Der ideologische Missbrauch der „Deutschen Schuld“

Diego Fusaro: TEIL 10

Damit nämlich sagend, dass Deutschland, das im zweiten Weltkrieg besiegt worden war, folglich von einem kulturellen Gesichtspunkt aus betrachtet unter der Führung der amerikanischen Hegemonie kolonialisiert worden ist, was wiederum die Voraussetzung für diese Auswüchse, an welche du vorhin erinnert hast und die ich tragischerweise selbst im Bereich des kulturell-philosophischen aktiv gesehen hatte, geschaffen hat.

Und zwar, dass an den größten deutschen Universitäten die große Tradition deutscher Philosophie wie Fichte, Hegel, Nietzsche, Marx, Heidegger, also all die großen Denker der deutschen Philosophie, die wir als Europäer wie eine Art erleuchtende Schutzpatronen der westlichen philosophischen Kultur in unserem Gedächtnis präsent haben müssten, nicht mehr studiert werden. Nichts von alle dem.

An den deutschen Universitäten zwingt das ungeschriebene Gesetz der Political Correctness auf, die analytische Philosophie zu studieren, nämlich die angelsächsisch-amerikanische Art des Philosophierens, die Politik und das Geschichtliche dabei entfernend und eben genau auf diese englisch-amerikanische Art denkend. Dies löste in mir – ich spreche nun zugegebenermaßen etwas subjektivistisch, doch um nun der Beantwortung deiner zuvor an mich gerichteten Frage gerecht zu werden – ein gewisses Gefühl der Frustration aus, da ich mir als ein nach Deutschland gehender Student, – Ich ging damals, als ich meinen Doktortitel machte -, ausmalte, mich im Mekka der Philosophie wiederzufinden, nämlich an dem Ort, an welchem man die größte Wertschätzung einem Hegel, Kant, Fichte und Schelling zelebrierend gegenüber brächte, kurzum allen bekannten deutschen Denkern. Jedoch findet man sich enttäuscht wieder, weil man gesehen haben wird, dass in den Sälen der Universitäten exklusiv nur noch der Kultur im Sinne der amerikanisch-analytischen oder angelsächsischen Art des Denkens Tribut gezollt wird. Und das ist kein Zufall, weil Deutschland im zweiten Weltkrieg besiegt und einer drastischen Art der Bestrafung unterzogen worden ist, die einen unmittelbar erlittenen, kulturellen Imperialismus mit sich zog. Wegen diesem hatten sie [die USA] entschieden, die deutsche Identität zu zerstören und ihre Kultur dabei zu vernichten.

Dies soll nun jetzt aber nicht heißen.. – es ist wohl besser, dass ich es klarstellend sage, auch wenn es banal ist, daran erinnern zu müssen, doch ich präzisiere es lieber aus, damit sich nicht irgendwelche Anschuldigungen jeglicher Art gegen mich richten – : Es ist evident, dass Hitler schlimmste Verbrechen begangen hat, für die er auch zur Verantwortung zu ziehen und zu verurteilen ist, keinen Zweifel daran. Doch das, was gemacht worden ist [Zerstörung der deutschen Kultur], geht, im Vergleich dazu, weit über die völlig richtige und unabdingbare Verurteilung der NS-Verbrechen hinaus. Das, was da gemacht worden ist, ist wiederum auf eine ganz eigene Art ein Verbrechen, da es die Zerstörung der deutschen Kultur und philosophisch-kulturellen Identität mit sich brachte. Die Deutschen sind nämlich in ihrer Kultur und Tradition regelrecht vernichtet worden. Ich merke, um es mal kurz anzuschneiden auch hier, teilweise von meiner eigenen biographischen Erfahrung berichtend, an, dass Deutschland, als das Vaterland der größten Philologien aller Zeiten – z.B. die Herausgabe der sogenannten „Fragmente der Vorsokratiker“ von Diels-Kranz -, bzw. besser gesagt all die großen Experten der klassischen Welt Deutsche waren.

Nun gut, heute hat sich eine paradoxe Situation gebildet, in welcher in den Hörsälen der Universitäten – und da erinnere ich mich in die Universität Bielefeld und an einem dort stattgefundenen Kurs bezüglich der Ideenlehre Platons zurück, als der Dozent in den völlig überfüllten Raum die Frage hinein warf, wie viele der Studenten denn dem antiken Griechisch mächtig seien – es nicht einen einzigen gab, der das Alt-Griechische beherrschte. Da haben wir also das Volk der Dichter und Denker, reduziert darauf, der griechischen Sprache ignorant und unwissend gegenüber zu stehen. Und genau hier sieht man, wie der kulturelle Imperialismus des Vernichtens der traditionellen Kultur eines Volkes, das (im Falle der Philosophie-Studenten) darauf reduziert wurde, nicht einmal mehr die griechische Sprache zu kennen, reduziert auf eine totale Verrohung (des Geistes), gewirkt hat, eben gerade weil es ab hier nicht oft bemerkt wird, dass das „Töten“ eines Volkes vor allem aber auch bedeutet, seine Kultur bzw. kulturelle Identität zu „töten“. Tatsächlich haben die Deutschen genau das erlitten und sogar heute noch fühlen sie sich ihrer bloßen philosophisch-kulturellen Traditionen quasi schuldig, statt selbstbewusst und stolz auf sie zu sein.

Und das erinnert mich auch an die Universität in Bielefeld, wo es einige Räumlichkeiten gab, die von Studenten antifaschistischen Gedankenguts, sagen wir mal einem Verein deutscher Antifaschisten, genutzt wurden: Also ich nun, diskutierend mit Freunden, zu welchen ich als der jüngste und unerfahrenste der Universitätsassistenten an der Uni Bielefelds eine Freundschaft aufgebaut hatte – so erinnere ich mich -, versuchte das Thema des Geschichtsbewusstseins anzugehen und sagte dabei, dass ebenfalls bei uns in Italien eine der deutschen in vielerlei Hinsicht sehr ähnliche Geschichte vorgefallen war und tat dabei so, als ob dieses Gefühl der Schuld, das die Deutschen als die „Schuldfrage“ bezeichnen, auch bei uns noch am leben sei und dass es auch bei uns Orte anti-faschistischen Widerstandes gebe. Ich versuchte, sagen wir mal, die Frage nach dem Sinn des Antifaschismus in der Abwesenheit des Faschismus auf eine philosophische Art zu ergründen. Und ich verstand sofort, dass es dort nicht die Möglichkeit gab, über diese Themen zu diskutieren. Sie zogen es vor, davon abzulenken und dem Diskurs zu entfliehen, weil sie sich für das, was (im 2. WK) vorgefallen war, schuldig fühlten. Dies ließ mich aus einem bestimmten Gesichtspunkt völlig perplex, da es dort ja offensichtlich keinen ernsthaften Diskurs oder nicht die Möglichkeit dazu vor meinen Freunden und den anderen deutschen Besuchern gab, doch ich fand mich später dabei wieder, diesen Aspekt zu reflektieren:

Ich, als Italiener, der sich ebenfalls der Schwere der Schuld des italienioschen Faschismus in seinen unentschuldbaren Formen wie der Verfolgung, den Rassengesetzen gegen die Juden usw., welche als solche Verbrechen natürlich verurteilt werden müssen, bewusst ist, fühle mich trotz allem nicht schuldig für das, was vorgefallen war, weil das die fundamentale Norm des Moralverständnisses ist, unter der sich das Individuum nämlich nur für das schuldig fühlen kann, was es selbst begeht, also für seine eigenen Taten und dass die Schuld der Väter nicht auf die der Söhne übertragen werden kann. Selbst wenn ich dem Regime des Faschismus zugehörige Großeltern gehabt hätte, – ich hatte sie glücklicher Weise nicht -, so könnte ich logischer Weise nicht für ihre Taten schuldig gemacht werden, da dies eine schädliche Ungerechtigkeit wäre. Und umso weniger kann man Schuldzuweisungen gegen ganze Völker aussprechen, doch eben genau das ist in Deutschland vorgefallen, aus diesem Grund heraus fühlen sich die jungen Deutschen heute noch genauso schuldig, wie es direkt nach der Nazi-Zeit der Fall gewesen war. Wobei es natürlich klar ist, dass man die Dinge, die in der Geschichte vorgefallen sind, nicht vergessen darf, doch ebenso wenig brauch man sich ewig schuldig fühlen, weil dies schon einer Art „Schuld-Religion“ gleich kommt, die ein gesundes Reflektieren der Gegenwart und ein rationales Verhältnis zur eigenen Vergangenheit verhindert.

Der Philosoph Adorno sagte richtiger Weise, dass der fundamentale Sinn des Erinnerns an Auschwitz der sei, dass sich Auschwitz niemals mehr wiederhole – das ist die pädagogische Funktion des Erinnerns. Sicher aber nicht die, – so wie es heute der Fall ist – , ein ganzes Volk in einem unvergänglichen Kult der untilgbaren Schuld, die darauf prädestiniert ist, bis in alle Ewigkeit zu währen, gefangen zu halten. Wenn ihr mich nachher fragen solltet, was aus meiner Sicht die historische und politische Funktion dieses Schuldbewusstseins, das den jungen Deutschen eingetrichtert wird, ist, werde ich euch antworten und dann werden wir über dieses Thema noch etwas weiter diskutieren.

Roberto Donghi: Also gehen wir weiter auf diese Thematik ein. Welche Funktion hat dieses Schuldbewusstsein, von dem Sie jetzt geredet haben, für das Deutsche Volk? Welche Funktion hat dieses sich-schuldig-fühlen für etwas, was doch von anderen begangen wurde?

Diego Fusaro: Also, bleiben wir auf dieser Schiene, auf welcher du mich in sokratischer Manier bringst: Selbstverständlich ist es richtig, dass derjenige, der die national-sozialistischen Verbrechen persönlich begangen hat, auch für diese Taten gerade stehen muss. Anhand der neuen Generationen, die vor vielleicht nicht mal 10 Jahren geboren wurden, ist es offensichtlich, dass sie nicht für die Taten ihrer Väter verantwortlich sind. Was ist also der Zweck dieser ewigen Schuldigsprechung der Deutschen, die als „ewige Nazis“ präsentiert werden und daher, als solche, bis in alle Ewigkeit schuldig zu sprechen seien? Ich würde so darauf antworten: Es ist eine extrem stark instrumentalisierte politische Funktion des triumphierenden US-Imperiums, um seine kontinuierliche (militärische/geo-politische) Präsenz auf europäischem Boden zu legitimieren und noch mehr, um die Idee eines autonomen und alternativen Europas zu de-legitimieren, das vom amerikanischen Ideal dieser „special mission“, all jenen Völkern, die sich ihrer Herrschaft nicht unterwerfen, ein Bombardement zuzufügen, unabhängig ist. Auf welche Weise? Ich werde es auf die simpelste und verständlichste Art und Weise ausdrücken: Wenn du die Deutschen ewig schuldig sprichst, sie für den Nazismus schuldig fühlen lässt, legitimierst du damit eindeutig und auf alle Ewigkeit die Präsenz desjenigen, der sie vom Nazismus „befreit“ hat.

Sonderbarer Weise jedoch nicht die Sowjetunion, die es zum einen nicht mehr gibt und die eher in Vergessenheit geraten als in historischer Erinnerung geblieben ist und sofort aus letzterer entfernt wurde. Der Fakt, dass die Sowjetunion für die Befreiung vom Nazi-Faschismus viel mehr menschliche Leben lassen musste, als es die USA mussten, ist vergessen worden. Folglich bis hin zu regelrecht vulgären Formen, z.B. in Filmen wie „Das Leben ist schön“ von Benini, wo man (ausschließlich) einen amerikanischen Panzer sieht, der die Konzentrationslager befreit. Die Wege der Umschreibung und des Revisionismus der Geschichte sind eben unendlich. Die Sowjetunion (aus der Erinnerung) entfernend, präsentieren sich die USA als die einzigen und ewigen „Befreier“ vom Nazi-Faschismus. Und auf diese Weise, die Deutschen dabei auf ewig schuldig sprechend, legitimieren sie für immer ihre Präsenz auf dem europäischen, deutschen und italienischen Territorium. Wir haben in Italien amerikanische Militärbasen und es gibt sie auch in Deutschland. Also was ist der Sinn dieser Militärbasen? Was ist der Sinn dieser US-amerikanischen Okkupation des europäischen Territoriums, 70 Jahre nach dem Ende des Nazi-Faschismus?

Diese (Okkupation), die nachweislich, um legitimiert zu sein, einer eigenen Ideologie bedarf, welche die der zivilen „Religion der Schuld“ ist, mit der sich die jungen Deutschen schuldig fühlen und daher die Präsenz ihrer „Befreier“ akzeptieren. Während von „Befreiern“ geredet wird, könnte man hingegen dazu vielleicht viel angebrachter von Stellvertretern der einen Okkupation mit der anderen sprechen. Nun soll dieser Diskurs in keinster Weise als Apologie des National-Sozialismus aufgefasst werden, denn wer darüber lediglich spricht – und das präzisiere ich immer absolut aus, um Anschuldigungs-Keulen jener auszuschließen, die den anderen stets diskreditieren und als „Nazi“ hinstellen wollen – hegt noch lange keine Sympathien für den National-Sozialismus und ist weiter davon überzeugt, dass es die Konzentrationslager, die Gaskammern und anderes gab. Aber das, was ich hier erzähle, ist ein anderes Thema. Während die Schändlichkeit des Nazismus feststeht, wird diese Schuld heutzutage wiederum dazu herangezogen, um die Deutschen bis in alle Ewigkeit an ihren Schuld-Status festzunageln und dabei sogar noch die neuen Generationen schuldig zu sprechen und in ihnen eine Art „Religion“ der Geschichtserinnerung zu installieren.

Ich lasse der Genauigkeit halber nochmals anmerken, dass auch innerhalb dieser „Religion“ des Erinnerns, die absolut gar nichts mehr mit der noblen Funktion, die Adorno ihr einst zuschrieb, zu tun hat, eben diese „Religion“ des Gedenktages selbst überhaupt nicht mehr das gesunde Erinnern, nicht mehr das reflektierte Gedenken an die Opfer der Tragödien des National-Sozialismus zum Ziel hat. Jenen Tragödien, denen unter anderem nicht nur die Juden zum Opfer fielen, sondern auch die Homosexuellen, die Kommunisten und insgesamt eine ganze Reihe diversifizierter Kategorien unter ihnen. Nun gut, der Gedenktag hat nicht mehr das richtige Gedenken der Opfer des National-Sozialismus zum Ziel, sondern viel mehr jenes, dieses Schuldgefühl einzureden, es kontinuierlich in die Köpfe der jungen Deutschen regelrecht einzuhämmern, was sie, von einem bestimmten Gesichtspunkt aus betrachtet, frustriert stimmt, da es sie daran hindert, eine eigene kulturelle und philosophische Identität einzufordern, wie wir es bereits zuvor thematisiert haben.

Derjenige, der darüber spricht, ist mit der Notwendigkeit des gesunden Erinnerns an die Vergangenheit und ihrer Opfer absolut einverstanden, auf dass sich die Fehler der Vergangenheit nicht in der Gegenwart wiederholen. Doch wer darüber spricht, ist darüber hinaus auch davon überzeugt, dass es nicht den geringsten Spielraum für diese Form der „Religion“ des Erinnerns geben darf, welche die Opfer von Auschwitz (symbolisch gesprochen) ein zweites mal „tötet“, in dem sie für einen politischen und ideologischen Zweck missbraucht werden, der überhaupt nichts mehr mit dem normalen Erinnern an die Barbarei, welche ihnen widerfahren war, zu tun hat, sondern nur noch dazu dient, eine imperialistische Macht in ihrer niederträchtigen Okkupation zu legitimieren. Und ich wüsste nicht, wie ich sie sonst, 70 Jahre nach dem Ende des Nazi-Faschismus, als etwas anders als die imperialistische Besatzung des europäischen Territoriums definieren sollte.

Und tatsächlich ist das wahre philosophische Problem des 20. Jahrhunderts, welches noch nicht allzu lange abgeschlossen ist, die Tatsache, dass sich eine Art Asymmetrie des Schuldbewusstseins und der Reue verifiziert hat, in welcher wir uns richtiger Weise der Schwere der Verbrechen von Auschwitz und der Gulags bewusst sind, jedoch nicht die der Bombardierungen wie die Dresdens (mit 130.000 Toten) oder der zwei Atombomben Hiroshima und Nagasaki, die punktuell stets als „notwendiges Übel“ präsentiert wurden. Dies ist ein bedeutender philosophischer Aspekt, ein miserables Ungleichgewicht in der Wahrnehmung, wie ich es nennen würde. Für den, wie du schon richtig sagtest, die Toten nicht gleich viel zählen, ist der Tod der Opfer Hiroshimas, Nagasakis und Dresdens im Endeffekt ein vermeintlich weniger schlimmer gewesen. Vor allem vergessen wir dann auch nicht, dass man sich zwar der Schwere der Ausmaße von Auschwitz und den Gulags bewusst ist, jedoch nicht gleichermaßen dieser der Atombomben, sodass man (die USA/NATO) sich weiteren Bombardierungen widmen kann, was dann auch in Korea, Vietnam und vor nicht all zu langer Zeit im Irak, Libyen usw. geschehen ist. Und aus dieser Tatsache heraus ist es dieses Szenario, in welchem wir uns wiederfinden und in dem diese besorgniserregende Art des Gedenkens vorherrscht, die ich beklage, eben weil es alles andere als ein gesundes Geschichtsbewusstsein darstellt, ein ideologischer Missbrauch des geschichtlichen Erinnerns.

Diego Fusaro: Da du mir vorhin eine Frage bezüglich Fichte gestellt hast, ist es indessen…

Roberto Donghi:
Ja, doch Fichte sprach vom Geiste, der Vision des Deutschen, sozusagen der „Seele“ der deutschen Nation und Volk.

Diego Fusaro: Aber inzwischen weißt du, dass dort, wo Fichte über die Deutschen spricht, man sehr genau auf die einzelnen Termini und Konzepte achten muss, weil wir hier auch die „Reden an die Deutsche Nation“ Fichtes, die nur allzu oft als ein Text, der als ein vermeintlicher Vorläufer des national-sozialistischen Wahnsinns gelesen und (fehl-)interpretiert wurde, vorliegen haben. Während sich der angeblich absehbare Wahn des Nationalsozialismus durch eine im eigentlichen Sinne ideologisch tendenziell unkonditionierte Lektüre ziehen soll, welcher bei der von Fichte nicht wirklich existent ist, sind bei seiner jedoch auch deutliche Gegensätze zu finden, die diesem Wahn widersprechen, weil Fichte das „Deutschsein“ NICHT als ein Rassenmerkmal definiert, was aus einem idealistischen Gesichtspunkt aus betrachtet nämlich nicht einmal einen Sinn ergäbe, da dies ein unpassendes Zurückfallen in den Positivismus gleich käme. Er hatte sich die Deutschen vielmehr als ein Volk gedacht, dass sich an die Spitze der (moralischen) Entwicklung des Menschen setzen und die Emanzipation der Menschheit im Allgemeinen zum Ziel haben sollte. Vergessen wir nämlich nicht, dass Fichte dort, wo er von den „Reden an die deutsche Nation“ spricht, eine von Napoleonischen Truppen okkupierte „deutsche Welt“ vor sich hatte. Und Fichte sah in Napoleon nicht die „Weltseele zu Pferde“, so wie Hegel es einst glaubte, sondern er sah in ihm einen Imperialisten, sozusagen einen namenlosen Eroberer ohne Würde.

Nun gut, die Deutschen sind, aus Fichtes Perspektive aus gesehen, so etwas wie die Fortsetzer des Prozesses der Französischen Revolution, welcher von da an den Deutschen als Aufgabe weitergereicht worden sein solle. Aus Fichtes Sicht war die französische Revolution tot, sie hatte sich in einen Napoleonismus verwandelt und von da an sei es an den Deutschen gelegen, die neuen Wegweiser der Emanzipation der Menschen zu werden. In der Tat sagte Fichte in einer Passage, ich erinnere mich genau in welcher, in den „Reden an die Deutsche Nation“ genau folgendes:

Wer an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt, und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, der, wo er auch geboren sei, und in welcher Sprache er rede, ist unsers Geschlechts [=Deutsch], er gehört uns [Deutschen] an und er wird sich zu uns tun.

Daher impliziert das Deutsch- oder Nicht-Deutschsein in Fichtes Reden eine (auf die Art des Denkens bezogene) innere Grenze, so könnten wir es ausdrücken, und eben NICHT eine rassisch bedingte Grenze, denn dieser Gedanke war bei Fichte – ich wiederhole – völlig inexistent. Anhand dieser notwendigen Vorbemerkung würde ich sagen, dass wir in Anbetracht dessen, was du mir sagtest und ich im Übrigen auch teile, heute die sich vollständig realisierten Formen eines der Kultur vorgestellten, sagen wir mal „amerikanisch“ indoktrinierten Erinnerns vor uns liegen haben, das die Deutschen auf ewig schuldig spricht. Weiter noch können wir sagen, dass es im deutsch-stämmigen Raum einen ideologisch motivierten Missbrauch des Geschichtsbewusstseins gibt. Der manisch-obsessiv gemachte Gebrauch des stetigen Erinnerns an Hitler als die Personifikation des absolut Bösen, dient eben genau einem bestimmten politischen Ziel. Selbstverständlich ist Hitler für einige der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verantwortlich und das steht hier außer Frage. Doch auf die ein oder andere Art und Weise, wird das obsessive Führen der Debatte bezüglich Hitler als die Synekdoche des Bösen, paradoxerweise zu oft in einer Art apotropäischen Funktion praktiziert. Sie versichert dem Bewusstsein der in der Gegenwart lebenden Menschen, dass das Schlechte (nur) „der da!“ sei, dass der Inbegriff der Gewalt nur der mit dem Bärtchen und dem Hakenkreuz sei, was in der Tat aber nur EINE mögliche Form der Gewalt darstellt, die er auch verkörperte und an die als solche auch erinnert werden sollte, auf dass sie sich nicht wiederholt. Sie funktioniert eben jedoch apotropäisch in dem Sinne, dass sie dazu dient, das Gewissen jener zu erleichtern, die heutzutage andere Formen der Gewalt ausüben und/oder für diese verantwortlich sind.
Wir könnten radikaler Weise sagen – und damit nähern wir uns einem Thema an, welches uns alle angeht – dass das Deutschland von heute, das Deutschland des Euros und der eiskalten Gesetze der Hochfinanz und ihrer Diktate des Fiskalpaktes, ausgerechnet in demselben Rahmen, in welchem es sich obsessiv an Hitler erinnert und ihn verurteilt, faktisch nun dabei ist, – bewusst oder unbewusst -, ein neues Streitthema imperialistischen Typs voran zu treiben, das unter dem harten wirtschaftlichen Profil ein sehr ähnlicher Konflikt eines imperialistisch-invasiven Typs ist, wie es ihn damals unter Hitler gegeben hatte. Wir könnten es so sagen, dass Hitler heute nicht mehr mit dem Bärtchen und dem Hakenkreuz wiederkehrt, sondern als englischsprachig, von den Gesetzen der Wirtschaft predigend und dabei den „alten Hitler“ und all seine historischen Verbrechen der Vergangenheit verurteilend, neben Auschwitz zusätzlich natürlich auch die Gulags, als ob die [Verbrechen] der kapitalistischen Brutalität und der „heiligen“ Gesetze der Hochfinanz keine solchen seien. Daher beharre ich immer darauf, das Erinnern mit großer Vorsicht in seine pädagogische Funktion zu unterteilen. Sich Hitler ins Gedächtnis zu rufen, auf dass sich damit Wiederkehr eines dazu analogen Verbrechens verhindere, sowohl das rein politische bezüglich Hitler – die „Ästhetik der Qualen“, wie es Foucault auf ihn bezogen wohl ausgedrückt hätte – als auch, dass es sich nicht in anderen Formen gegenwärtig ökonomischen System, das heute rein als „Europa“ bezeichnet wird, manifestiert. Das ist die gesunde Funktion der Gedächtnisses, die pädagogische Funktion. Die ideologische Funktion ist im Falle Deutschlands hingegen die, an Hitler zu erinnern, nur um zu sagen: „Das Böse ist der da! Er ist alle Übel! ‚Wir‘ aber, „wir sind die Guten!“.

Andererseits ist es eine vielen Autoren bereits bestens gegenwärtige Thematik, die eben genau dieses Thema der Schuld reflektiert hatten, wie z.B. Primo Levi in seinem Werk „Die Untergegangenen und die Geretteten„, in welchem er (kritisch) sagte, dass dieser Diskurs, der die Nazis im Vergleich zu den anderen Menschen als völlig andersartige, schreckliche und monströse Wesen darstellte, absichernd nur dazu diene, dass sich unser Bewusstsein um unsere eigene Andersartigkeit ihnen (den Nazis) gegenüber herum aufbaut. Es dien(t)e nämlich nur dazu, die Tatsache zu vergessen, dass dieser von Menschenhand verübte Horror auch durch andere wiederholt werden kann und dass auch wir (alle) so wie sie (die Nazis) werden könnten. Und auch Arendt, obgleich von anderem Gesichtspunkt aus betrachtet, hatte mMn. sehr interessante Überlegungen zu diesem Thema ausgelöst, als sie von Eichmann wie von einem – in ihren Worten – „Dummkopf“ redete, einer „grauen Maus“, die überhaupt nichts monströses oder ähnliches an sich hatte, nichts grauenvolles und teuflisches. Er war ein beliebiger Mann, unwichtig, nur irgendeine x-beliebige Person. Wir sollten nicht vergessen, dass die Nazis oft gute Familienväter waren, Leute, die Mozart und Beethoven liebten, das ist der springende Punkt. Eben wegen und aus dieser Überbetonung der bedrohlichen Seite Hitlers und der Nazis heraus, entwickelt sich und fungiert letztere nur allzu oft in apotropäischer Funktion, welche uns folglich veranlasst hatte zu glauben, dass diese Formen der Gewalt, wie wir sie heute erleben (der kapitalistischen z.B), nicht im geringsten etwas von denen der Vergangenheit hätten, obwohl sie jedoch nur andere, von denen der Vergangenheit abweichende Formen der Gewalt darstellen, die sich jedoch in ihrem Endergebnis als dezent anknüpfbar an eine an die der Vergangenheit erachten ließen.

Roberto Donghi: Luca, wir haben über Fichte geredet. Könnte daher Fichtes Vorstellung eines Deutschlands die Lösung oder sagen wir ein als Orientierung dienendes Leitmodell, wie Diego es vorhin schon richtigerweise gesagt hat, für die Weiterentwicklung der menschlichen Emanzipation mit oder ohne Merkel fungieren? Oder hast du eine eigene persönliche Vorstellung oder einen Vorschlag in diesem Zusammenhang, welcher die Lösung für dieses Thema in diesem Bereich sein könnte?

Luca Steinmann: Sagen wir mal, dass ich eine heutige Neuauflage einer Situation in Deutschland im Bezug auf jene Situation der Nachkriegszeit des 19. Jahrhunderts sehe, in welcher sich auch Fichte wiederfand. Und Fichte sprach eben genau von der Rückbesinnung auf die Großartigkeit (der Nation) im kulturellen, intellektuellen und teils auch wirtschaftlichen Sinne, durch die Überwindung des Egoismus und Materialismus, der zu jener Zeit das deutsche Volk charakterisierte. Er sprach daher über eine Abkehr vom Egoismus und Materialismus und dahingegen vom Gemeinschaftssinn, der genau das ist, was den Deutschen heute fehlt. Im philosophischen Sinne könnte man daher von einer Überweidung des Materialismus sprechen, – heute sowie damals -, wie Fichte, der in diesem Sinne ein Visionär gewesen ist, ihn theoretisierte. Und zwar, um in Deutschland zu einem Gemeinschaftssinn zurückzukehren, unter dem die Wahrnehmung nicht darauf reduziert ist, die gesamte eigene Vergangenheit als Feind oder Scham zu sehen. Nicht darauf reduziert, den eigenen Großvater – und dieses Phänomen existiert tatsächlich – einen einzigen Verbrecher zu sehen, dem in Deutschland der Prozess gemacht werden müsse. Einen Gemeinschaftssinn, unter welchem in alledem ein sich im Wachstum befindender, historisch-kultureller und wandelbarer Prozess gesehen wird, der natürlich auch seine Fehler und seine großen sowie zu verurteilenden Verbrechen hatte, jedoch keinesfalls einen vorhandenen Gemeinschaftssinn kompromittieren darf.

Ich habe von Fichte als einen Visionär gesprochen. Auf Deutschland bezogen würde ich noch von einem anderen Visionär, der im übrigen Italiener ist, sprechen. Und zwar Giuseppe Mazzini. Mazzini, von einer Art(!) europäischen Union redend, sich ihr zuwendend und sie sogar wörtlich zitierend, wie es Diego schon sagte, sprach nicht von der Europäischen Union, wie wir sie kennen, jedoch aber von einer Union gleichberechtigter, freier und souveräner Völker. Und er erinnerte daran, dass falls diese Gleichberechtigung zwischen den Völkern innerhalb dieser europäischen Einheit nicht gegeben sein sollte, es darin dann doch eine Nation bzw. ein Volk geben müsste, das im Vergleich zu den anderen übermäßig stark sein könnte. Dieses werde sich folglich zu einer nach außen gerichteten Herrschsucht hinreißen lassen. Grob gesagt ist es in dieser zu heute analogen Situation eben Deutschland, das das Zentrum der EU ausmacht und der wirtschaftlich stärkste Staat ist, sich dementsprechend verhält, zugleich jedoch, paradoxer Weise – in seinem eigenen Inneren – eine von den USA ausgehende, kulturelle Herrschsucht präferiert. Demnach ist diese externe Kraft, von der Mazzini sprach, heute präsent und lässt es [Deutschland] so, im kulturellen Sinne, für die Konsequenzen (des 2. WK) weiter bezahlen. Es sind aber nicht die Staaten (der EU/Südeuropas), die im wirtschaftlichen Sinne (Troika, Schäuble) gerade erdrückt werden, die ihnen (Deutschland) das antun. Aber es ist der Staat (USA), der dabei ist, es (DEU) zu seinem eigenen großen Vorteil (US-Finanzmarkt-Politik) auszunutzen. Daher sei gesagt – und damit komme ich zu meinem anfänglichen Thema zurück -, dass wirtschaftliche Daten nicht wahren Effekte dieser gesamten Krise aufwiegen können. [Anmerkung: Gemeint ist die „Härte“ deutscher Finanzpolitik als neue „Identität“, da die kulturelle zerstört worden ist, fehlt und damit eben kompensiert werden soll.]

Diego Fusaro: Auch ich nehme diese sehr wichtigen Anmerkungen von Luca nochmals genauer in Betracht. um die Aufmerksamkeit auf die Aktualität Fichtes zu lenken. Heute haben wir auch Mazzini aktualisiert, doch was Fichte anbelangt, so können wir sagen, dass die gegenwärtige Situation der heutigen Europäischen Union, die und weil sie als solche einen neuen Fichte wie den des im damals durch die napoleonischen Truppen okkupierten Deutschlands brauch, die Völker Europas dazu veranlassen sollte, sich zu befreien, den Befreiungsschlag von dieser erdrückenden Diktatur der Wirtschaft, die sich „Europa“ schimpft, einzuleiten. Wir brauchen ein Volk, welches Feuer und Flamme für die Ideen eines neuen Fichte ist, der sie zu Befreiung veranlasst. Nun; das ist es, was heute mMn. von fundamentaler Bedeutung ist. Es bedarf eben genau einer Begeisterung durch und für eine Philosophie der (menschlichen) Emanzipation, einer Philosophie, die sich in einer adaptiven Übereinkunft mit der Gegenwart wieder entdecken lässt und nicht nur die Administration des Konzeptuellen der Gegenwart, die heute tendenziell oftmals die Philosophie unserer heutigen Zeit zu sein scheint, darstellen soll. Fichte vermittelt uns genau das: Sich die Emanzipation des Menschen als einen von der Philosophie geleiteten Prozess zu denken. Deshalb sagte ich zuvor, dass in diesem Text von Fichte nicht im geringsten etwas von diesem angeblich rassistischen Diskurs, der sich im 20. Jahrhundert noch entwickelt haben sollte, zu finden ist.

Fichte dachte sich die Deutschen als ein Volk, dem die Aufgabe, für die Entwicklung der gesamten Menschheit Sorge zu tragen, zu Teil geworden war. Es gibt noch eine sehr schöne Passage in einem anderen Werk Fichtes namens „Die Staatslehre“ aus dem Jahr 1813, in welchem Fichte beinahe paradoxer Weise sagt: „Euch Deutschen, uns Deutschen ist die Aufgabe zuteil, einen Patriotismus voran zu treiben, der sich der gesamten Menschheit als nützlich zu erweisen hat.“ Was soll uns dies sagen? Es will sagen, dass der Patriotismus, so wie ihn Fichte denkt, KEIN gängiger Patriotismus ist, der die Einzelgemeinschaft gegen die Gesamtheit oder andere Einzelgemeinschaften ausspielt. (Also eben NICHT) die Deutschen gegen andere Völker oder die Menschheit, nein. Fichte sagt das umgekehrte: Die einzige Art und Weise, universalistisch und kosmopolitisch zu sein ist die, sich dem Schutze/Wohlergehen des Volkes diesen einen Staates, der Nation, in welcher man mit diesem lebt und schafft, zu verschreiben. Wenn nicht, so werde man sich in dieser paradoxen, von Russone und Emilio beschriebenen Situation wiederfinden, durch welche die abgedroschene Formel des Kosmopolitismus, die ganze Welt ‚gern‘ zu haben, letztendlich zum Alibi dafür wird, dem eigenen Hausnachbarn völlig gleichgültig [d.h. ignorant und tendenziell asozial] gegenüber zu stehen.

Roberto Donghi: Daher könnte sich eine Art neuer Romantizismus des 21. Jahrhunderts eventuell als nützlich erweisen?

Diego Fusaro: Ja, und wenn wir ihn so definieren wollen, würde ich sagen, dass man jenseits dieses neuen Romantizismus auch zum Denken auf der Schiene Fichtes zurückkehren sollte, der Verbindung des Einzelnen und Universellen, des Gemeinschaftlichen und Kosmopolitischen, Nationalen und Internationalen, wenn du so willst. Nämlich das zu denken, was Herder, ein anderer Philosoph des kulturellen Schlages wie Fichte, sagte als er festhielt, dass die menschliche Spezies nur als Ganzes in der Geschichte existiere, als einzigartiger Gegenstand; Die menschliche Spezies sei Eins. Davon aus- jedoch weiter ins Detail gehend, müsse auf die Pluralität der Kulturen und Völker, sowie auf die der Staaten und Traditionen Wert gelegt werden. Und Herder sagte, dass diese Pluralität innerhalb der Singularität die Art sei, in welcher „Gott durch die Gezeiten“ wandere. Dieses Sinnbild hat immer etwas sehr suggestives, finde ich.

Luca Steinmann: Ich stimmte dem, was Diego gesagt hat, zu und würde ergänzend dazu noch sagen, dass wir aus diesem Grund die Problemlösung der Situation der EU nicht nur in und bei uns selbst suchen sollten. Ich denke, dass wir einfach auch diese Autoren, die in einer gewissen Weise in Ländern wie Deutschland tabu sind, jedoch aber schon einst Lösungen vorschlugen, neu zu entdecken haben. Ich habe Fichte und Mazzini vorgeschlagen, doch es gibt viele weitere. Ein anderer, den man in Betracht ziehen könnte und den Diego sehr gut studiert hat, ist Marx. Bezüglich anderer Dinge wird Marx zwar durchaus in Deutschland in Betracht gezogen, jedoch immer nur als Bollwerk gegen die Traditionen, Religionen und daher auch gegen jegliche Form der territorialen Bindung eines Gemeinschaftssinnes. Nun gut, doch die zu machende Arbeit, die aus meiner Sicht zum Ziel führt – und ich hoffe, Diego sieht es genauso – ist die, Marx wieder auf einen qualitativ höheren bzw. nicht tendenziös limitierten Maßstab zu bringen und daher in Betracht zu ziehen, nicht unbedingt weil er gegen dieses und jenes ist/sei, sondern weil auch er eine heute noch aktuelle Lösung vorgeschlagen hatte.

Diego Fusaro: Sicherlich, ich stimmte sehr damit überein und in Deutschland ist die Situation tatsächlich so. Doch ebenso in den anderen europäischen Staaten und auch in Italien, das den deutschen Verhältnissen, die dort (in Deutschland) vielleicht nur stärker als anderswo akzentuiert sind, in dieser Sache eigentlich um kaum etwas nachsteht. In Italien, z.B., wird Marx natürlich studiert und gelesen, doch immer nur innerhalb eines (politisch gewollt) stark eingegrenzten Interpretationsspielraumes. Es wurde sogar erst kürzlich von einer „Marx-Renaissance“ gesprochen, die aufgrund eines Wiederauflebens des Interesse an Marx im Angesicht dieser einen Finanzkrise, welche die Welt vom Jahre 2007 aus fortlaufend erschüttert hat, entstanden ist. Man vergisst jedoch, eine gewisse Sache zu präzisieren, nämlich, dass Marx heutzutage – in Deutschland sowie in Italien – in einer sagen wir mal „entschärften“ Form präsentiert wird, nämlich in einer, die sich (absurder Weise) mit dem (politischen) Zeitgeist unserer heutigen Zeit als kompatibel erweist. Und so haben wir also nun das (bewusst fehlgeleitete) Studium eines Marx als angeblichen (befürwortenden) Propheten der Globalisierung, das Studium eines Marx als reiner Theoretiker vom Ende des Staates, welches heutzutage der neo-liberale Traum par Excellence ist.

Wir haben Marx als Theoretiker vom Ende der Religion, des Aussterbens der klassischen Familie. Also all diese Aspekte des marxistischen Denkens, die aus meiner Sicht die weniger interessanten/bedeutsamen sind. Wohingegen Marx jedoch, so würde ich sagen, wegen seiner kritischen Analyse der Art der kapitalistischen Produktionsmittel von immensem Interesse ist, nämlich für das Problem, welches noch heute unser Hauptproblem ist; Der Kapitalismus, folglich dann auch in all seinen finanzkapitalistischen und verschiedenen Formen, welche von denen, die von Marx seinerzeit studiert wurden, abweichen. Und dann haben wie wiederum die Tatsache, dass Marx – so können wir es ausdrücken – der Hauptträger der verheißungsvollsten Versprechung eines alternativen bzw. besseren Glückes als das gegenwärtige ist. Ja, so könnten wir es ausdrücken. Da gibt es den Marx, der uns den „Traum von einer Sache„, so wie er sie bezeichnete, lehrt; „Die zukünftige Stadt“, wie Gramsci sie nannte, nämlich die Idee einer noch ausstehenden Emanzipation, die sich mit dem heutigen, wuchernden ökonomischen Wahnsinn als inkompatibel erweist. Also der heutigen Weltordnung, in welcher nur das zählt, was bemessen werden kann und nur dann etwas wert ist, wenn einen Preis hat. Marx lehrt uns, dies lediglich als etwas historisch (künstlich) festgelegtes zu erachten und daher nicht als ewiges und natürliches Schicksal, nicht wie einen Naturzustand des Seins auf dieser Welt.

Von dort stammt die marxistische Ideologie-/Idealismuskritik, die von meinem Gesichtspunkt aus betrachtet eines der weniger geeigneten Beispiele ist, um die Notwendigkeit des Kämpfens gegen diese wahrlich vollständig realisierte Welt der Wirtschaft zu demonstrieren, die wir mit den Worten Fichtes auch als die „Epoche der Selbstsucht“ bezeichnen könnten, und dass im Angesicht einer noch ausstehenden Emanzipation gekämpft werden muss. Daher die erforderliche Notwendigkeit zu erkennen, ausgehend von Marx neu zu starten, statt auf nostalgische Art und Weise zu Marx zurückzukehren. Man kann nur von Marx aus weiter denken, um die durch ihn bereits verrichtete, seinerzeit angefangene und zwischenzeitlich unter den Trümmern der Berliner Mauer (symb. gesprochen) begraben gebliebene Arbeit, wieder aufzunehmen.

 

Transkript von Fabio Marazzina


DIEGO FUSARO ist politischer Kommentator; Journalist; Gegner des Kapitalismus; Gegen das europäische Bankensystem und des globalisierten Einheitsdenkens Er widmet sich dem Studium der Philosophie aller Zeiten, vor allem Marx und Gramsci, um ein soziales Projekt zu verwirklichen, um folglich die Aufmerksamkeit der Politiker auf spezifische Programme zu lenken, wo die Priorität das erniedrigte Volk der Erde sein wird, sowie die Berücksichtigung der verschiedenen Kulturen und deren Ausdruck – möglicherweise, wo sie sich entwickelt haben.

Die weltweite Verbreitung, und Übersetzung seiner Botschaften ist ausdrücklich erwünscht.


 

Teile mit ANDEREN die ANDERE Seite der Medaille:
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Verwandte Beiträge

Hinterlasse einen Kommentar