WK I. – Der Krieg der europäischen Völker wurde ein Krieg Amerikas gegen Europa

 

In den Tagen, da der europäische Krieg in das fünfte Jahr eintritt, hängt die zittrige Hoffnung der Entente an der Hilfe Amerikas. Die Statistik im feindlichen Lager, von Anfang an eines der ausdauernd in Gebrauch genommenen, aber andauernd versagenden Kriegsmittel der Entente, hat sich völlig in die schreienden amerikanischen Farben gekleidet.

 


 

Budapest, 30. Juli.

 

Die Einbildungskraft der Nationen in den europäischen Weststaaten wird mit den Ziffern der amerikanischen Truppensendungen und Schiffsbauten genährt, die amerikanischen Legionen, ihre gegenwärtigen, noch mehr ihre künftigen Taten müssen helfen, den ermattenden Kriegsgeist zu beleben. Die schmerzlich-müde Stimmung, die der Rückblick auf vier blutige und erfolglose Jahre und die Aussicht auf einen schrecklichen fünften Kriegswinter in England, Frankreich und Italien weckt, soll durch lärmende Volksbelustigungen wie die Feier des Einzuges amerikanischer Regimenter in Mailand oder wie die verflossenen Paradereden zu Ehren des amerikanischen Unabhängigkeitsfestes übertäubt werden.

Der „Krieg bis ans Ende“ hat Frankreich zum Krüppel geschlagen, Italien weiß keinen Rat mehr, wie neue Truppen aus dem ausgeschöpften Volkskörper herausgezogen werden könnten, England muß die Krise eines Munitionsarbeiterstreiks über sich ergehen lassen, weil der Kriegsminister die gelichteten Stände an der Front mit Leuten aus den Munitionswerkstätten auszufüllen genötigt ist. Die stolzen Stimmen, die vor vier Jahren schmetternd den raschen Sieg in die Welt riefen, sind gedämpft, die Ergebnisse von vier Jahren Ententekrieg regen nicht zu Jubelgesängen an. Aber Amerika ist laut geworden und reckt sich in prahlerischen Gebärden. Staatssekretär Lansing und Schatzsekretär Mac Adoo singen die alte Ententeweise, die in Europa schon schal wie ein abgeleiertes Bänkellied klingt, daß der Krieg nicht eher enden werde, als bis Deutschland vernichtend geschlagen sei, mit der Luft des Anfängers vom anderen Ende des Ozeans herüber.

 Mit der hemdärmeligen Rücksichtslosigkeit, die dem Amerikaner in seiner geschäftlichen und in seiner politischen Praxis eigen ist, hat er schon jetzt die Führerschaft in der Entente an sich gerissen. Der Krieg wird als amerikanische Angelegenheit behandelt, die Bundesfreunde sind beinahe schon zu Figuren in dem amerikanischen Spiel herabgesunken. Amerika nimmt sich vor, die Dauer des Krieges zu bestimmen, wie die Bedingungen, die den Mittelmächten aufzuerlegen sind. Die Vereinigten Staaten katechisieren bereits die europäischen Genossen, wenn die Hurrarufer in der Neuen Welt glauben, daß die Anfeuerung der Kriegszweifler durch begeisternde Worte oder auch durch sanfte Gewalt nicht -nach den amerikanischen Wünschen und Methoden betrieben wird. Kein Wunder, wenn der Gedanke, sich in die Hände Amerikas gegeben zu haben, in England selbst dem verbissensten Kriegshetzer ungemütliche Stunden zu bereiten beginnt.

Kürzlich hielt der Burengeneral Smuts, den sich Lloyd George zu Propagandazwecken im Lande hält, eine seiner stark aufgeschminkten Reden. Der Südafrikaner, der den Northcliffeblättern stets zu Danke spricht, hat sich jedoch mit dieser Rede nicht in Gunst gesetzt. Er läutete die amerikanische Glocke und sagte preisend, die amerikanische Armee in Frankreich werde bald so groß sein wie die französische und englische zusammengenommen. Smuts, der während des Burenkrieges gegen England mit dem gleichen Temperament wie jetzt gegen Deutschland gesprochen hat. ist ein feuriger, aber anscheinend noch recht grüner Bürger des britischen Imperiums. Die angeborene Empfindlichkeit für die stolze Größe Englands fehlt ihm noch. Die Times fauchen ihn denn auch wegen des britischen Ohren unwillkommenen arithmetischen Vergleiches höchst unwirsch an. Die maßlose Übertreibung Smuts´s sagen sie, schade der guten Sache. Daily Mail, das Schwesterblatt, ist freimütiger, es nennt die Äußerung Smuts´ geradeheraus eine Dummheit. Der Zorn der Northcliffeblätter ist begreiflich. England ist heute schon von Amerika in die zweite Linie gedrängt. Wenn wirklich einmal die amerikanische Armee so groß sein wird wie die englische und französische zusammengenommen, wäre die Regierung Seiner britischen Majestät überhaupt nur mehr ein Handlanger Wilsons.

Wenn der Gedanke an die Hegemonie Amerikas sogar die Kriegsfanatiker in England nervös macht, so löst er in den Kreisen der besonneneren, kulturbewußten Engländer tiefen Kummer aus. Einer der kriegstollen amerikanischen Professoren, der Lehrer der Geschichte an der Universität Minnesota William Sterns Davis, schrieb der aufrichtig liberalen und friedensfreundlichen Londoner Wochenschrift Nation einen Brief, in dem er dem radikalen Liberalismus Englands, den zu verehren er vorgibt, bittere Vorwürfe wegen dessen Kriegsmüdigkeit macht. Die Nation antwortet in würdigen Worten. Das Zwiegespräch zwischen dem Amerikaner und dem Engländer spiegelt ein Stück der Zeitstimmung wider. Professor Davis versichert, in Amerika sei man darüber einig, daß der Krieg bis zum vollständigen Endsieg über Deutschland fortgeführt werden müsse, ein zusammengeflickter Friede sei ausgeschlossen, auch Elsaß-Lothringen müssen die Franzosen ohne Volksabstimmung erhalten. Die Nation entgegnet, wenn die Auffassungen des Professors den Willen aller gutgesinnten Amerikaner darstellten, müßte man an der Sache der Zivilisation verzweifeln. Der liberale Engländer hält dem Amerikaner die rohen Übergriffe der Zensur vor. die Bluturteile der amerikanischen Gerichte gegen die Friedensfreunde, die Exzesse des Pöbels gegen die Deutschamerikaner, die ungestraft gelyncht werden, die Willkür der Behörden und Gerichte gegen die Arbeiterbewegung. „Freiheit des Wortes,“ sagt Nation, „der Presse und der Versammlungen ist in Amerika weit strenger ausgerottet worden, als in England oder in Deutschland.“ Entsetzt aber bebt das englische Blatt vor dem brutalen Evangelium des Krieges ohne Ende zurück, das die amerikanische Kriegsbegeisterung verkündet. Davis, so klagt der Engländer, besteht darauf, daß wir fortfahren zu leiden, bis Amerika so weit ist, ein Ende zu machen.

Der Weg, den der Amerikaner gehen will, der „einzig würdige Weg, den Krieg zu beendigen“, mag noch einige Millionen französischer, belgischer, englischer Menschenleben kosten. Davis sei sich darüber klar. daß am Ende dieses Weges Amerika dem Feind die Friedensbedingungen auferlegen werde. Wofür aber, fragt Nation, sollen die europäischen Völker zugrunde gehen? „Damit 1920 (oder wird es 1921 sein?) amerikanische Millionen die erschöpfte Verteidigungsfront Deutschlands durchbrechen und den niedergeworfenen Völkern Europas einen amerikanisches Frieden auferlegen, aus dem nur sie selbst, den Handel der Welt unbestritten in ihren Händen, im Triumph emporsteigen und in dessen weiterer Folge sie sich in die Weltherrschaft mit Japan teilen, dem einzigen anderen Mitglied der Entente, dessen Hilfskräfte durch die Teilnahme am Weltkriege nicht vermindert, sondern vermehrt worden sind?“ Das liberale englische Blatt trifft mit der bitteren Entgegnung auf die amerikanische Kriegswütigkeit ins Schwarze. Amerika will sich kriegerisch ausleben, weil dies der sicherste Weg ist. über Europa hinweg die Alleinherrschaft über den Handel der Welt zu erringen. Nicht das ganze Angelsachsentum wie die romantischen Imperialisten Englands träumen, würde dann der Sieger sein, sondern Amerika allein im Vereine mit Japan. Nicht die Mittelmächte wären die Besiegten, sondern ganz Europa, Großbritannien eingeschlossen, das der angelsächsische Vetter von jenseits des Meeres mit derselben Kaltblütigkeit sich verbluten sieht, wie die anderen europäischen Kulturvölker.

Die Nation hält dem amerikanischen Professor vor, daß sein Schlachtruf nach endloser Kriegsverlängerung für jedes kriegführende Land in Europa eine verkrüppelte Existenz bedeute, für das französische Volk aber das Todesurteil. Frankreich hat sich allerdings den Amerikanern mit der sinnlosen Inbrunst an den Hals geworfen, mit der es seit vier Jahren, alle Stimmen des Kulturgewissens in sich ertötend, dem Kriege ergeben ist. Die modernen Amerikaner hausen auf dem französischen Boden, wo jeder Fleck durch große Erinnerungen, durch Denkmäler einer noblen Geistes- und Lebenskultur geheiligt ist, wie in den Urwäldern von Wildwest, die ihre Vorväter mit Feuer und Axt ausgerottet haben. Ohne Verständnis für die Werte der eigenartigen Schöpfungen des alten französischen Volksgeistes, der sich in Lebensführung. Familiensitten und gesellschaftlichen Gewohnheiten ebenso einheitlich ausspricht, wie in Kunst- und Bauwerken, führen die amerikanischen Ingenieure den Pflug über das Land, durchschnüffeln die weiblichen Sendlinge Amerikas die Wohnungen und drängen mit naivem Eifer, das häusliche Leben nach amerikanischem Muster umzugestalten. Ein Teil der französischen Öffentlichkeit, der nichts als den Krieg sehen will, jauchzt der Zerstörung französischen Lebens zu. weil er sich von der Amerikanisierung Frankreichs die Niederwerfung der verhaßten Deutschen in und nach dem Kriege erhofft. In einem Feuilleton des Temps, dessen politischer Teil wütigste Kriegshetze betreibt. seufzt jedoch ein empfindsamer Franzose, mit allem Respekt vor dem robusten Bundesgenossen, über den amerikanischen Sturm, der durch Frankreich rast. Seine Bitten um Schonung richtet er der Form nach an jene seiner Landsleute. die die alte Kultur Frankreichs im Kriegseifer der amerikanischen Sense hinwerfen wollen. Allein die Deckadresse täuscht nicht darüber, daß das Flehen um Gnade an die Amerikaner selbst gerichtet ist. „Sie haben“, klagt der Jeremias aus dem Temps über die Schmeichler Amerikas, „einen Scheiterhaufen errichtet aus allen Büchern unserer Bibliotheken und darauf wollen sie jene zeitwidrigen und unnützen Wesen verbrennen, die man Dichter. Bildhauer, Musiker oder Denker nennt. Man lehrt die Jugend sie verachten.

Unsere Kinder träumen, eines Tages Petroleum- oder Aluminiumkönige zu werden. Sie wollen unsere Wälder abhauen. Fabriken in unsere Täler setzen und die Mauer niederhauen, die den Bezirk der Träume einsäumt.“ „Ein Frankreich,“ so wehrt er die amerikanische Handfestigkeit ab, „aus dem der Luxus des Geistes verjagt wird, wäre nicht mehr Frankreich und verlohnte nicht die Mühe, daß seine Söhne es verteidigen.“ Die Bekenntnisse in der Nation und im Temps kommen aus Feindesmund. Aber kein guter Europäer wird sie ohne Mitgefühl lesen. Jeder von beiden spricht aus dem Instinkt seines Volkes. Der Engländer steht erschreckt vor der Unterhöhlung der altüberlieferten stolzen politischen Kultur Englands, der Franzose zittert für die feine Blüte seiner nationalen Geisteskultur. Beide schauern vor dem Amerikanismus des Krieges zurück, dem sich die Ententestaatsmänner ausgeliefert haben. Nach vier Jahren ist der brudermörderische Krieg der europäischen Völker ein Krieg Amerikas gegen Europa geworden. Wollen die Ententevölker sich nicht endlich von einem Kampfe losreißen, den sie nur noch zum Nutzen Amerikas und Japans weiterführen? Wird das europäische Gefühl, die Liebe zum gemeinsamen Vaterland aller europäischen Nationen, in den Ländern unserer Feinde nicht endlich erwachen?

WK I. – Der Krieg der europäischen Völker

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