe zu verschwinden. Aber die Mehrzahl meiner Divisionen hat sich bis zuletzt tadellos geschlagen, Disziplin und militärischen Geist bewahrt. Sie waren dem Feinde an innerem Gehalt noch immer gewachsen. Denn trotz einer Übermacht an Zahl, Geschützen, Munition, Tanks und Flugzeugen blieben die feindlichen Truppen sofort liegen, wenn sie auf ernsthaften Widerstand stießen. So sind die Verbände unserer alten Frontsoldaten im Recht, wenn sie stolz das Motto „Im Felde und zur See unbesiegt!“ auf ihr Panier[2] geschrieben haben.

Was der deutsche Frontkämpfer und damit das deutsche Volk in Waffen 4¼ Kriegsjahren geleistet hat, ist über alles Lob erhaben. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Begeisterung, mit der die herrliche Jugend von 1914, ohne die Wirkung unseres Artilleriefeuers abzuwarten, freudig auf den Feind stürmte, oder die entsagungsvolle Pflichtreue und Beharrlichkeit, mit der unsere Feldgrauen, knapp ernährt und selten abgelöst, Jahr aus, Jahr ein, in der Nacht schippend, am Tage in Unterständen, Erdhöhlen hausend oder im Granattrichter liegend,  dem Stahlgewitter der feindlichen Artillerie, Flieger und Tanks getrotzt haben. Und diese Heer, das man für abgekämpft hätte halten sollen, war nach fast 4 Kriegsjahren noch zu Angriffserfolgen fähig gewesen, deren unsere Feinde trotz ihrer Riesenübermacht sich nirgends rühmen konnten. Trotzdem durfte man ihm nicht Übermenschliches zumuten. Wir mußten zurückgehen, um Atem schöpfen zu können.

Der Feldmarschall sträubte sich gegen den Rückzugsbefehl: aus politischen Gründen (Friedensverhandlungen usw.) solle man noch stehenbleiben; der Rücktransport von Material usw. müsse erst bewerkstelligt werden usw.

BILD KAISER AN DER FRONT Ich entschloß mich nunmehr, dem mir ausgesprochenen Wunsche des Heeres entsprechend, mich an die Front zu begeben, um mit meinen im schweren Kampfe stehenden Truppen zusammen sein und mich persönlich von ihrem Geist und Zustand überzeugen zu können.

Ich konnte diesen Entschluß umso eher ausführen, als ich, seitdem die neue Regierung eingesetzt war, von dieser wie vom Reichskanzler in keiner Weise mehr in Anspruch genommen wurde, mein Aufenthalt zu Hause also zwecklos erschien. Die Noten von Wilson wurden von Solf, dem Kriegskabinett und Reichstag in stundenlangen Sitzungen beraten und abgefaßt, ohne daß ich darüber orientiert worden wäre, so daß ich schließlich bei der letzten Note an Wilson Solf durch meinen Kabinettschef in sehr deutlicher Weise zu verstehen gab, daß ich verlange, von der Note  vor ihrem Abgange Kentnis zu erhalten. Solf erschien und trug sie vor, stolz auf seine Antithese zwischen Waffenstreckung, die Wilson´s verlangen war, und Waffenstillstand, der beantragt wurde. Als ich dann auf die Abdankungsgerüchte aufmerksam machte und verlangte, das Auswärtige Amt müsse in der Presse gegen das Unwürdige der Zeitungspolemik Stellung nehmen, erwiderte Solf: Davon sprächen ja schon alle Leute an allen Straßenecken, auch in den besten Kreisen erörtere man diese Frage ganz ungeniert. Als ich meiner Empörung darüber Ausdruck verlieh, bemerkte Solf zu meinem Trost: Wenn Seine Majestät ginge, ginge er auch, er könne unter solchen Verhältnissen nicht weiterdienen. Ich ging oder vielmehr ich wurde von meiner Regierung gestürzt, und – Herr Solf blieb.

Als der Reichkanzler Prinz Max von meinem Entschluß zu Abreiße nach der Front erfuhr, versuchte er, sie auf alle Weise zu verhindern. Er fragte, warum ich reisen wollte, und erhielt zur Antwort, daß ich die Rückkehr ins Feld für meine Pflicht als Oberster Kriegsherr hielte, nachdem ich fast einen Monat von der schwerringenden Armee getrennt gewesen sie. Auf den Einwurf des Kanzlers, ich sei zu Hause unentbehrlich, entgegnete ich, wir befänden uns ihm Kriege, und der Kaiser gehöre zu seinen Soldaten. Schließlich erklärte ich entgültig, ich würde reisen. Wenn die Waffenstillstandsnote Wilson´s eintreffe, dann müsse sie ja doch im Hauptquartier bei der Armee besprochen werden und der Kanzler zu den Beratungen nach Spa kommen.

Ich begab mich zu der Armee in Flandern, nachdem ich in Spa dem Generalstab nochmals bestimmten Befehl gegeben hatte, schleunigst in die Antwerpen-Maas-Stellung zurückzugehen, damit die Truppen endlich aus dem Kampfe heraus zu Ruhe kämen. Trotz der Einwendungen, das brauche Zeit, die Stellung sei noch nicht fertig, das Material müsse erst zurück usw., erhielt ich den Befehl aufrecht. Der Rückzug wurde eingeleitet.

In Flandern sah ich Abordnungen der verschiedenen Divisionen, sprach mit den Leuten, verteilte Dekorationen und wurde überall von Offizieren und Mannschaften freudig begrüßt. Besonders begeistert waren die Soldaten eine Kgl. Sächsischen Rekrutendepots, die bei mir auf dem Bahnhofe, auf dem ich meinen Zug wieder bestieg, stürmische Huldigungen darbrachten. Während ich an Angehörige der Garde-Ersatz-Divisionen Dekorationen austeilte, flog, von Abwehrgeschützen und Maschinengewehren heftig beschossen, ein feindliches Bombengeschwader direkt über uns weg und warf in der Nähe des Sonderzuges Bomben ab. Die höheren Führer meldeten übereinstimmend: Der Geist der Truppe vorn sei gut und zuverlässig; weiter rückwärts bei den Kolonnen sei das nicht nicht in gleichem Maße der Fall. Das schlimmste seien die Urlauber, die zu Hause offenbar bearbeitet und verseucht worden seien und von dort einen schlechten Geist mitbrächten. Die jungen Rekruten in den Depots seien gut.

In Spa, wohin ich mich nun begab, trafen andauernd Nachrichten aus der Heimat von der immer heftiger werdenden Agitation und Stimmung gegen den Kaiser ein und von der zunehmenden Schlaffheit und Hilflosigkeit der Regierung, die ohne Initiative und Kraft sich nur noch willenlos treiben ließ. In der Presse wurden sie spottend „Debattierklub“ genannt; in führenden Blättern bezeichnete man den Prinzen Max als „Revolutionskanzler“.  Er lag, wie ich später erfuhr, über zehn Tage an Grippe zu Bett, unfähig, die Geschäfte wirklich zu führen. Exzellenz v. Payer und Solf regierten mit dem andauernd tagenden sogenannten Reichskabinett das Deutsche Reich. In solch kritischen Zeiten durfte meines Erachtens das gefährdete Staatsschiff nicht von Vertretern des Reichskanzlers gesteuert werden. Vertreter können eben nicht die Autorität haben, wie der verantwortliche Regierungschef. Autorität aber war gerade damals vonnöten. Es waren, soweit es mir bekannt ist, nicht einmal starke Vollmachten an den Vizekanzler gegeben worden. Die richtige, d. h. die pflichtmäßige Lösung wäre die wirkliche Ersetzung des Prinzen Max als Reichskanzler und die Berufung einer starken Persönlichkeit an seine Stelle gewesen. Da wir das parlamentarische Regierungssystem hatten, mussten die Parteien den Wechsel im Kanzleramte veranlassen und mir einen Nachfolger des Prinzen Max präsentieren. Das ist nicht geschehen.

Nun setzten Versuche der Regierung und des Reichskanzlers ein, um mich zur Abdankung zu bewegen. Der Minister des Innern, Drews, erschien im Auftrage des Kanzlers, um mich über die Stimmung zu orientieren. Er schilderte die bekannten Vorgänge in Presse, Hochfinanz und Publikum, und betonte, daß der Reichskanzler zur Abdankungsfrage selbst keine Stellung genommen, ihn jedoch zu mir gesandt habe. Er sollte mir also quasi suggerieren, selbst zu dem Schluße zu kommen, daß ich abdanken müsse, damit es nicht so aussehe, als ob die Regierung einen Druck auf mich ausgeübt hätte. Ich legte dem Minister die verhängnisvollen Folgen der Abdankung dar und  fragte ihn, wie er als preußischer Beamter eine solche Zumutung mit seinem Beamteneid seinem Könige gegenüber glaube vereinigen zu können. Drews wurde verlegen und entschuldigte sich mit dem Befehl des Reichskanzlers, der keinen andern Mann habe finden können. Später teilte man mir mit, das Drews einer der ersten Beamten gewesen ist, der von der Abdankung seines Herrn und Königs gesprochen hat.

Ich lehnte es ab abzudanken und erklärte, ich werde Truppen sammeln und mit ihnen zurückkehren, um der Regierung zu helfen, die Ordnung im Lande aufrecht zu erhalten. Danach wurde Drews in meiner Gegenwart vom Generalfeldmarshall v. Hindenburg und General Gröner empfangen, trug ihnen seinen Auftrag vom Reichskanzler vor und wurde von beiden Herren im Namen der Armee sehr scharf abgewiesen. Zumal Gröners Kennzeichnung des Prinzen Max war von einer solchen Deutlichkeit, das ich Drews noch beschwichtigen und trösten musste. Der Feldmarschall machte den Minister noch darauf aufmerksam, daß die Armee im Falle meiner Abdankung nicht mehr weiterkämpfen, sondern sich auflösen würde, zumal die Mehrzahl der Offiziere voraussichtlich den Abschied nehmen und das Herr dann ohne Führer sein würde.

Bald darauf erfuhr ich durch einen meiner Söhne, daß der Reichskanzler ihn zu bereden versucht habe, den Auftrag, den dann Drews übernahm, seinerseits auszuführen. Mein Sohn hat es mit Entrüstung abgelehnt, seinem Vater die Abdankung vorzuschlagen.

[1] von April bis Oktober 1918 – österreichischer Außenminister
[2] Feldzeichen (Banner, Fahne)

Weiter zu Kaiser Wilhelm II. – Kriegsende und Abdankung 2/2

 

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