Ihr Traum hat Ewigkeit! Rebeca Wild, die Welten gewechselt

„Kinder brauchen keine Stimulation!“, „Das wichtigste für Babys ist Vertrauen und keine Angst!“ „Es geht nicht nur darum, dass die Kinder aktiv sind, sondern darum, dass sie sich trauen, etwas auszuprobieren, das nicht so einfach, aber auch nicht hoffnungslos ist“ „Lasst uns weggehen von dem Ansatz, dass wir handfeste, nachvollziehbare Lernfortschritte bei den Kindern sehen wollen!“, da geht es nur um uns, nicht um die Kinder! „Wichtig ist, dass ein Kind seinem eigenen Wunsch, das Objekt vor sich zu untersuchen und es auszuprobieren, für einen längeren Zeitraum, also ungestört, nicht aus den Augen verliert!“ Rebeca Wild und ihr Gatte Mauricio haben ihren Traum einer, gerade in unserer „modernen Welt“ dringend notwendig reformierten Pädagogik – die „nichtdirektive Erziehung durch vorbereitete Umgebung“ – konsequent verfolgt!

Aus unerklärlichem Anlass erst jetzt thematisiert. Ein ausschweifend rückblickendes Elogium:  

Ich war regelrecht überrascht, um das dramaturgische Wort geschockt zu vermeiden, als ich vor Tagen über ihr Scheiden im Jahr 2015 las. Auslöser war ein Traum in der Nacht zum 10. Feber, von mir und ihrem Gatten Mauricio Wild in Ecuador, in dem ich mich für ein Holzhaus seines Sozialwohnprojekts interessierte und es begutachtete. In der Früh musste ich gleich im Internet nachsehen. Und: Rebeca Wild (1939 bis…).

Rebeca Wild und ihr Gatte Mauricio haben ihren Traum einer, gerade in unserer „modernen Welt“ dringend notwendig reformierten Pädagogik – die „nichtdirektive Erziehung durch vorbereitete Umgebung“ – konsequent verfolgt! Das gemeinsam mit ihrem Ehemann Mauricio 1977 ins Leben gerufene Kinderbetreuungsprojekt mit intensiver Elternarbeit wurde erst 1989 vom ecuadorianischen Kultusministerium als ‚Ecuadorianische Grunderziehung ohne Unterrichtspläne, Benotung und Klassen’ vollständig anerkannt und lief als Schule bis dato quasi illegal, offiziell als „Kinderhort“. Um diesen aber bürokratisch durchzusetzen, waren sie gezwungen ihr Projekt argumentativ mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erfahrungen zu rechtfertigen.

Ab da begann somit ihre Interesse und Vertiefung in wissenschaftlich-pädagogische Fachliteratur zu „eruptieren“ und sie hielten auch persönliche Kontakte zu einigen der Genannten:

  • Die Kinderärztin und Reformpädagogin Maria Montessori (es sei bemerkt, ein visionärer Vordenker in ihre Richtung war bereits der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi, 1746-1827; sein Namensvetter und Zeitgenosse der Wild kommt aber noch). Ihre Philosophie, ihre Werke sind hinlänglich bekannt!
  • Die Entwicklungspsychologen Jean Piaget (1896-1980) und Bärbel Inhelder (1913-19997) arbeiteten ihr ganzes Leben mit Kindern und schrieben ihre Beobachtung und Studien auf. Dahingehend arbeitet Piaget äußerst akribisch. „Das moralische Urteil beim Kinde“, ein Schlüsselwerk, bestätigte mir es. Mühsam zu lesen aber unheimlich lehrreich!
  • Die Neurobiologen Humberto Maturana (1928), Francisco Varela (1946-2001) und Joseph Chilton Pearce (1926-2016); der “Baum der Erkenntnis”, ein zwar schwer und mit viel Geduld zu lesendes Fachbuch, aber genauso aufhellend, was die biologischen Grundstrukturen allen Seins ausmacht.
  • Die Psychotherapeutin Jean Liedlosff (1926-2011), ich nahm selbst an einem ihrer hoch interessanten Vorträge teil, nach denen sie immer eine Frage- bzw. Diskussionsrunde eröffnete, sie schuf nach mehreren Expeditionen zu den Yequana-Indios in Venezuela gewissermaßen den Begriff Kontinuum, das Eingebundensein in das harmonisch Ganze. Ihr Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“, ein bereichernder Lesetraum.
  • Der Schweizer Manager und Gesellschaftskritiker Hans Adolf Pestalozzi (1929-2004) u. a. Gründer der Duttweiler Denkfabrik), beschäftigte sich vorzugsweise mit Jugendlichen und musste als Namensgeber für das Schulprojekts der Wild herhalten, dazu noch später unter „Pesta“; sein spektakuläres, wie aufrüttelndes, die fatale, zwiespältige Kehrseite unserer „modernen Gesellschaft“ entblößendes Werk: „Auf die Bäume ihr Affen“
  • Die Physiotherapeutin Therese Bertherat (1931-2014), Begründerin der „Antigymnastik“, die auf totales Körperentspannen abzielt, stellt sich damit gegen geläufige Trainingsformen der bewussten Körperdisziplinierung, selbst inspiriert durch Wilhelm Reich (1897-1957), Lydia (Lily) Ehrenfried (1896-1994) und Francoise Mezieres (1909-1991), die durch ihre gleichnamige Methode berühmt wurde. „In der Entspannung liegt die Spannung…“, erinnere ich mich an eine Passage in Bertherat’s Werk mit dem metaphorischen Titel: „Der Tiger im Versteck“;
  • Die Zusammenarbeit mit der Kinderpsychologin Anna Tardos (1931); sie begleitete meistens den dreitägigen Einstiegskurs der Seminarreihe von den Wilds; ihre so aufrüttelnden Worte: „Kinder brauchen keine Stimulation!“, „Das wichtigste für Babys ist Vertrauen und keine Angst!“ „Es geht nicht nur darum, dass die Kinder aktiv sind, sondern darum, dass sie sich trauen, etwas auszuprobieren, das nicht so einfach, aber auch nicht hoffnungslos ist“ „Lasst uns weggehen von dem Ansatz, dass wir handfeste, nachvollziehbare Lernfortschritte bei den Kindern sehen wollen!“, da geht es nur um uns, nicht um die Kinder! „Wichtig ist, dass ein Kind seinem eigenen Wunsch, das Objekt vor sich zu untersuchen und es auszuprobieren, für einen längeren Zeitraum, also ungestört, nicht aus den Augen verliert!“ Tardos konnte so herzhaft mit bebender Stimme und so unter die Haut gehend erzählen. Sie berichtete zudem über ihre Arbeit im berühmten Institut ihrer Mutter Emmi Pikler (1902-1984), Kinderärztin und Pädagogin, Gründerin des berühmten Loczy-Instituts bzw. Pikler-Instituts in Budapest mit bahnbrechenden Forschungsergebnissen. Sie verwendete auch Einsichten, die auch die Wilds gelegentlich auszugsweise zitierten, und zwar die Pädagogin, Elfriede Hengstenberg (1892-1992) und die Gymnastik- und Bewegungstherapeutin Elsa Gindler (1885-1961).
  • Musiker, Dirigent, Musikerzieher und Begabungsforscher Heinrich Jacoby (1889-1994), sein herausragendes Werk: „Jenseits von begabt und unbegabt“. Dazu passend das bildnerische Äquivalent:
  • Der Pädagoge und „Talenteforscher“ Arno Stern (1924), berühmt geworden durch seinen „Malort“ in einem Pariser Vorort. Über ihn wird neben anderen im Dokumentarfilm „Alphabet“ (2013, von Erwin Wagenhofer, 1961) berichtet. Übrigens: Wagenhofer drehte auch die bekannten Kino-Dokumentationen wie „We feed the world“ und „Let’s make money“.
  • Na unbedingt und klar: der Psychoanalytiker Arno Gruen (1923-2015)! Er spezialisierte sich auf die Machthaber der Gesellschaft, aber auch auf die soziale Seele der Kleinkinder. Hier muss erwähnt werden, dass unabhängig voneinander die grundlegend sozial strukturierte Kinderseele auch die Persönlichkeit eines Konrad Lorenz (1903-1989), Arzt, Ethologe und Zoologe, in Ansätzen erforschte und untersuchte und zu erstaunliche Erkenntnissen kam, viele aber seine dahingehenden Schlussfolgerungen nicht kennen.
  • Ganz aktuell der Neurobiologe Gerald Hüther (1951) und der Gehirnforscher Manfred Spitzer (1958).
  • Und sicherlich noch andere Bezugsquellen, die direkt wie indirekt mit der Philosophie der ehrenwerten Rebeca Wild zu tun haben, zumal sie ja selbst mehrere Bücher schrieb. Zu Thema Umgang mit Kindern lässt sich, wenn man wirklich, wirklich will, noch mehr an signifikanter Literatur finden; und, wenn man einmal damit beginnt, nicht mehr aufhören kann… Denn, so wie wir Erwachsene mit Kindern umgehen, so gehen wir mit uns um!

Lesestoff und Seminarreihe:

Alle ihre Werke habe ich eingehend gelesen, studiert, auch die meisten von jenen, auf die sich das kongeniale Paar Wild selbst wiederum stützte, wie oben angeführt. Es war eine Reise in wunderbare, fast schon glückselige Gefilde… so geht man respektvoll mit Kindern um, eigentlich mit uns Menschen! Ihr Reformgeist, der wie die Unruhe einer Uhr unaufhörlich schlug, schaffte für Interessenten eine Stimmung der Geborgenheit, des Verständnisses; man erfuhr eine wohltuende Resonanz. Es ging um, was denn anderes, als Respekt und Liebe! Traumhaft! Doch für so viele Utopie!

Bei ihr und ihrem Gatten absolvierte ich eine dreisemestrige Ausbildung während ihrer viele, viele Jahre hindurch üblichen, jährlichen Gasttourneen durch Westeuropa. Nicht nur wegen dem „Stoff“, sondern, um diese beiden persönlich kennen zu lernen! Ich möchte jetzt nicht sphärisch-romantisch werden, bin absolut kein geblendeter Esoteriker, aber diese beiden hatten eine immense Ausstrahlung, die wir Teilnehmer fast körperlich spürten.

So typische Phrasen fielen dabei oft und sind auch in ihren Büchern immer wieder zu lesen: ‚Vorbereitete Umgebung’, ‚Geeignete Erlebnisse’, ‚Innerer Bauplan’ (dabei strich Mauricio immer kreisend über seinen Magen), ‚Beobachten statt Belehren’; dazu immer wieder die Definition: ‚Liebe und Respekt bedeuten gleichfalls, behutsam aber konsequent Grenzen zu zeigen!’ Die Kursteilnehmer, vor allem die äußerst engagierten Leiter/Innen von Privateinrichtungen darunter, mahnte ihr Gatte öfter, insbesondere gleich zu Seminarbeginn, sinngemäß so in der Art:

„Wir sind nicht hier um euch zu sagen, wie es geht. Wer das erwartet, kann  jetzt gehen und bekommt sein Geld zurück! (…) Imitiert uns nicht, arbeitet sozusagen nicht ‚in unserem Namen’; es ist müßig, denn wir werden immer einen Schritt voraus sein, weil wir selbst befinden uns mitten in einem Entwicklungsprozess, der naturgemäß wiederum Veränderungen mit sich bringt. Auch wir sind skeptisch gegenüber den so genannten Montessori-Klassen, oder der Deklaration, dass man nach ihr arbeite. Findet euren eigenen Weg, euer eigenes Konzept, wächst darin, probiert aus. Der Leitfaden sollte allerdings sein, Liebe und Respekt gegenüber dem Kind. Danach wollen wir uns gerne austauschen. Wir erklären hier euch lediglich, dafür ausführlich unsere mitgebrachten Lernmaterialien, klassische, wie von uns und den Schülern selbst entworfene. Fragt uns, wir erzählen euch, wenn ihr es wollt, gern von unseren Erfahrungen und Eindrücken in Pesta, wir haben auch Dias dabei, und hören genauso gerne eure. Gibt es eine Frage?“

So ungefähr lief es zu Beginn immer ab.

Pesta!

Ihre gleichnamige Vorzeigeschule (1977-2005) am Hang eines Vulkans auf, soweit ich mich erinnere, auf rund 3.500 Meter Seehöhe bei Tumbaco nahe Quito, der höchst gelegenen Hauptstadt der Welt auf 2.850 Meter. Das Schulgebäude ist ein, von den ansässigen Indios aus Holz in alter Bautradition errichtetes Ringgebäude in „Tortenstückabschnitten“ auf jeweils unterschiedlichem Niveau. Die baulichen Segmente dienten zur Aufbewahrung freizugänglicher, altersgerechter Materialien für alle mit „Ruhezonen“ und „Vertiefungsräumen“ (Lernecken). Das ursprünglich alte Ziegelbauwerk hielt dem sehr wechselhaften Wetter – Morgen Frühling, Mittag Sommer, Abend Herbst und Nacht Winter – nicht lange stand, regnete immer wieder durchs Dach und verfiel so vor sich hin und diente bald nur mehr als Geräteschuppen. Das Indiohaus schien unverwüstlich, wurde es ja während der Bauzeit mit vielen indianischen Zeremonien begleitet. Zum geistigen Inhalt, zur Pädagogik:

Absolute Grundregel: „Du darfst dir alles an Materialien nehmen, wir bestehen aber darauf, dass du vorher fragst und es wieder dorthin zurück gibst, bevor du etwas Neues nimmst!“ Eine strikte Ausnahme bezüglich der freien Verfügbarkeit von Lehrutensilien gab es nur für Kindergartenkinder, weil das Schulmaterial für sie als ungeeignet galt! Draußen im großzügig angelegten Spielareal mischten sich alle Altersklassen. Drinnen jedoch, durften die Kindergartenkinder ebenso nicht in den Schulbereich.

Dorthin gaben überzeugte Eltern, die sich per Unterschrift auf der Betreuungsvereinbarung mit dieser Pädagogik und den Bedingungen einverstanden erklärten, ihren Kindern die einmalige Gelegenheit, sich von Kindergartenalter ab drei Jahren an bis zum Abiturabschluss zu entfalten. Sie konnten aber jederzeit ihr Kind wieder aus dieser Einrichtung herausnehmen. Die Pesta-Schule war weltweit bekannt für wahrlich Interessierte an einer endlich reformierten Pädagogik, die sich vom mittelalterlich europäischen System distanziert; die Dressur zum willenschwachen Bürger, wo die Benotung bis heute blieb und sie noch immer als Rohrstabersatz dient.

„Ich sag dir was ich von dir will und wenn du es brav befolgst, freue ich mich und lobe dich mit einer guten Note.“ Dieses „Leuchtende Paar“ setzte auf Angebot und nicht auf Stoffzwang, nicht auf instruierende, fixe Lehrpläne, genauso wenig auf die, fürs freie Reifen vollkommen ungeeigneten Klassenstrukturen! Zum vielseitigen, umfangreichen Materialangebot, war der Betreuer, der so genannte Pädagoge, die meiste Zeit „nur“ unsichtbarer Beobachter und schritt nur im äußersten Fall ein und beantwortete die an ihn gestellten Fragen. Dabei war die Antwort „Ich weiß es nicht“ vollkommen legitim, denn ihr folgte bei Bedarf: „Lass es uns gemeinsam herausfinden!“ Wie heute in Finnland setzte man von haus aus auf projektstrukturelles Selbsterarbeiten. Da es ja keine Klassentrennung gab – böse genannt, Lernkasten – gab es bei Projekten oft eine gute Altersdurchmischung.

Der Schulalltag lief wie gewöhnlich so ab: 90% der Zeit Spielen und freie Kreativität, der Rest  Lernen. In freiwilligen, alterskonformen „Leistungsvergleichen“ mit den öffentlichen Schulen, schnitten die Pesta-Schüler ab der Sekundarstufe (vergleichsweise bei uns Mittelschule, Unterstufengymnasium) meistens besser ab. Nebeneffekt des Pesta_Einflusses: Die Kinder waren entspannter und konzentrierter und in allem selbstbewusster.

Lange Zeit rissen sich viele um Praktikumsplätze bei diesem „Ausnahme“-Paar in ihrer Schule, bis die Wilds nach etlichen Jahren wieder damit aufhörten, um, wie Rebeca es selbst formulierte, bei der Begleitung ihrer Kinder, nicht abgelenkt zu werden.

Der Weg nach Pesta… Huhn und Schlange und ein veränderter Sohn

Doch nicht die Wissenschaft oder bekannte wie mutige Reformpädagogen trieben das Ehepaar Wild zu ihrem Projekt hin, nein, das Schicksal, die Fügung. Der eigentliche Auslöser, mit dem Schulprojekt zu beginnen, war ihr zweiter Sohn, der sich in der öffentlichen Schule in Quito zunehmend unwohl fühlte und bereits Verhaltensauffälligkeiten zeigte. Später bestimmte Erlebnisse und Eindrücke, Intuitionen und Inspirationen, Beobachtungen, die ihnen sehr tief gingen, motivierten sie zusätzlich. Zum Beispiel gab es bei Mauricio Wild ein dahingehendes Schlüsselerlebnis aus der Kindheit und er erzählte es uns; nämlich seine Beobachtung auf der Bananenplantage.

Das angeblich so schwache Huhn wurde stark. Eine Henne stellte sich mutig einer eindringenden Schlange, um ihr Gelege zu verteidigen. Sie attackierte die Schlange so verbissen, so unnachgiebig und vehement, bis diese regelrecht den „Schwanz einzog“ und „respektvoll“ abzog, also kapitulierte. Da war für Mauricio ein Samen gesät worden, der Jahre später keimte und ein zartes Pflänzchen austrieb. Als er später seiner Frau begegnete und sie schon zweifache Eltern waren wurde das Pflänzchen zum Baum, zum Giganten und reformpädagogischen „Fixstern“ in Ecuador.

Das Ende von Pesta… und es geht weiter!

Geschlossen wurde die Schule 2005 wegen der schon 2000 bereits deutlich zugespitzten Wirtschaftskrise, noch forciert durch die Umstellung der Landeswährung auf USD, wonach es zunehmend im Land auch sozial zu eskalieren begann. Plötzlich befanden sich 80% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Obwohl Ecuador Mitglied der OPEC ist und genügend Finanzressourcen hätte, herrscht dort wie in vielen der südamerikanischen Ländern Korruption und Sippendenken und eine damit bedingte Fehlwirtschaft, die notwendige, vor allem soziale wie bildungsgerechte Rückinvestitionen verhindern. Übrigens, es gibt heute noch, wenn auch verschleierte Kinderarbeit, was bedeutet, dass allen bei weitem keine ausreichende Schulbildung beschieden ist. Bald stellt man ernüchtert fest, dass dem Land, das zuerst die Inkas und alle zusammen dann die Spanier eroberten, scheinbar eine ewige politische Unruhe bestimmt ist. Ein Vergleich: Ecuador umfasst samt ihren Galapagos Inseln ein Fläche von 284.000 Quadratkilometern, also 3,5mal so groß wie Österreich, aber mit 16 Millionen nur knapp doppelt soviel an Einwohnern hat, wovon rund 3 Millionen im Ausland arbeiten.

Mauricio Wild (1937), der einst Sozialwissenschaften studierte, entschloss der Wirtschaftskrise mit den seinerseits landesweit initiierten, mit heute bereits 140 „Ecosimia“-Gruppen entgegenzutreten, die somit untereinander problemlos handeln und die Mitglieder so ihre Existenzgrundlagen bewahren können. Eine Art groß angelegte Tauschringbewegung mit sozialpolitischem Charakter. Der alte, traditionelle Geist der Indios lebt auch in diesem Gemeinschaftsprojekt der unterschiedlichen Autonomien. Mauricio ist weiter am Entwickeln und sozusagen nicht nur Gründer, sondern heute Berater und Moderator dieser existenziell-wirtschaftlichen Souveränitäten; ein System im System, das sogar viele in Europa unterstützen. Auf eine offizielle Website wird aus Gründen des Personenschutzes verzichtet. Begonnen hat er schon in den 90ern im engen Kreis der eingebundenen Eltern in die Pesta-Schule und erzählte öfter davon.

Die Schule ist schöne Vergangenheit, in den neu entstandenen Zentren für autonome Aktivitäten – CEPA – übernehmen die Eltern die Bildungsverantwortung selbst. Und, es geht nicht mehr um Schule, Seminare, Kurse; sie, Rebeca und Mauricio nennen diese Art gemeinsamen Lernens „Aktivierung eines Paradigmas des Lebens“. Die „alte Schule“ ging über ihre Grenzen, löste sich somit auf und band alle ein in die Schule des Lebens, meine Formulierung dazu!

Vergleichendes Résumés: 

Ja, da sitzen sie, unsere Studenten, scharenweise in den Hörsälen und füllen sich mit viel pädagogischer Theorie die Köpfe bis zum Bersten an. Und? Brav sitzen sie fürwahr ein Leben lang auf ihrem Wissen aus zweiter Hand, als müssten sie es noch fest ausbrüten. Und? Nix, Totenstille. Man agiert vorsichtig und mit Bedacht aus dem Katalog, man gestaltet aus der pädagogischen Betriebsanleitung. Man wurde geeicht, geformt, abgeschliffen, zurechtgestutzt, geglättet und poliert. Man IST was man auswendig lernte. Ich unterstelle den meisten, nix kapiert zu haben… und doch könnt ihr alle irgendwie nichts dafür, ich verstehe es, denn ihr habt selbst nichts andres erfahren und erlebt, als DIREKTIVE Erziehung, wo der Erzieher permanent euch vermittelte, dass nur er es weiß, wo es lang geht…, was gefragt ist… was erwartet wird… nur er euch ins Leben danach führt… Arno Gruen würde es als „Verrat am Selbst“ nennen, wie einer seiner Buchtitel lautet.

Kinder sind Material – wie wir noch immer die frischen Seelen sehen!

Das Kind, das wir auch mal waren, wird von den Erwachsenen als rohes Werkstück betrachtet, das man erst behauen muss, damit es in die gewünschte Form kommt. Liebe Leute; liebe, durch was auch immer ambitionierte Erzieher, ob als Eltern oder in Institutionen, liebe Anwärter auf pädagogische Berufe, liebes Ausbildungspersonal, liebe Professoren! Das derzeitige Erziehungsmodell schafft nur Unlust, Frust, Angst vor Versagen, oder, übersteigerten Egoismus. Ich rede hier von nachhaltigen, psychischen Schäden, Traumatisierungen. Mögliche Auswirkungen, die im Erwachsenenalter gerne auftreten, sollten wir hinlänglich kennen, die sind somit vorprogrammiert. Unsere Kinderbetreuung riecht immer noch, wenn etwas weniger, nach katholischer Erziehungsmethode.

Apropos katholisch. Da liest man ungewollt (Empfehlung???) den altkatholischen, den Erzkatholiken Vladimir Palko und wäre in seiner Nähe geneigt, ihm sein Buch „Die Löwen kommen“ behutsam um die Ohren zu blättern und ihn nachsichtig über’s Kopferl zu streichen. Ja, sein Gott, hat’s ihm scheinbar nicht gegeben… Womöglich hatte er eine ganz schlimme Kindheit, wenn diese Kirche seine Identifizierung, sein Lebensinhalt ist. Wenn ich aber denke, dass Gott laut den Heilschriften die Kinder ja ganz besonders und uneingeschränkt liebt, dann ließe er eine solche restriktive Erziehung ihnen sicherlich nicht angedeihen. Zurück zur heutigen „Aufzucht“:

Sedieren und Erziehen

Verhaltensauffälligkeiten – wer sich wehrt, verweigert, fällt naturgemäß auf – und körper-seelische (psychosomatische) Symptomatiken, die immer öfter als Massenphänomene auftreten, begegnet man reflexartig mit Medikamenten und oder psychologischen Sitzungen bis psychiatrischer Stationierung. Anstatt mit respektvoller Zuwendung zu reagieren. Andererseits gäbe es auf respektvoller Beziehungsebene keine Auffälligkeiten mehr, klar doch…

Es geht auch anders – der Mut auszubrechen, zwei Beispiele: 

Die Eltern gaben sich mit der Situation nicht ab, dass ihr Sohn mit Downsyndrom eine, vielleicht lebenslängliche „Spezialbehandlung“ brauche, eine Sonderheilpädagogik. Natürlich nur zu seinem Besten, damit er sich gemäß seiner „eingeschränkten Fähigkeiten“ sich in unsere Kultur integrieren kann. Die Experten wissen, was er braucht! Ob er dabei wirklich glücklich und zufrieden ist, interessierte, außer seinen Eltern, niemand. Die mutigen Eltern ermöglichten ihrem Sohn, trotz bürokratischem Widerstand und dahingehender Hürden, einen „normalen Heimunterricht“. Die erforderlichen Externistenprüfungen schaffte er alle, wenn auch etwas zeitverzögert. Ich kürze ab: Dieser Mann, eine Persönlichkeit, unterrichtet heute als Professor auf der UNI.

Die allein erziehende Mutter gab ihren Sohn, ebenfalls mit Downsyndrom, nicht auf, setzte die ihn sichtlich verändernden und krank machenden Medikamente ab, und förderte das, was ihr Sohn immer schon so gern tun wollte, nämlich Tanzen. Ich kürze ab: Heute bestreitet er als Tänzer und Choreograph im Staatsopernballett sein Leben und ist glücklich. Er hat gelernt, mit seinen zeitweiligen Spannungen so umzugehen, dass weder er sich selbst noch anderen damit schadet. Er ist ein respektierter Mensch!

Echte Pädagogik beginnt nicht im Kopf, sondern tief im Herzen, wo angeblich Geist und Seele sitzen. Weniger ist zumeist mehr. Wir müssen nicht im Sinne des Zeitgeistes, der auf sinnlose Beschleunigung setzt, ununterbrochen aktiv sein und unsere Kinder da auf Biegen und Brechen einbeziehen, und,  am Ende fördern wir nix anderes als die Hyperaktivität! Stress! Frust! Für mich sind die meisten der Erwachsenen dahingehend bereits selbst verhaltensauffällig. Die Gesundheitshygiene beginnt im Geist! Noch mal zum Einprägen die Metapher:

Die KREATUR ist immer kreativ!

Deine Kreativität ist immer dein authentisches Bedürfnis! Meine Kreativität drückt sich somit anders aus als Deine! Wenn wir davon ausgehen dass jede und jeder ein Individuum sei! Wir sind einerseits stolz darauf und dann stülpen wir allen ein Bildungssystem über, das auf das keine Rücksicht nimmt, respektlos agiert. Ich plädiere aber absolut nicht für Eliteschulen. Die Kinder gehören ins Unterrichtsprogramm einbezogen; es bedarf mehr an Projektarbeit, eigenständige Themenwahl, endlich Rücksichtnahme auf die naturgemäß zeitlich und disziplinär individuelle Reifung! Ist das so schwer, verdammt???

Es gelingt bis heute nur ganz wenigen, den Schatten zu überspringen; den durchlebten Schatten unserer „alten“ Bildungsstruktur. Wir können ruhig von einer systemrelevanten Erziehung sprechen, denn nichts anderes ist sie. Und sie ist völlig wirtschaftskonform und erzieht uns zu unkritischen Konsumenten! Wollen wir das wirklich???

Das ist es, was Rebeca Wild als Vorausdenkerin, als Visionärin meinte: Statt Ziehen, sich als berufener Erzieher zurückziehen, es SEIN lassen, zusehen, beobachten, lernen („Mit Kindern wachsen“, so heißt ein Elternverein in Deutschland); nur im Extremfall intervenieren und Fragen so beantworten, dass die Neugierde nicht gleich ertränkt wird! Diese Art Pädagogik muss man nicht studieren, sie ist die einfachste, die klarste, die respektvollste. Weil sie Achtung und Liebe bedeutet zum Kind, was eine traumhafte Beziehung ermöglicht…

http://www.oya-online.de/article/read/111.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Pesta
https://de.wikipedia.org/wiki/Rebeca_Wild

Ich weiß nicht, wie viele Wilds, wie viele Salchers, wie viele Glattauers noch kommen müssen, wie oft noch Montessori vielleicht „wiedergeboren“ werden soll, damit die Verantwortlichen das Bildungssystem endlich und wirklich reformieren, nicht dort und da bisserl reparieren. Noch immer werden dahingehende Ausnahmepersönlichkeiten süffisant belächelt und gegebenenfalls in die Wüste geschickt. „Das ist Utopie“, ein „Netter Traum“, oder so in der Art, ist oft das Argument der systemverhafteten Verteidiger. Nein, die in Wahrheit utopische Vorstellung der geistig „Verkrusteten“ wurde leider Gottes schon vor Langem zu einer absurden Realität gemacht. Eine, die die Lust auf Lernen verhindert.

Mir ist schon klar, dass all die hier oben genannten Reformer mit ihren Projekten auf der erzieherischen Bildfläche wider verblassen und verschwinden. Weil sie gegen die gewünschte Normpädagogik „verstießen“, weil sie im „Fabriksystem der Konsumidioten“ (sinngemäß Pestalozzi) nicht erwünscht sind. Aber sie bleiben bei manchen von uns in Erinnerung. Sie werden wieder kommen… Wie sagte Maria Montessori so schön in ihren letzten Tagen: „Sie haben absolut nichts verstanden…“

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