Sozialistische Staaten, die Widerstand leisten und kapitalistische Globalisierung

Diego Fusaro: Teil 8

Gerade erleben wir in Venezuela eine weitere sogenannte „farbige Revolution“. Dazu passend erläutert der italienische Philosoph Diego Fusaro die Hintergründe selbiger und das linienuntreue Staaten einfach nicht akzeptabel sind.  Präsident Donald Trump kann nicht regieren wie er möchte und wird derzeit (siehe Russland) ebenfalls auf Linie gebracht.

 

Sprecher: Diego Fusaro aus Turin, teilen sie die Analyse von Herrn Teodori?

Diego Fusaro: Die Analyse, die ich in Aussicht Stelle, ist grundverschieden, weil Kuba sehr oft als Totalitarismus etikettiert wird. Diese wird heute gerne missbraucht, damit werden in der Regel all jene Erfahrungen dämonisiert und geächtet, die vom liberalen westlichen Kapitalismus abweichen, der allerdings selbst, wenn wir so wollen totalitär ist, wie jeder weiß, der die Autoren der Frankfurter Schule gelesen hat.

In dem Maße, indem er die Gedanken totalisiert und apriorisch alles dämonisiert, was eben kein Kapitalismus ist. Und dann lassen Sie es mich sagen, wurde von Diktatur gesprochen: aber wenn wir von Diktatur sprechen wollen, so leben wir umso mehr in einer Diktatur, hier im Westen mit der Diktatur der Finanzmärkte mit der Diktatur einer neuen, neu-oligarchischen Elite, die völlig undemokratisch herrscht, ohne jemals gewählt worden zu sein. Zentralbank, Internationaler Währungsfond (IWF), die Ratingagenturen und so weiter… in einem alltägliche Szenario indem eine Bank dem Bürger sein Haus wegnehmen kann, in dem es mitten im Reichtum und einer allgemeinen Opulenz[1] Menschen gibt, die jeden Tag verhungern und das in einer, für unsere Zeit, wirklich beschämenden Weise.

Wenn wir schon von Totalitarismus sprechen wollen, würde ich damit anfangen, den totalitären Charakter in unserem Haus zu erkennen. Kuba war sicherlich kein Modell von Gedanken- und Schreibfreiheit, wie zu Recht, vorhin bemerkt worden ist, aber es war eine Gesellschaft die offensichtlich andere Verdienste hatte. Es hat für seine Zeit unter Embargo gestanden und hat eine Form der sozialen Gerechtigkeit geschaffen, die ganz anders ist als die unsrige. Es hat dem einheitlichen kapitalistischen Modell widerstanden, indem es eine alternative Art der Existenz aufgezeigt hat. Es hat versucht, eine andere mögliche Daseinsform aufzuzeigen, als die westliche; und sie hat sie uns auch gelehrt. Der Fokus lag, wie gesagt, auf den Bürgerrechten.

Kuba kannte und kennt jedoch immer noch die sozialen Rechte, die bei uns fehlen. Die Arbeit, das Haus, die Lebenswürde, sprich die materiellen und sozialen Rechte, die im Westen verloren gehen, der diesen Verlust mit dem bunten Vorschwenken der Bürgerrechte des einzelnen Individuums verdeckt.

Ich verstehe deshalb sehr gut, warum der Westen linienuntreue Erfahrungen fürchtet, wie die Kubas, und sie ständig als totalitär dämonisieren muss. Und dann das magische Wörtchen, mit dem der Westen sich das Gewissen reinigt indem es alles dämonisiert, was nicht westlich ist. Lasst uns versuchen Kuba unter einem anderen Licht zu sehen, als eine Erfahrung die Widerstand leistet.

Moderator: Diego Fusaro, ich würde Sie gerne zu Wort kommen lassen, aber dann, würde ich Ihnen gerne eine Reportage zeigen, die wir vorbereitet haben, weil wir in unserer Sendung zeigen möchten wie man in den noch kommunistischen Ländern lebt. Wir haben einen Bericht über Venezuela vorbereitet. Dann würde ich Ihnen eine Minute geben, ist das in Ordnung?

Fusaro: Perfekt. Ich wollte etwa zu der Entfaltung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den sogenannten linienuntreuen Ländern, wie etwa Kuba, Bolivien oder Nordkorea sagen. Wir müssen deutlich sprechen und den Konflikt zur Kenntnis nehmen. Die Macht entscheidet. Seit dem Jahr 1989 also seit Beginn des „Vierten Weltkrieges“, wie ich ihn nenne, nach dem kalten Krieg, haben die Vereinigten Staaten, die Gewinner der Dritten Weltkrieges, des Kalten Krieges, allen linienuntreuen Staaten den Krieg erklärt.

Sie rechtfertigen dies immer im Namen edler Dinge, wie den Menschenrechten, der Mitnehmdemokratie und so weiter. Aber das Ziel ist klar ersichtlich, und das ist, die noch linienuntreuen Länder durch ethische Bombardierungen, therapeutische Embargos und humanitäre Interventismen auszurichten. So war es mit dem Irak, mit Serbien, mit Libyen und so weiter.

Das ideologische Instrument das immer auftritt, ist das, was Politikphilosoph Leo Strauss die „Reductio ad Hitlertum“ nannte. Du verwandelst deinen Gegner zum neuen Hitler und aktivierst damit das Hiroshima-Modell der notwendigen Bombardierung. Das ist seit 1989 die Geschichte, die sich nach gleich bleibendem Muster immer wiederholt; und jedes Mal, wenn wir das Wort Totalitarismus hören, müssen wir leider aufhorchen, denn im Falle eines totalitären Staates, steht schon die humanitäre Bombardierung gegen den neuen Hitler bereit.

Deshalb beinhaltet das Wort Totalitarismus, auch in den Universitäten, in den Gymnasien eine klare ideologische Wertung, die dazu dient den dominanten Einheitsgedanken in die Köpfe unserer jungen Studenten einzuprägen.

Sprecher: Fusaro, sind also die Streitkräfte schuld?

Fusaro: Ich würde nicht sagen, dass die Schuld allein bei den Streitkräften liegt. Es handelt sich um eine komplexe und widersprüchliche Sachlage. Mich stört es im Sinne einer Verurteilung der widersprüchlichen Sachlage zu denken. Bevor man urteilt, sollte man verstehen. Ich würde im Wesentlichen sagen, dass die Tatsache, dass es einen Cháves gegeben hat, etwas Gutes war und nichts Schlechtes.

Wenn es Cháves nicht gegeben hätte, würde Venezuela wahrscheinlich jetzt ein Land unter den vielen innerhalb des unipolaren Blocks unter den Sternen und Streifen sein. Stattdessen ist es ein Land, das trotz seiner Widersprüche noch linienuntreu ist und schon deshalb viel negative Aufmerksamkeit und eine konstante Dämonisierung genießt. Oft wurde auf das Wort Regime zurückgegriffen. Sicher, es gibt Widersprüche wie auf Kuba und es gibt sie in allen anderen Staaten, die Widerstand leisten.

Aber das ist ein kein gutes Argument, anhand dessen man behaupten kann, sie sollten keinen Widerstand leisten und linientreu werden, sprich sie sollten unter die westliche Kuppel und Sternen und Streifen treten. Die linienuntreuen Länder sind daher zu begrüßen.

Ich beantworte auch die vorherige Frage. Dabei geht es nicht um Rot oder Schwarz. Tatsache ist, dass Pinochet von den Vereinigten Staaten dort eingesetzt worden war, um den Übergang seines Landes, das ein sozialistisches war, zur USA-Führung zu erleichtern. Eigentlich ist Pinochet ein Vaterlandsverräter. Das ist der entscheidende Punkt.

Das ist kein charismatischer und sozialistischer Führer, Das ist ein Vaterlandsverräter, während Allende, der vor ihm da war, oder Morales in Bolivien, Chávez in Venezuela sozialistische Patrioten sind, die die einzig heutig mögliche Form von Kommunismus oder Sozialismus vorantreiben, das heißt innerhalb von linienuntreuen Nationalstaaten, die versuchen das Volk und die Arbeiter gegen die kapitalistische Privatisierung, gegen die Liberalisierung des Lebens zu verteidigen: die Regel des Kompetivismus, nach dem man sich gegenseitig willkürlich in den Ruin treiben kann. Das ist die liberale Freiheit.

Teodori: Das ist das demokratische Regime mit sozialen Reformen und so weiter. Dies ist ein Blick, in der Regel, nach Lateinamerika.

Sprecher: Fusaro, schnell, denn dann müssen wir auch die anderen Gäste zu Wort kommen lassen.

Fusaro: Ich werde sehr schnell sein. Aber in der Zwischenzeit, bitte entschuldigen Sie, finde ich es etwas naiv, Überlegungen, die anders als die meines Vorsprechers , linientreu sind, einfach ideologische Spekulationen zu nennen. Gehen wir davon aus, dass die lateinamerikanischen Erfahrungen gescheitert sind; ist der westliche Kapitalismus etwa bei guter Gesundheit? Ist das heute Demokratie wenn Entscheidungen von Zentralbanken und Finanzeliten getroffen werden, die nichts mit den demokratischen Entscheidungsprozessen zu tun haben? Ist Griechenland in der Europäischen Union eine Erfolgsgeschichte?

Mit einem weit größeren Elend als das auch Kuba, wo es in Abwesenheit des Kapitalismus zumindest ein soziales System mit sozialen Rechten gibt, das das Überleben und das „Mittagessen“ aller Bürger garantiert, sowie einen erstklassigen Gesundheitsdienst.

Wenn wir über Versagen sprechen, müssen wir ehrlich sein und konsequent sagen, dass der Kapitalismus seit 2007 auf der ganzen Linie versagt zu haben scheint. Hier in Europa sehen wir das täglich. Es ist daher sinnlos das Versagen der anderen Realitäten sehen zu wollen, wenn wir nicht in der Lage sind, ehrlich und friedlich das Scheitern des kapitalistischen Projekts zur Kenntnis zu nehmen, das endemische Armut, Ausbeutung und Rückkehr der neu-sklavischen Arbeit bewerkstelligt, wie es bei der Mailänder Expo und der Freiwilligenarbeit der Fall war.

Formen radikalen Elends, wie in Griechenland, im schönen Land der Europäischen Union, die Rückkehr zunehmend militärisch ausgerichteter Konflikte, wie es wieder seit dem Jahr 1989 bis dato geschieht. Deshalb ist Vorsicht geboten, wenn wir über Versagen sprechen, denn auch in diesem Fall sind wir, wie immer, bereit, die Totalitarismen der anderen zu verurteilen, ohne dabei unsere eigenen zu erkennen – analog dazu neigen wir dazu, das Scheitern der anderen zu sehen, aber unser eigenes nicht wahrzunehmen.

Sprecher: Fusaro, Teodori zweifelt an Trump. Zweifeln sie auch? Würden sie in Nordkorea leben?

Fusaro: Nun, ich lebe gerne in Italien. Ich bin hier geboren, bin in Italien verwurzelt; also muss ich nicht nach Nordkorea ziehen. Warum sollte ich? Mir geht es gut hier.

Teodori: Er würde in Nordkorea sein ideales Paradies finden.

Fusaro: Nein, sehen sie, mein Paradies war hier, solange der Sozialstaat garantiert war, den die Befürworter des Kapitalismus, vollständig entfernen wollen. Aber lassen wir dieses Problem beiseite und lassen Sie uns zum Thema zurückkehren.

Teodori: Ich schwöre, dass ich ihn entfernt habe. Ich schwöre es. Ich geben zu, ich habe den Sozialstaat entfernt.

Fusaro: Ich glaube kaum, dass sie die Möglichkeit dazu haben. Nein, sie bieten nur die ideologischen Rahmenbedingungen für diejenigen, die ihn entfernen. Sie selbst können rein gar nichts entfernen.

Teodori: Ah, gut, ich habe eine schöne Aufgabe. Eine wichtige.

Fusaro: Das ist eine andere Geschichte. Der Punkt ist ein anderer. Wenn ich ohne Unterbrechung weiter sprechen kann, in Bezug auf die individuellen Freiheiten, fahre ich fort. Trump ist das unberechenbare Element in der Geschichte. Seine Wahl war unwägbar und unableitbar. Sie war etwas Positives, weil er Hillary Clinton besiegt hat, deren Absichten hingegen klar waren: humanitäre Bombardierungen, Angriffe auf linienuntreue Staaten usw.. Aber Trump bleibt dennoch Ausdruck der kapitalistischen Finanzelite.

Er ist kein revolutionärer Sozialist, Wenn es schwer ist, Trumps Vorgehen vorherzusagen, da bin ich ganz ihrer Meinung, so ist es nicht schwer, das der Vereinigten Staaten von Amerika vorherzusehen, die ganz klar Trumps Willen beeinflussen werden. Als Wendepunkt nehme ich seine überaus vulgären Aussagen über Fidel Castro. Ich wiederhole Trumps Aussagen. „Es ist ein blutrünstiger Diktator gestorben“, so etwas hat er gesagt; was die totale Kontinuität der US-Politik der Aggression der Delegitimierung der linienuntreuen Länder offenbart.

Dies ist ein Wendepunkt, weshalb ich denke, das Trumps Neuausrichtung zu diesem Zeitpunkt bereits voll im Gange ist; ich erwarte nichts besonders positives. Ich wiederhole, es ist gut dass er Hillary Clinton besiegt hat, aber wir sollten keinen sozialistischen Führer erwarten, der die sozialen Rechte usw. wieder einführt. Er wird die übliche amerikanische Politik verfolgen. Zu Nordkorea wollte ich kurz hinzufügen, dass es sicher nicht das Paradies auf Erden ist, aber das Paradies auf Erden existiert nicht. Es weist deutliche Widersprüche auf, aber es hat auch positive Aspekte.

Zunächst ist es, wie gesagt, ein linienuntreuer Staat, der ein eigenes Recht dazu hat, eine Nation außerhalb der Globalisierung zu sein. Heute spricht man von Globalisierung; richtiger wäre das Wort Globalismus, sprich ein Totalitarismus, der den nationalen Pluralismen das Recht verweigert, außerhalb des kapitalistischen Modells zu existieren; man müsste Inglobierung sprechen, sprich von der Tendenz, alles in das einzig zugelassene Modell einzuschließen mit der Verweigerung des Rechts  als unabhängige Nationalstaaten zu bestehen, als alternative Daseinsform uns als alternatives Produktionsmodell.

Nordkorea ist von der Globalisierung ausgeschlossen und deshalb für die Vereinigten Staaten von Amerika und für die Mitglieder des unipolaren USA-Modells buchstäblich nicht akzeptabel. Trotz all seiner Widersprüche ist es gut, dass es auch ein Nordkorea gibt, ein Kuba, einen Iran, ein Russland… alles Staaten, die von der dominanten Ideologie als autoritär, undemokratisch, Leugner der Rechte definiert werden. In Wahrheit treiben sie ihr eigenes legitimes, unabhängiges Projekt voran, unabhängig von der amerikanischen Special Mission, die da wäre, die Welt in der kapitalistischen Ungleichheit zu vereinen.

[1] Luxus, Pomp, Prunk, Reichhaltigkeit, Überfluss

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Transkript: Werner Nosko


DIEGO FUSARO ist politischer Kommentator; Journalist; Gegner des Kapitalismus; Gegen das europäische Bankensystem und des globalisierten Einheitsdenkens Er widmet sich dem Studium der Philosophie aller Zeiten, vor allem Marx und Gramsci, um ein soziales Projekt zu verwirklichen, um folglich die Aufmerksamkeit der Politiker auf spezifische Programme zu lenken, wo die Priorität das erniedrigte Volk der Erde sein wird, sowie die Berücksichtigung der verschiedenen Kulturen und deren Ausdruck – möglicherweise, wo sie sich entwickelt haben.

Die weltweite Verbreitung, und Übersetzung seiner Botschaften ist ausdrücklich erwünscht.


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