Die Friedensnote des Papstes – Gerichtet an die Staatsoberhäupter

Papst Bonifaz hat in einer Bulle die kirchliche Gewalt über die weltliche erhoben. Die Nachfolger des Apostels Petrus haben Kaiser und Könige vor ihren Richterstuhl geladen, den Ungehorsam mit Strafen bedroht und die Widerspenstigen durch den Bannstrahl körperlich und seelisch gebeugt. Die Päpste sind damals Herren über Krieg und Frieden gewesen; sie haben nicht gebeten, sondern befohlen.

 



Die Friedensnote des Papstes
Gerichtet an die Staatsoberhäupter.

Wien, 20. August.

Einer der mächtigsten Kaiser des Deutschen Reiches, ein Nachkomme des Friedrich Rothbart, wurde aufgefordert, vor der Kirchenversammlung zu Lyon persönlich zu erscheinen, um sich wegen des Friedensbruches zu rechtfertigen. Der jetzige Papst tritt in der an die Staatsoberhäupter gerichteten Note in einfacher Menschlichkeit vor die Völker hin.

Er verfügt über die große Macht, die ihm die Gnadenmittel der Kirche geben; von ihm geht für mehrere hundert Millionen der Trost im Leben und im sterben aus. Er hat in seiner Note den Donnerkeil weggelegt, an den Einfluß, den er über die Gemüter hat, in keinem Worte erinnert und nirgends den Anspruch seiner Vorgänger, der in der Bulle des Papstes Bonifaz zur kirchlichen Regel verallgemeinert wird, erwähnt. Er kommt mit seinem Schreiben vor die Öffentlichkeit, schlicht wie ein Priester, ohne Waffen, aber mit einem Berufe und mit einer Überzeugung. Auch von ihm müßte ein Pilatus der Entente, der keine Schuld an diesem Kriege haben will, sagen: Sehet, welch ein Mensch!

Als Hüter der Sittlichkeit will der Papst zu der von Mord und Grausamkeit befleckten Welt reden; aus seinem eigenen Glauben heraus aber zu sämtlichen Nationen, ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses, nach dem sie das Unsichtbare verehren. Es wird ihm nicht vergessen werden, daß er ausdrücklich sagt, er handle nach dem allgemeinen Gesetze der Barmherzigkeit. So schlingt sich ein Band zwischen ihm und sämtlichen Erdenkindern, die den warmen Hauch des Mitleids empfinden. Im Papste ist der Mensch zu fühlen.

Er ist auch eine völkerrechtlich anerkannte Person, wie schon die Übung beweist, daß viele Staaten in diplomatischen Beziehungen zu ihm sind, sich durch Botschafter oder Gesandte bei ihm vertreten lassen, wie auch er seine Nunzien bei den Regierungen beglaubigt. Die Note des Papstes über den Frieden ist somit nicht bloß eine moralische, sondern auch eine politische, eine völkerrechtliche Kundgebung, ausgehend von einer Stelle, welche diplomatisch befugt ist, über die Beziehungen zwischen den Ländern zu sprechen und eine Antwort auf Fragen zu verlangen. Das politische Urteil über die Note darf nur verstandesmäßig sein und muß sich von dem Eindrucke, den die menschlichen Beweggründe des Papstes hervorrufen, loslösen. Der Papst hat gewußt, daß der Vermittler des Friedens auf die schärfsten Widerstände bei den Führern der Entente stoßen werde. Er hat die Vorsicht gebraucht, seine Note nicht zu bestimmten Anträgen, wie die Vorschläge zu behandeln seien, zusammenzufassen. Er verlangt nicht, daß sie einer Konferenz zu unterbreiten und in einem persönlichen Meinungsaustausch zu beraten seien; er läßt das Schreiben in die unbestimmte Hoffnung auslaufen, daß sie genehmigt werden. Er folgt dem Gedankengang der Entente, soweit der ausgleichende Wille des Vermittlers dies zuläßt. Der von ihr verfemte Grundsatz eines Friedens ohne Annexionen wird in dieser scharfen Prägung nicht als Unterlage des Vertrags empfohlen. Die Entente regt sich bis zum heutigen Tage auf, weil der frühere Reichskanzler einmal von einem Frieden nach der Kriegskarte gesprochen hat. Der Papst will die vollständige Räumung von Belgien und Bürgschaften für die politische, militärische und wirtschaftliche Unabhängigkeit dieses Landes. Die Deutschen sollen von den besetzten Gebieten in Frankreich sich zurückziehen und die Mittelmächte wären nach dem Wortlaute des Vorschlages auch gebunden, die vielen hunderttausend Quadratkilometer, welche sie in Rußland, Rumänien und Serbien erobert haben, den früheren Besitzern zurückzuerstatten. Was kann die Entente mehr wünschen, wie kann sie stärker entlastet und mehr von Schwierigkeiten befreit werden als durch diese Vorschläge des Papstes und durch einen solchen Frieden. Das Äußerste, was sie nach dem bisherigen Gange des Krieges, nach dem Zusammenbruche von fünf Bundesgenossen hätte auch nur träumen können, wird ihr hier auf der Hand des Papstes geboten.

Der Papst kennt die Gesinnung der Mittelmächte. Da ihre Friedensliebe den Vermittler unterstützt, braucht er weniger Mühe aufzuwenden, sie zu überzeugen, und möchte die Gegner gewinnen. Das Gebiet der Mittelmächte ist vom Feinde nahezu frei. Der Grundsatz von der Rückgabe eroberter Landstriche ist somit für sie die weitaus größere Belastung. Wie versucht der Papst, durch Entlastung das Gleichgewicht wieder herzustellen? Hier ist eine Lücke im Gedankengange der Note und der Vorschläge. Wenn der Friede genau so geschlossen werden sollte, wie es sich der Papst ausgesonnen hat, würde die Entente in den Vollbesitz der Landesteile kommen, die vor dem Kriege ihr Eigentum waren, und hätte keine wie immer geartete strittige Frage weiter zu ordnen. Die Mittelmächte hätten Belgien, Frankreich, Rußland, Serbien, Montenegro und Rumänien zu räumen, einen unermeßlichen Wert auszuliefern und wären nach den Anträgen des Papstes trotz dieser Opfer gezwungen, sich über Lebensfragen, um welche die zartesten Empfindlichkeiten herumspielen, mit den Feinden auseinanderzusetzen. Denn so zurückhaltend auch der Papst auf die Wünsche hinweist, die uns den Verlust von Trieft und Trient und die Deutschland den Verzicht auf Elsaß und Lothringen zumuten, so ist schon das bloße Erwähnen, das bloße Zugeständnis, daß solche Aspirationen, wie sie der Papst nennt, im Frieden geordnet werden sollten, eine schwere Belastung der Mitternächte. Wenn die Monarchie nicht zertrümmert und nicht wehrlos den Gegnern preisgegeben ist, werden solche Aspirationen in die Tagesordnung einer Friedenskonferenz niemals eingeschrieben werden. Der Papst hat ferner in seinen Vorschlägen erwähnt, daß die Fragen geprüft werden sollen, die sich auf die ehemaligen Bestandteile des Königreiches Polen und auf Armenien beziehen. Galizien ist auch ein Bestandteil des ehemaligen Königreiches Polen. Die Vorschläge, welche die Entente der Friedenspolitik ‚ näherbringen sollen, sind klar und deutlich und lassen nichts Streitbares zurück. Dieses Aufräumen mit den Ursachen der schwersten Zwistigkeiten, die Abwehr der nationalistischen Übertreibungen sowie die durch nichts verdunkelte Anerkennung der Besitzstände fehlen bei den Anträgen, welche die Mittelmächte berühren.

Deutschland findet allerdings in der Note des Papstes den Vorschlag, daß die Kolonien zurückgegeben werden sollen. Auch die Freiheit der Meere, die Abrüstung und die friedenssichernden Einrichtungen im Völkerrechte werden gefordert. Aber -nicht die einzelnen Vorschläge, von denen manche auch bei den Mittelmächten schon vom Volksgefühl zurückgewiesen werden, sind der Edelgehalt in der Note des Papstes, sondern der Wille, als Evangelist des Friedens den Völkern eine Botschaft zu senden, und der Mut einer Pflichterfüllung, die sich von Zweifeln nicht abschrecken läßt. Die wenigen neutralen Länder, die Europa noch hat, waren viel zaghafter und wollten mit einer Friedensvermittlung den Ministern der Entente nicht unwillkommen sein.

Der Papst hat sich darum nicht gekümmert und die Entente, die ohne zureichenden Grund schon jetzt rings um ihn tobt, gezwungen, in die Erörterung über den Frieden einzutreten. Wieder geht ein Ruf durch das Land: Ecce Homo! Die Entente will ihn kreuzigen. Oder sollte das nur Verstellung sein? Nicht unmöglich.

Transkript: Werner Nosko

Die Friedensnote des Papstes

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