Kaiser Wilhelm II. – Kriegsausbruch 1/2

Nach dem Eintreffen der Nachricht von der Ermordung meines Freundes, des Erzherzogs Franz Ferdinand, gab ich die Kieler Woche auf und reiste nach Hause, weil ich beabsichtigte, mich zu der Besetzung nach Wien zu begeben. Von dort wurde ich aber gebeten, von diesem Vorhaben abzustehen. Nachträglich hörte ich, daß hierfür u. a. auch die Rücksicht auf meine persönliche Sicherheit mitgesprochen habe, die ich natürlich zurückgewiesen haben würde.


In tiefer Sorge über die Wendung, die die Dinge nehmen konnten, beschloß ich nun, meine geplante Nordlandreise aufzugeben und zu Haus zu bleiben. Der Reichskanzler und das Auswärtige Amt waren der entgegengesetzten Auffassung und wünschten gerade, ich solle die Reise ausführen, weil das auf ganz Europa eine beruhigende Wirkung ausüben werde. Ich habe mich lange dagegen gesträubt, angesichts der unsicheren Zukunft mein Land zu verlassen. Aber der Reichskanzler v. Bethmann erklärte mir kurz und bündig, wenn ich den nun einmal schon bekannten Reiseplan jetzt noch aufgeben würde, so werde das dazu führen, die Lage ernster erscheinen zu lassen, als sie bisher sei, und möglicherweise zu Ausbruch des Krieges beitragen, für den ich dann verantwortlich gemacht werden könne. Alle Welt warte nur auf die erlösende Nachricht, daß ich trotz der Lage ruhig auf Reisen gegangen sei. Ich konferierte mit dem Chef des Generalstabes darüber; als auch dieser eine ruhige Auffassung der Lage zeigte und selbst um Sommerurlaub nach Karlsbad bat, entschloß ich mich schweren Herzens abzufahren.

Neues Wiener Journal – 30. Juni 1914

Der vielbesprochene sogenannte Potsdamer Kronrat vom 5. Juli hat in Wirklichkeit niemals Stattgefunden. Er ist eine Erfindung Böswilliger. Ich habe selbstverständlich vor meiner Abreise, wie das immer zu geschehen pflegte, einzelne Minister empfangen, um mir über den Stand der Ressort- Angelegenheiten Bericht erstatten zu lassen. Auch ein Ministerrat hat nicht getagt, und von Kriegsvorbereitungen ist bei keiner einzigen Besprechung die Rede gewesen.

Meine Flotte lag, wie auf der Erholungs-Sommerreise üblich, in den norwegischen Fjorden. Ich wurde während des Aufenthaltes in Balholm vom Auswärtigen Amt nur spärlich mit Nachrichten versehen und war hauptsächlich auf die norwegische Presse angewiesen, aus der ich zu erkennen glaubte, dass die Lage ernster wurde. Ich telegraphierte wiederholt an Kanzler und Auswärtiges Amt, daß ich es für ratsam hielte, nach Hause zurückzukehren, wurde aber jedesmal gebeten, meine Reise nicht abzubrechen. Als ich erfuhr, daß die englische Flotte nach der Revue von Spithead nicht auseinandergegangen, sondern konzentriert geblieben war, telegraphierte ich nochmals nach Berlin, daß ich meine Rückkehr als nötig ansehe. Meine Auffassung wurde dort nicht geteilt. Als mir dann aber aus der norwegischen Presse – nicht etwa von Berlin aus – zunächst das österreichische Ultimatum an Serbien und gleich darauf die serbische Note an Österreich bekannt wurde, trat ich ohne weiteres die Heimreise an und befahl der Flotte, nach Wilhelmshaven zu gehen. Bei der Abfahrt erfuhr ich aus norwegischer Quelle, daß ein Teil der englischen Flotte heimlich nach Norwegen ausgelaufen sein sollte, um mich (noch im Frieden!) abzufangen.

Es ist bezeichnend, daß dem englischen Botschafter Sir Edward Goschen am 26. Juli im Auswärtigen Amt erklärt wurde, die von mir aus eigenem Antriebe angetretene Rückreise sei bedauerlich, da dadurch eiregende Gerüchte entstehen könnten.

In Potsdam eingetroffen, fand ich den Kanzler und das Auswärtige Amt im Konflikt mit dem Chef des Generealstabes, weil General v. Moltke die Ansicht vertrat, der Krieg werde unbedingt ausbrechen, während die beiden ersteren fest auf ihrer Auffassung bestanden, es werde nicht dazu kommen, der Krieg würde sich vermeiden lassen, wenn ich nur nicht mobil machen ließe. Dieser Streit dauerte die ganze Zeit über an. Erst als General v. Moltke meldete, daß die Russen bereits ihre Grenz-Kordon-Häuser angesteckt, die Grenzbahngeleise aufgerissen und rote Mobilmachungszettel angeschlagen hätten, ging auch den Diplomaten in der Wilhelmsstraße ein Licht auf. Ihre Widerstandskraft und sie selbst brachen zusammen. Sie hatten an den Krieg nicht glauben wollen.

Hieraus geht deutlich hervor, wie wenig wir im Juli 1914 auf den Krieg gefasst waren, geschweige denn, daß wir in vorbereitet hätten. Als im Frühjahr 1914 Zar Nikolaus II. von seinem Hofmarshall über sein Frühjahrs- und Sommer-Programm befragt wurde, antwortete er: Je resterai chez mi cette annnée, parce que nous aurons la gueere“.[1]) (Diese Tatsache soll dem Reichskanzler v. Bethmann gemeldet worden sein, ich habe damals nichts davon gehört und sie erst im November 1918 erfahren.) Das ist derselbe Zar, der mir zu zwei verschieden Malen, in Bjorkö und in Baltisch-Port, ganz unaufgefordert und für mich überraschend sein feierliches Ehrenwort (word  of honour of a sovereign), durch Handschlag und Umarmung bekräftigt, gegeben hat: er werde aus Dankbarkeit für die treue und freundnachbarliche Haltung des Deutschen Kaisers im russisch-japanischen Kriege, den England allein Russland eingebrockt habe, niemals gegen ihn das Schwert ziehen, wenn etwa ein Krieg in Europa ausbrechen sollte, am allerwenigsten als Bundesgenosse von England. Dieses Land hasse er, denn es habe ihm und Rußland zu schweres Unrecht getan, indem es ihm Japan auf den Hals gehetzt habe.

Zu derselben Zeit, als der Zar sein Sommerkriegsprogramm aussprach, beschäftige ich mich in Korfu mit Ausgrabungen von Altertümern, dann reiste ich nach Wiesbaden und schließlich nach Norwegen. Ein Herrscher, der Krieg will und ihn vorbereitet, um seine Nachbarn zu überfallen, wozu es langer heimlicher Mobilmachungsvorbereitungen und Konzentrationen bedarf, der befindet sich nicht monatelang außer Landes und läßt nicht seinen Generalstabschef auf Sommerurlaub nach Karlsbad gehen. Die Feinde haben unterdessen planmäßig Vorbereitungen zum Überfall getroffen.

Die ganze diplomatische Maschine bei uns hat versagt. Man sah den heraufziehenden Krieg nicht, weil das Auswärtige Amt mit seinem Standpunkt des „surtout pas d´histoires[2]!“ von dem Gedanken des Friedens à tout prix[3] dergestalt hypnotisiert war, da es den Krieg als mögliches Mittel der Entente-Staatskunst aus seinen Berechnungen gänzlich ausgeschaltet hatte und deshalb Kriegsanzeichen in ihrer Bedeutung nicht richtig einschätzte. Auch hierin liegt übrigens ein Beweis für die Friedfertigkeit Deutschlands. Jener Standpunkt des Auswärtigen Amtes brachte es in einen gewissen Gegensatz zum Generalstab und Admiralstab, die pflichtmäßig warnten und zur Abwehr vorbereiten wollten. Dieser Gegensatz hat noch lange nachgewirkt. Die Armee konnte dem Auswärtigen Amt nicht vergessen, daß sie durch seine Schuld überrascht worden war. Und die Diplomaten waren pikiert, daß es trotz ihrer Kunst zum Kriege gekommen war.

Unzählig sind die Zeugnisse dafür, daß schon im Frühjahr und Sommer 1914, als bei uns noch niemand an den Angriff der Entente dachte, der Krieg in Rußland, Frankreich, Belgien und England vorbereitet worden ist. Die wesentlichen der mir bekannt gewordenen Beweise hierfür habe ich in die von mir zusammengestellten „vergleichenden Geschichtstabellen“ aufgenommen. Aus ihrer großen Zahl möchte ich hier nur einige anführen. Wenn ich dabei nicht alle Namen nenne, so geschieht dies aus begreiflichen Gründen. Dieses ganze Material ist mir Natürlich erst nachträglich, z. T. während des Krieges, größtenteils erst nach dem Kriege, bekannt geworden.

Von der Ermordung des Erzherzogs bis Kriegsbeginn

Alle Kriegserklärungen im Ersten Weltkrieg von 1914-1918

  1. Schon im April 1914 begann die Ansammlung von Goldreserven in den englischen Banken. Deutschland dagegen führt noch im Juli Gold und Getreide aus, auch nach den Entente-Ländern.
  2. Im April 1914 berichtete der deutsche Marineattaché in Tokio Korvettenkapitän v. Knorr: „Er sei geradezu betroffen über die Gewißheit, mit der dort alles den Krieg der Tripelallianz gegen Deutschland in naher Zeit für sicher halte… Es liegt etwas in der Luft wie eine Art Beileid über ein noch nicht ausgesprochenes Todesurteil.“
  3. Ende März 1914 hält der General Schtscherbaschew, Direktor der Kriegsakademie in Petersburg, an seine Offiziere eine Ansprache, in der es u. a. hieß: „Der Krieg mit den Dreibundmächten sei infolge der gegen Rußlands Interessen gerichteten österreichischen Balkanpolitik unvermeidlich geworden… Höchstwahrscheinlich werde er noch in diesem Sommer zu Ausbruch kommen. Rußland sei die Ehre geworden, sofort die Offensive zu ergreifen.“
  4. Im Bericht des belgischen Gesandten in Berlin über eine aus Petersburg eingetroffene japanische Militärmission – April 1914 – heißt es u. a.: „In den Regimentsmessen hatten die japanischen Offiziere ganz offen von einem nahe bevorstehenden Kriege gegen Österreich-Ungarn und Deutschland reden hören. Man sagte dabei, daß die Arme bereit sei, ins Feld zu rücken, und der Augenblick sei ebenso günstig für die Russen, wie für ihre Verbündeten, die Franzosen.“
  5. Nach den in der Revue des Deux Mondes 1921 veröffentlichten Denkwürdigkeiten des damaligen französischen Botschafters in St. Petersburg, Herrn Paléologue, haben am Juli 1914 in Tfarskoje Selo die Großfürstinnen Anastasia und Militza zu ihm geäußert: „Ihr Vater, der König von Montenegro, hätte ihnen in einem Chiffretelegramm mitgeteilt, »daß wir vor Monatsende (russischen Stils, also vor dem 13. August neuen Stils) krieg haben werden… Von Österreich wird nichts übrig bleiben… Ihr werdet Elsaß-Lothringen wiedernehmen… Unsere Heere werden sich in Berlin treffen… Deutschland wird vernichtet werden«.“
  6. Der frühere serbische Geschäftsträger in Berlin Boghitschewitsch berichtet in seinem 1919 erschienen Buche „Kriegsursache“ eine Äußerung, die der damalige französische Botschafter in Berlin Cambon am Oder 27. Juli 1914 zu ihm gesagt habe: „Wenn Deutschland es auf einen Krieg ankommen lassen will, so wird es auch England gegen sich haben. Die englische Flotte wird Hamburg forcieren. Wir werden die Deutschen glatt schlagen.“ Boghitschewitsch sagt, er habe von dieser Unterredung die „Gewißheit“ mitgenommen, daß der Krieg, falls nicht schon früher, so doch gewiß bei der Begegnung Poincaré´s mit dem russischen Kaiser in St. Petersburg beschlossen worden war.
  7. Ein Hochgestellter Russe, Mitglied der Duma und guter Bekannter von Sasanov, erzählte mir später von dem geheimen Kronrat unter Vorsitz des Zaren im Februar 1914, was mir auch durch andere russische, in meinen „Geschichtstabellen“ aufgeführte Quellen bestätigt worden ist: In diesem Kronrat hielt Sasonow einen Vortrag, in welchen er dem Zaren vorschlug, Konstantinopel zu nehmen. Da der Dreibund das nicht zugeben würde, werde daraus ein Krieg gegen Deutschland und Österreich folgen. Italien werde von diesen abfallen; auf Frankreich könne man unbedingt rechnen, auf England wahrscheinlich. Der Zar habe zugestimmt und den Befehl gegeben, die nötigen Vorarbeiten zu beginnen. Der russische Finanzminister Graf Kokowtow hat dagegen einen Denkschrift an den Zaren gerichtet – diese ist mir nach dem Brester Frieden durch Graf Mirbach mitgeteilt worden – in der er dem Zaren ein festes Zusammengehen mit Deutschland empfahl und vor dem Kriege warnte, der unglücklich verlaufen und zur Revolution und zum Sturze der Dynastie führen werde. Der Zar ist diesem Rate nicht gefolgt, hat vielmehr den Krieg betrieben.
  8. Derselbe Herr erzählte mir folgendes: Zwei Tage nach Kriegsausbruch sei er zu Sasonow zum Frühstück geladen gewesen. Dieser sei ihm freudestrahlend entgegengekommen und habe ihn, sich die Hände reibend, gefragt: „Nun, lieber Baron, sie müssen doch zugeben, Daß ich mir den Moment des Krieges vortrefflich gewählt habe?“ Als der Baron in etwas besorgt fragte, wie denn England sich dazu stellen werde, schlug der Minister lachend auf seine Tasche und flüsterte dem Baron mit listigem Augenzwinkern zu: „Ich habe etwas in meiner Tasche, was in den nächsten Tagen ganz Rußland erfreuen und die Welt in Erstaunen setzten wird: ich habe die englische Zusage erhalten, daß England mit Rußland gegen Deutschland gehen wird!“
  9. Russische Gefangene der sibirischen Korps, die in Ostpreußen gefangen genommen wurden, sagten aus: Sie seien im Sommer 1913 mit der Bahn in die Umgegend von Moskau transportiert worden, weil dort ein Manöver vor dem Zaren stattfinden solle. Das Manöver fand nicht statt. Die Truppen wurden aber nicht zurückbefördert, sondern für den Winter in der Umgegend von Moskau disloziert[4]. Im Sommer 1914 wurde sie in die Gegend von Wilna vorgefahren, weil dort ein großes Manöver vor dem Zaren stattfinden solle. In und bei Wilna seien sie aufmarschiert und dann seien plötzlich die scharfen Patronen (Kriegsmunition) ausgegeben und ihnen mitgeteilt worden, nun sei Krieg gegen Deutschland. Warum und weshalb, das wußten sie nicht zu sagen.
  10. In einem Winter 1914/15 in der Presse veröffentlichten Bericht eines Amerikaners über seine Reise im Kaukasus ihm Frühjahr 1914 wird erzählt: Als er zu Anfang Mai 1914 im Kaukasus eingetroffen sei, seien im auf seiner Fahrt nach Tiflis lange Kolonnen von Truppen aller Waffengattungen in Kriegsausrüstung begegnet. Er habe befürchtet, es sei im Kaukasus ein Aufstand ausgebrochen. Als er bei einer Paßrevision in Tiflis sich bei den Behörden danach erkundigte, erhielt er den beruhigenden Bescheid, der Kaukasus sei ganz ruhig, er könne reisen, wohin er wolle, es handle sich nur um Übungsmärsche und Manöver. Nach Abschluß seiner Reise Ende Mai 1914 habe er sich in einem kaukasischen Hafen einschiffen wollen, aber alle Schiffe seien derart mit Truppen besetzt gewesen, daß er nur mit Mühe noch eine Kajüte für sich und seine Frau erhalten konnte. Die russischen Offiziere erzählten ihm , sie würden in Odessa landen und von da in die Ukraine marschieren zu einem großen Manöver.

[1] „Ich werde in diesem Jahre zu Haus bleiben, weil wir Krieg bekommen.“
[2] Vor allem keine Geschichten
[3] zu allen Kosten
[4] disloziert beschreibt die von einer militärischen Führung vorgenommene räumliche Verteilung von Einheiten und Dienststellen auf die verfügbaren Unterkünfte oder beim Einsatz im Gelände unter Berücksichtigung der jeweiligen Aufgabe.

Zu Teil 2 – Kaiser Wilhelm II. – Kriegsausbruch 2/2

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