Der Amerikanisierung der Welt widerstehen

Diego Fusaro: TEIL 11

GIAANNI VATTIMO und DIEGO FUSARO

G: Die NATO hat sich 70 Jahre nach der Gründung als eine anachronistische Organisation erwiesen, welche auch zu diskutablen Entscheidungen geführt hat. Was für eine Zukunft kann man in Europa erwarten und was für eine Rolle kann Putin dabei spielen?

Gianni Vattimo*: Ich weiß es eigentlich nicht. Ich habe mir schon immer vorgestellt, man könnte dem Mechanismus der globalen Amerikanisierung Steine in den Weg legen, das heißt, man könne den Untergang der Titanic, das Versinken unter Wasser, die Erschöpfung unserer Ressourcen verlangsamen etc. etc.; deshalb sehe ich Putin nicht als Alternative sondern als Hilfe, wie ich bis jetzt zum Travel gesehen habe.

Zum Beispiel ein stärkeres Lateinamerika etc. etc. eigentlich mein Vorbild, schlage ich in diesem  Kontext aber gar nicht vor, es kann nicht einfach der Diskussion hinzugefügt werden. Als Vorbild der heutigen Weltpolitik hab ich schon immer Italien in den 50er und 60er Jahren gesehen, als eine starke Kommunistische Partei gab, die nie an der Regierung war und doch eine starke Stellung als Gegengewicht zur Arroganz der Rechten hatte, das Arbeitnehmerstatut, das sie nun zerstören möchten, wurde allerdings unter einer Mitte-Links-Regierung verabschiedet. Damals gab es ja eine Macht außerhalb des Systems, die nämlich dem Traum entsprach und die durch die Kommunistische Partei Schaden begrenzte.

Ich denke, was man heute noch machen kann ist zu versuchen, im täglichen politischen Kampf (siehe No Tav) alternative politische Subjekte aufzubauen um dadurch die absolute Gleichschaltung einzuschränken, denn hier geht  es wirklich um absolute Gleichschaltung, wie es gelegentlich klar wird (siehe Merkels abhören).

Die Kontrolle wird ausgeübt, also muss man von einer totalen Alternative träumen um an kleineren Widerstandsinseln zu arbeiten;  hiermit meine ich Anarchieformen im buchstäblichen Sinne des Wortes, um die absolute Kontrolle eines allmächtigen Machtzentrums zu bekämpfen.

Man muss nämlich sehen, ob sich in den Ländern, die du vorher erwähnt hast, Widerstandsbewegungen entwickeln können, die den Schaden einschränken können.

Diego Fusaro: Ich stimme Gianni definitiv zu und würde sagen, dass Putin heute im Jahre 2014 natürlich nicht Lenin ist. Aber er ist trotzdem gut, dass es ihn gibt, obwohl er nicht Lenin ist, denn Putin leistet Widerstand gegen die Amerikanisierung der Welt und gegen den amerikanischen Imperialismus.

Wenn wir an Präsident Obamas stilisierte „Yes we can“ Darstellung denke, gilt Putin als Gegenbild dazu, indem er mit „no you can’t“ darauf antwortet, das heißt, er legt der Verbreitung des uneingeschränkten Kapitalismus nach amerikanischen Vorbild Steine in den Weg.

Putin ist das bekannteste Beispiel, aber andere gibt es auch noch. Heutzutage ist es notwendig, den Glaubenssatz der Unveränderlichkeit der dominierenden Machtverhältnisse umzukehren, welcher von neorealistischen Philosophien untermauert wird, die die Unabwendbarkeit der bestehenden Bedingungen und die resignierte Hinnahme der Realität verkünden; ein Besteller unserer Zeiten sagt, „der Widerstand ist zwecklos“, doch es im Gegenteil unheimlich wichtig, sich zu wehren und marxistische Ideale zu verteidigen, deswegen glaube ich im Großen und Ganzen philosophisch gesehen, dass die marxistische Position zum Kapitalismus im Vergleich zu Heidegger wertvoller ist, denn für Heidegger „ist alles Hoffnungslos, Gott allein kann uns erlösen“; der Kapitalismus für Marx oder Gramsci ist im Gegensatz dazu ein historisches Produkt der durch die menschliche Praxis des Widerstandes der kleinen Gemeinschaften, die Gianni schon erwähnt hat, und der Länder, die eine uneingeschränkte Verbreitung des Kapitalismus bekämpfen.

Es ist deshalb wesentlich, eine Philosophie der Praxis als Ansatz zu nehmen, die nach Gramscis Vorbild das kollektive Bewusstsein der Massen erweckt, denn die vorherrschende amerikanische und Pro-Westen Ideologie manipuliert.

Gianni Vattimo: Ich stimme zu, doch ich bin trotzdem auf Heideggers Seite; wenn ich sage, man muss Widerstandsbewegungen entwickeln sage ich das in religiöser Perspektive, Gott allein kann uns retten, in einem praktisch-politischen Kontext halte ich die gegenwärtigen eigentlich für hoffnungslos; aber man muss trotz der Verzweiflung etwas tun, darüber sind wir uns einig.

Diego Fusaro: Natürlich! Und ich möchte dich nun fragen Gianni, da wir Heidegger erwähnt haben und er zusammen mit Nietzsche den größten philosophischen Einfluss auf dich hat, welche Aspekte in Heideggers System heutzutage dringend notwendig sind, um von der Unwürdigkeit der gegenwärtigen Philosophie Distanz zu nehmen.

Gianni Vattimo: Ich denke nun an „Ursprung des Kunstwerkes“, denn da hat Heidegger auf jene politische Perspektive verzichtet, nachdem er verstanden hatte, mit dem Nationalismus war es ein Schlag ins Wasser gewesen; ich verstehe es so (auch wenn er sich meiner Meinung nach lobenswert verweigert hat, seine Position komplett umzukehren und ein Nürnberg-Verfechter zu werden, das ist aber zweifelhaft, da bin ich mir auch nicht sicher), dabei geht es um die Idee, dass ein Ereignis die Welt verwandeln kann; anstatt zu denken, dass das Kunstwerk allein ein Wahrheitsereignis ist, kann man auch die Politik als Wahrheitsereignis betrachten, indem man Heideggers Hermeneutik[1] als Philosophie der Praxis und nicht als metaphysische Philosophie versteht. Ich denke in dieser Hinsicht, Heidegger nützlich sein kann.

Diego Fusaro: Du hast auch ein gutes Buch über den hermeneutischen Kommunismus geschrieben; in der Tat denke ich, dass diese Idee der Politik als Umsetzung der Wahrheit die traditionelle Vorstellung der Philosophie der Praxis von Gramsci und Marx berührt.

In seinen „Thesen über Feuerbach§ schreibt Marx, dass die Wahrheit ein ***** ist, das heißt eine praktische und politisch-transformative Frage[…]

Gianni Vattimo: Santiago De*** und ich möchten klarmachen, inwiefern es eine Hermeneutik gibt, die uns hilft von jener beschreibenden Passivität in der Realitätserfahrung Distanz zu nehmen, das heißt von der Annahme, wir müssen Sachverhalte betrachten und als Gesetz sehen, wie unsere Freunde vorschlagen die mit *** befreundet sind.

Diego Fusaro: Natürlich! Über das Thema der Philosophie der Aktion mag ich auch sehr, was Gentile zu sagen hat; das heißt, man muss die Realität nicht „fieri nequit“ als unveränderlich betrachten und passiv akzeptieren, man muss die Realität im Gegenteil als Praxis und Ereignis umfassen.

Gianni Vattimo: Wir dürfen nicht vergessen, dass das Wort „Ereignis“ für Heidegger ausschlaggebend ist: das Sein ereignet sich. Auch im ersten Teil von Wittgensteins „Tartacus“ geht es mehr um Ereignis als um Angabe oder Sein.

Ereignis ist alles, was sich beiläufig begibt.

 

*ist ein italienischer Philosoph, Autor und Politiker. International bekannt wurde er in den 1980er Jahren als Mitbegründer des schwachen Denkens. Wikipedia

[1] die Kunst der Auslegung und Deutung von Texten.

Transkript: Werner Nosko


DIEGO FUSARO ist politischer Kommentator; Journalist; Gegner des Kapitalismus; Gegen das europäische Bankensystem und des globalisierten Einheitsdenkens Er widmet sich dem Studium der Philosophie aller Zeiten, vor allem Marx und Gramsci, um ein soziales Projekt zu verwirklichen, um folglich die Aufmerksamkeit der Politiker auf spezifische Programme zu lenken, wo die Priorität das erniedrigte Volk der Erde sein wird, sowie die Berücksichtigung der verschiedenen Kulturen und deren Ausdruck – möglicherweise, wo sie sich entwickelt haben.

Die weltweite Verbreitung, und Übersetzung seiner Botschaften ist ausdrücklich erwünscht.


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