Polen als Stolperstein für den Frieden nach Versailles

WARNUNGEN VOR ABSCHLUSS IGNORIERT

Es ist unabdingbar in die Zeit vor der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Versailles zurückzukehren den die nachfolgenden Memoranden belegen die damalige Befürchtung, dass der Vertrag von Versailles das Potential für einen weiteren Krieg in Osteuropa hatte.

 

Die deutsch-polnischen Beziehungen haben seit dem Augenblick der Wiederaufrichtung eines selbständigen polnischen Staates in Versailles unter einem mehrfachen Verhängnis gestanden. Erstens erklärte sich Polen unter Berufung auf eine angeblich tausendjährige Mission zum Erbfeind der Deutschen. Es begründete damit nicht nur seine Ansprüche auf deutsches Reichsgebiet, sondern geradezu seine Existenzberechtigung und empfahl sich so den Siegermächten als zuverlässigen, jederzeit einsatzfähigen Alliierten zur Niederhaltung Deutschlands. Zweitens: Es wurde in dieser Funktion von den Westmächten bestätigt und durch Einbeziehung zunächst in das französische Bündnissystem beauftragt, den östlichen Sektor der permanenten Einkreisung zu übernehmen und die Tradition der Zweifrontenlage für Deutschland fortzusetzen. Das deutsch-polnische Verhältnis wurde drittens von Anfang an durch die Überlassung einer starken deutschen Volksgruppe vergiftet, die sofort dem schärfsten Polonisierungszwang unterworfen war. Viertens stellten die Abtretungen deutschen Reichsgebiets im Osten die größten Ungerechtigkeiten des Friedensdiktats dar. Sie wurden nicht nur vom deutschen Volk, sondern auch von maßgebenden alliierten Staatsmännern als so unhaltbar empfunden, daß sich jedermann darin einig war, daß an dieser Stelle die erste Wiedergutmachung einsetzen mußte, wenn nicht hier der nächste kriegerische Konflikt in Europa ausbrechen sollte.

Lloyd George hat in einer Denkschrift für die Konferenz von Versailles am 25. März 1919 (siehe Dokument Nr. 1) auf diese künftige Kriegsursache ebenso aufmerksam gemacht wie die Deutsche Friedensdelegation (siehe Nr. 2). Selbst, der Vorsitzende des Obersten Rates Clemenceau hat in dem bekannten Brief an Paderewski vom 24. Juni 1919 ( siehe Nr. 3) Polen auf die Bedeutung einer solchen Volkstumshypothek hingewiesen und den Abschluß und die Einhaltung eines entsprechenden Minderheitenschutzvertrages (siehe Nr. 4 eigener Beitrag) zur Voraussetzung dafür gemacht, daß Polen die deutschen Gebiete erhielt. Damit war zugleich die feierliche Verpflichtung der Alliierten Mächte festgelegt, die Einhaltung dieses Grundgesetzes der deutschen und übrigen Volksgruppen in Polen sicherzustellen. Der Wortlaut des Vertrages läßt keinen Zweifel darüber, wozu sich Polen gegenüber den mehr als 40 % nichtpolnischen Einwohnern des neuen Staates verpflichtet hat. Die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen von 1919 bis 1933 ist aber, wie die hier vorgelegten Urkunden zeigen, zur Geschichte einer permanenten Verletzung dieses Vertrages durch Polen und zur Geschichte einer stillschweigenden Mittäterschaft des Völkerbunds und der Garantiemächte geworden.

Nr. 1 – Aus dem Memorandum des Britischen Premierministers,
Lloyd George, 25. März 1919

»Einige Erwägungenfür die Friedenskonferenz, ehe sie ihre Bedingungen endgültig festsetzt«

….. Die Aufrechterhaltung des Friedens wird davon abhängen, daß keine Ursachen zur Verzweiflung vorhanden sind, die dauernd den Geist des Patriotismus, der Gerechtigkeit oder des »fair play« aufstacheln. Unsere Bedingungen dürfen hart, sogar grausam und selbst erbarmungslos sein, um Genugtuung zu erlangen, aber gleichzeitig können sie so gerecht sein, daß das Land, dem sie auferlegt werden, in seinem Herzen fühlen wird, daß es kein Recht zur Klage hat. Aber Ungerechtigkeit und Anmaßung, ausgespielt in der Stunde des Triumphes, werden nie vergessen und vergeben werden.

Aus diesen Gründen bin ich auf das schärfste dagegen, mehr Deutsche, als unerläßlich nötig ist, der deutschen Herrschaft zu entziehen. um sie einer anderen Nation zu unterstellen. Ich kann mir keine stärkere Ursache für einen künftigen Krieg vorstellen, als daß das deutsche Volk, das sich zweifellos als eine der kraftvollsten und mächtigsten Rassen der Welt erwiesen hat, rings von einer Anzahl kleiner Staaten umgeben werden soll, von denen viele aus Völkern bestehen, die noch nie vorher eine stabile Regierung aufgestellt haben, aber jeder breite Massen von Deutschen einschließt, die die Vereinigung mit ihrem Heimatland fordern. Der Vorschlag der polnischen Kommission 2.100.000 Deutsche der Aufsicht eines Volkes von anderer Religion zu unterstellen, das noch niemals im Laufe seiner Geschichte die Fähigkeit zu stabiler Selbstregierung bewiesen hat, muß meiner Beurteilung nach früher oder später zu einem neuen Krieg in Osteuropa führen …..

Nr. 2 – Aus den Bemerkungen der Deutschen Friedensdelegation
zu den Friedensbedingungen, 29 .Mai 1919*

….. Durch die in Artikel 27 und 28 vorgesehene Regelung der territorialen Fragen im Osten werden dem polnischen Staat mehr oder minder große Teile der preußischen Provinzen Ost- und Westpreußen, Pommern, Posen und Schlesien zugeteilt, die nicht von unbestreitbar polnischer Bevölkerung bewohnt werden. Unbekümmert um ethnographische Gesichtspunkte werden zahlreiche deutsche Städte, weite rein deutsche Landstrecken zu Polen geschlagen, nur damit Polen günstige militärische Grenzen gegen Deutschland oder wichtige Eisenbahnknotenpunkte erhält. Unterschiedslos werden Gebiete, die in verschiedenen Jahrhunderten von. Polen losgelöst sind oder in denen es überhaupt nie geherrscht hat, jetzt ihm zugesprochen. Die Annahme der vorgeschlagenen Regelung würde deshalb eine Vergewaltigung von großen unbestreitbar deutschen Gebieten bedeuten. Eine solche Regelung würde außerdem den Wilsonschen Grundsätzen widersprechen, daß bei Ordnung der nationalen Fragen vermieden werden soll, »neue Elemente des Zwistes und der Gegnerschaft zu schaffen oder alte derartige Elemente zu verewigen, die wahrscheinlich mit der Zeit den Frieden Europas und somit der Welt stören würden« ….

*Anlage zur Note des Vorsitzenden der Deutschen Friedensdelegation in Versailles an den Präsidenten der Konferenz von Versailles vom 29. Mai 1919.

Nr. 3 – Der Vorsitzende des Obersten Rates der Alliierten und Assoziierten Hauptmächte
Clemenceau an den Polnischen Ministerpräsidenten Paderewski

Paris, den 24. Juni 1919

Clemenceau
Paderewski

….. Im Namen des Obersten Rates der Alliierten und Assoziierten Hauptmächte habe ich die Ehre, Ihnen hiermit den Text des Vertrages in seiner endgültigen Form mitzuteilen, um dessen Unterzeichnung Polen auf Grund von Artikel 93 des Vertrages mit Deutschland bei Gelegenheit der Bestätigung der Anerkennung Polens als unabhängiger Staat und der zu seinen Gunsten erfolgten Obertragung der Gebiete, welche dem ehemaligen Deutschen Reich angehörten und Polen durch den genannten Vertrag zugeteilt werden, ersucht werden wird.
….. Gleichermaßen muß ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, daß die polnische Nation die Wiedererlangung ihrer Unabhängigkeit den Anstrengungen und Opfern der Mächte verdankt, in deren Namen ich mich an Sie wende. Es ist der Entscheidung dieser Mächte zu danken, daß die Wiederherstellung der polnischen Souveränität über die in Frage stehenden Gebiete und Einbeziehung der Bewohner dieser Gebiete in .die polnische Nation im Begriffe sind verwirklicht zu werden. Um diese Gebiete In voller Sicherheit besitzen zu können, wird Polen in Zukunft weitgehend von der Unterstützung abhängig sein, die die Hilfsmittel dieser Staaten dem Völkerbund gewähren werden Hieraus erwächst daher für diese Mächte die Verpflichtung, welcher sie sich nicht entziehen können, in der dauerhaftesten und feierlichsten Form die Garantie gewisser wesentlicher Rechte sicherzustellen, welche den Einwohnern einen notwendigen Schutz geben werden, welches auch immer die Veränderungen sein mögen, die in der inneren Verfassung des polnischen Staates eintreten könnten.

….. Um dieser Verpflichtung nachzukommen, ist Artikel 93 in den Friedensvertrag mit Deutschland eingesetzt worden.

….. Es ist eine neue Lage, die die Mächte jetzt zu erwägen haben, und die Erfahrung hat gezeigt, daß neue Bestimmungen notwendig sind. Die Gebiete, welche jetzt an Polen und andere Staaten übergehen, umfassen unvermeidlicherweise eine beträchtliche Bevölkerung, welche andere Sprachen spricht und anderen Rassen angehört als das Volk, welchem sie einverleibt wird. Unglücklicherweise sind die Rassen durch lange Jahre bitterer Feindschaft getrennt gewesen. Es ist anzunehmen, daß diese Bevölkerungsteile sich leichter in ihre neue Lage finden werden, wenn sie von Anfang an wissen, daß sie sicher sein können, in wirksamer Weise gegen jedes Risiko einer ungerechten Behandlung oder Unterdrückung geschützt und sichergestellt zu sein. Die bloße Tatsache, zu wissen, daß diese Garantien vorhanden sind, wird hoffentlich die von allen gewünschte Verständigung wirklich erleichtern und in der Tat dazu beitragen, zu verhindern, daß es notwendig wird, sie mit Gewalt aufzuerlegen.

Was die individuellen Bestimmungen des vorliegenden Vertrages betrifft, so garantiert Artikel 2 allen Bewohnern die Grundrechte, die in allen zivilisierten Staaten tatsächlich gewährleistet sind.

Die Bestimmungen 3 bis 6 bezwecken, jeder Person, welche tatsächlich in dem unter die polnische Souveränität kommenden Gebiet wohnt, alle die Privilegien zu sichern, welche dem Mitbürger gebühren. Die Artikel 7 und 8 bestimmen im Einklang mit dem Vorhergehenden, daß kein Unterschied in der Behandlung gemacht werden soll zum Nachteil der polnischen Bürger, welche durch ihre Religion, ihre Sprache oder ihre Rasse von der großen Menge der polnischen Bevölkerung verschieden sind. Wir glauben zu wissen, daß die Polnische Regierung, weit davon entfernt, irgendeinen Einwand gegen den Inhalt dieser Artikel zu erheben, bereits ihrerseits ihre feste Entschlossenheit erklärt hat, die in ihnen zum Ausdruck gebrachten Grundprinzipien zu den Grundlagen ihrer Einrichtungen zu machen.

Nr. 4 – Vertrag zwischen den Alliierten und Assoziierten Hauptmächten
und Polen, Versailles, 28. Juni 1919

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