Kaiser Wilhelm II. – Der Papst und der Frieden 1/1

Im Sommer 1917 empfing ich in Kreuznach den Besuch des päpstlichen Nuntius Pacelli, der von einem Kaplan begleitet war. Pacelli ist eine vornehme, sympathische Erscheinung, von hoher Intelligenz und vollendeten Umgangsformen, das Bild eines katholischen Kirchenfürsten. Er versteht soweit deutsch, das er deutscher Konversation gut folgen kann, beherrscht die Sprache aber nicht so, daß er sie geläufig spricht.

Die Konversation war französisch, doch bediente der Nuntius sich zuweilen einzelner deutscher Ausdrücke. Der Kaplan sprach fließend deutsch und beteiligte sich – auch unaufgefordert – an dem Gespräch, sobald er befürchtete, daß der Nuntius sich zu sehr von meinen Ausführungen beeinflußt werde.

Sehr bald drehte sich das Gespräch um die Frage der Friedensvermittlung und =herbeiführung, wobei allerhand Projekte und Möglichkeiten gestreift, erörtert und fallen gelassen wurden. Schließlich schlug ich vor, der Papst möge doch seinerseits einen Versuch machen, nachdem mein Friedensangebot vom 12. Dezember 1916 in so unerhörter Weise zurückgewiesen worden sei. Der Nuntius meinte, das werde seine großen Schwierigkeiten haben, der Papst habe sich ja bereits bei einigen Anregungen einen Refus[1] geholt. Andererseits sei der Papst ganz verzweifelt über die Schlächterei und denke unablässig darüber nach, wie er dazu helfen könne, die europäische Kulturwelt von der Geisel des Krieges zu befreien. Jede Anregung in dieser Hinsicht wurde dem Vatikan von hohem Wert sein.

Ich führte aus, daß der Papst als oberster Priester aller römisch-katholischen Christen und Kirchen zunächst versuchten sollte, seine Priester in allen Ländern dazu  anzuhalten, erst einmal den Haß aus den Gemütern zu bannen, der das größte Hindernis für die Anbahnung des Friedens sei. Leider gehöre gerade die Geistlichkeit auf Seiten der Entente in ganz erschreckender Weise zu den Trägern und Schürern des Hasses und Kampfes. Ich führte die vielen Meldungen der Truppenaus dem Anfang des Krieges an, wo Abbés und Eurés mit der Waffe in der Hand gefangen wurden. Ich wies hin auf die Machinationen[2] des Kardinals Mercier und des belgischen Klerus, dessen Mitglieder häufig die Spionage leiteten, auf die Predigt des protestantischen Bischofs in London, der von der Kanzel herab die Baralong-Mörder[3] verherrlichte, u. dgl. Es sei daher ein großes Werk, wenn es dem Papst gelänge, in allen am Kriege beteiligten Ländern die römische Geistlichkeit einheitlich zur Verurteilung des Hasses und zur Empfehlung des Friedens – sei es von der Kanzel, sei es durch Hirtenbriefe – zu veranlassen, wie das seitens des deutschen Klerus bereits geschehe. Pacelli fand diesen Gedanken durchaus glücklich und beachtenswert, nur meinte er, es werde schwer sein, die verschiedenen  Episkopate[4] dazu zu bekommen. Ich erwiderte, ich könne mir bei der strammen Disziplin der Hierarchie der römischen Kirche nicht vorstellen, daß, wenn der Papst die Kirchenfürsten feierlich öffentlich auffordern würde, Versöhnlichkeit und Achtung des Gegners zu verkünden, der Episkopat irgendeines Landes das verweigern würde. Der Episkopat sei doch durch seine Stellung über den Parteien und weil Versöhnlichkeit und Nächstliebe Grundvorschriften der christlichen Religion seien, geradezu verpflichtet, auf deren Befolgung einzuwirken.

Nuntius Pacelli

Pacelli gab dies zu und versprach, den Gedanken in ernstliche Erwägung zu ziehen und an den Vatikan zu berichten. Im weiteren Verlauf des Gesprächs kam der Nuntius auf die Frage, wie man sich nun, außer dem von mir angeregten rein kirchlichen Schritt, die Einwirkung des Papstes auf die Herbeiführung von Friedensmöglichkeiten denken könnte. Ich wies darauf hin, daß Italien und Österreich zwei römisch-katholische Staaten seien, auf die der Papst leicht und nachdrücklich einwirken könne. Der eine Staat sei sein Vaterland und Wohnort, wo er vom Volk verehrt werde und direkten Einfluß auf die eigenen Landsleute habe. Österreich werde von einem Herrscher regiert, der sogar den Titel „apostolisch“ führe, der selbst wie sein ganzes Haus unmittelbare Verbindungen mit dem Vatikan habe und zu den treuesten Söhnen der römischen Kirche gehöre.

So meine ich, es müsse dem Papst nicht schwer fallen können, wenigstens zu versuchen, bei diesen beiden Ländern den Anfang zu machen, sie zum Friedensgespräch zu bringen. Das diplomatische Geschick und der weite Blicke des Vatikans seien ja weltbekannt. Sei auf diese Weise erst einmal der Anfang gemacht, der doch gute Chancen böte, so würden die anderen Mächte sich der Einladung des Vatikans zu zunächst unverbindlichem Meinungsaustausch wohl kaum entziehen können. Der Nuntius meinte, es werde für den Vatikan schwer halten, die italienische Regierung dazu zu bekommen, da er ja keine direkte Beziehung zu ihr und keine Einwirkung auf ihre Mitglieder besäße. Vollends eine Einladung zu Besprechungen werde die italienische Regierung sich  nie gefallen lassen.

Hier mischte sich der Kaplan in das Gespräch und erklärte einen solchen Schritt des Papstes für völlig ausgeschlossen, da daraus Folgen entstehen würden, die für den Vatikan geradezu gefährlich werden könnten. Die Regierung würde sofort die Piazza“[5]) gegen den Vatikan mobil machen; dem dürfe der Vatikan sich nicht aussetzen. Als ich diesem Einwurf keinen Glauben schenken wollte, ereiferte der Kaplan sich immer mehr. Ich kenne, meinte er, die Römer nicht, die seien, wenn sie aufgehetzt wären, ganz schrecklich; sowie die „Piazza“ in Bewegung käme, werde die Lage unangenehm. Dann könne man sich sogar auf einen Sturm auf den Vatikan gefaßt machen, durch den der Papst selbst in Lebensgefahr kommen könnte. Ich erwiderte, ich kenne den Vatikan doch auch genau; den könnte keine Volksmenge oder „Piazza“ stürmen; außerdem habe der Papst eine starke Partei in Gesellschaft und Volk, die sofort zu seiner Verteidigung bereit stehen werde. Dem stimmte der Nuntius zu. Der Kaplan fuhr jedoch unbeirrt fort, die Schrecken der „Piazza“ auszumalen und die Gefahren für den Papst auf das schwärzeste zu schildern. Darauf sagte ich: Wenn jemand den Vatikan einnehmen wolle, dann müsse er sich erst eine Batterie schwerer Mörser und Haubitzen, sowie Pioniere und Sturmtruppen zu regelrechter Belagerung kommen lassen; alles dies aber habe die „Piazza“ nicht zur Verfügung. Daher sei es höchst unwahrscheinlich, daß sie etwas unternehmen werde. Außerdem erwähnte ich, daß ich gehört hätte, im Vatikan sei für solche Fälle bereits Vorsorge getroffen. Darauf schwieg der Priester.

Der Nuntius wendete hier ein, daß es für den Papst schwer sei, etwas greifbar Praktisches für den Frieden zu tun, ohne im weltlichen Italien Anstoß zu erregen und Widerstand zu finden, der ihn gefährde. Er sei eben leider nicht frei. Wenn der Papst eigenes Land oder wenigstens einen eigenen Bezirk besitzen würde, wo er autonom regieren und frei schalten und walten könnte, dann läge die Situation ganz anders; so aber sei er zu sehr vom weltlichen Rom abhängig und könne nicht so, wie er wolle. Ich bemerkte: Das Ziel der Welt den Frieden zu bringen, sei so heilig und groß, daß der Papst unmöglich aus rein weltlichen Gründen sich davon abschrecken lassen dürfe, diese für ihn wie geschaffene Aufgabe zu lösen. Gelänge sie ihm, so werde die dankbare Welt gewiß nach dem Frieden seine Wünsche nach Unabhängigkeit bei der italienischen Regierung gern unterstützen. Das machen Eindruck auf den Nuntius, und er meinte, ich hätte doch recht, der Papst müsse in der Frage etwas tun.

Ich machte hierauf den Nuntius auf folgenden Punkt aufmerksam: Der Nuntius werde beobachtet haben, wie die Sozialisten aller Länder sich mit Eifer auf alle möglich Weise bemühten, die Friedensbestrebungen zu fördern. Wir hätten den deutschen Solzialisten stets die Erlaubnis gewährt, ins neutrale Ausland zu reisen, um auf Kongressen die Friedensfrage zu erörtern, da ich der Meinung sei, daß sie die Wünsche und Ansichten kannten, die in den unteren Volksschichten verbreitet seien. Keinem, der ehrlich und ohne Hintergedanken den Frieden zu fördern beabsichtige, werde bei uns ein Hindernis in den Weg gelegt. Die gleichen Friedenswünsche seien auch bei den Völkern der Entente und unter ihren Sozialisten verbreitet. Letztere würden jedoch durch Paßverweigerung daran gehindert, zu den Kongressen im neutralen Ausland zu gehen. Der Wunsch nach Frieden nehme in der Welt zu. Die Völker würden immer mehr von ihm durchdrungen, und wenn niemand unter den Regierenden sich fände, seine Hand dazu zu bieten – mein Versuch sei ja leider gescheitert -, dann würden die Völker schließlich die Sache selbst in die Hand nehmen. Das werde, wie die Geschichte beweise, nicht ohne bedenkliche Erschütterungen und Umwälzungen vor sich gehen, von denen die römische Kirche und der Papst nicht unberührt bleiben würden. Was solle ein katholischer Soldat  sich denken, wenn er immer nur von den Bemühungen sozialistischer Männer um den Frieden höre, nie aber von einem Versuch des Papstes, ihn aus der Kriegsnot zu befreien? Tue der Papst nichts, dann bestehe die Gefahr, daß der Friede durch die Sozialisten erzwungen werde, und dann sei es mit der Machtstellung des Papstes und der römischen Kirche auch bei den Katholiken vorbei!

Dieses Argument schlug beim Nuntius durch. Er erklärte, daß er diese Auffassung sofort an den Vatikan berichten und sich dafür einsetzen werde, daß der Papst handeln müsse. Höchst besorgt fuhr der Kaplan wieder dazwischen: Der Papst bringe sich dadurch in Gefahr, „la Piazza“ werde ihm zu Leibe gehen! Ich erwiderte darauf: Ich sei ein Protestant, daher in den Kaplans Augen ein Ketzer; trotzdem müsse ich hier folgendes konstatieren: Der Papst werde von der katholischen Kirche und Welt als „Statthalter Christi auf Erden“ bezeichnet. Ich hätte bei meinem Studium der heiligen Schrift mich ernst und eingehend mit der Person des Heilandes befaßt und mich in sie zu vertiefen gesucht. Nun, der Herr habe jedenfalls niemals Angst vor der „Piazza“ gehabt, obgleich im kein Festungsartiger Bau mit Garden und Waffen zu Gebote gestanden habe; der Herr sei immer mitten in die „Piazza“ hineingegangen und habe zu ihr gesprochen und schließlich sei er für diese feindliche „Piazza“ in den Kreuzestod gegangen. Und nun solle ich glauben, daß sein „Statthalter auf Erden“ Angst haben sollte, eventuell ein Märtyrer nach seines Herrn Vorbild zu werden, um der blutenden Welt den Frieden zu bringen, nur wegen der lumpigen römischen „Piazza“? Dazu dächte ich, der Protestant, viel zu hoch von einem römischen Priester, zumal vom Papst. Es könne für ihn nichts Herrlicheres geben, als mit seiner ganzen Person sich für die große Sache des Friedens rücksichtslos einzusetzen, selbst auf die in weiter Ferne stehende Gefahr hin, dafür ein Märtyrer zu werden!

Mit leuchtenden Augen ergriff der Nutius meine Hand und sagte tief bewegt: „Vous avez parfaitement raison! Cést le devoir du Pape, il faut quíl agisse, c´est par lui que le monde doit être regagné à la paix. Je transmetterai vos à Sa Sainteté.“ [6]? Der Kaplan wandte sich kopfschüttelnd ab und murmelte vor sich hin: „Ah, laPiazza, la Piazza!“

[1] abschlägige Antwort, Ablehnung, Weigerung
[2] listiger Anschlag, Kniff, Ränke, Machenschaften, Winkelzüge
[3] Als Baralong-Zwischenfall (engl. Baralong Incident) wird die Versenkung des deutschen U-Boots SM U 27 durch die britische U-Boot-Falle HMS Baralong am 19. August 1915 in den Gewässern südlich der irischen Stadt Queenstown (heute Cobh) bezeichnet. Dabei wurden alle überlebenden Besatzungsmitglieder des deutschen U-Boots von der Mannschaft der britischen U-Boot-Falle getötet, was zu einem monatelangen Notenwechsel zwischen der Reichsregierung und der Regierung des Vereinigten Königreiches führte. Unter den Bedingungen des Ersten Weltkriegs konnte der Tathergang allerdings nie zufriedenstellend geklärt werden, weshalb der Baralong-Zwischenfall auch nie offiziell als Kriegsverbrechen eingestuft worden ist, obwohl er dafür alle Merkmale erfüllt hat. (Wikipedia)
[4] Bischöfe
[5] d. h. „die Straße“ (eigentlich „den Platz“).
[6] „Sie haben durchaus recht. Das ist die Pflicht des Papstes, er muß handeln, durch ihn muß die Welt den Frieden wieder erhalten. Ich werde ihre Anregung Seiner Heiligkeit wörtlich übermitteln.“

Weitere Infromation:
Der Friedenspapst
Papst Benedikt XV. und das „unnütze Blutbad“

Transkript: Werner Nosko

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