Das Glück der Millionen – Teil 2

 

Der kürzlich verstorbene Freiherr Mayer Karl v. Rothschild hatte trotz seiner Millionen wenig vom Leben. Glück und Reichthum lagen bei ihm weit auseinander. Ein interessantes Feuilleton bringt die „Magdeburger Zeitung“. Da heißt es:

 


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Das Glück der Millionen.

(Schluß.)

Teil 2 – Salzburger Chronik vom 20. November 1886

Auch das Familienleben im Hause des Baron Mayer Karl war nicht mehr ein ungetrübtes. Daß zwei seiner Töchter (jetzt die Frauen des Fürsten von Wagram und des Herzogs von Grammont) gegen seinen entschieden kundgegebenen Willen heirateten, ja zum katholischen Glauben übertraten, war ein harter Schlag für den Vater. Ein völliges Zerwürfniß mit der eigen Gattin, welche jene Heiraten der Töchter begünstig» hatte, schloß sich daran, und erst später erfolgte eine Aussöhnung. Aber unversöhnt ist der ältere Bruder von dem jüngern, Baron Willy, der gemeinsam mit ihm das Frankfurter Haus leitete, aus dem Leben geschieden. Zwei völlig verschieden geartete Naturen standen sie sich fast ihr Lebenlang unverstanden gegenüber. Die Brüder sahen sich selten und sprachen noch seltener mit einander. Und das war in einem Geschäfte, dessen Leiter sie beide gemeinsam waren, nur dann möglich, wenn der eine sich entfernte, wenn der andere kam. Und so war es auch in der That.

Unter den oben geschilderten Verhältnissen mußte natürlich das Frankfurter Stammhaus der Rothschilds von Jahr zu Jahr an Bedeutung verlieren, aber wie kleinlich der ganze Geschäftsbetrieb des „Welthauses“ geführt wird, davon haben nur wenig Außenstehende eine Ahnung. Die Angestellten des Hauses erfreuen sich nur insoferne einer angenehmen Lage, als an allen Feiertagen, welche der jüdische Kalender verzeichnet, auch den unbedeutendsten, sowie an jedem Samstag, das Geschäft geschlossen bleibt, so daß es häufig vorkommt, daß drei oder vier Tage hindurch alles ruht. Die Besoldungen im Rothschild’ichen Hause sind im Vergleich zu den sonst im Bankfach üblichen Sätzen sehr niedrige. Daß bei solchen Verhältnissen und bei dem Mangel jeder Koutrole Unregelmäßigkeiten in der Zeiten Lauf nicht selten vorgekommen sind, ist nicht zu verwundern.

Allerdings wird wenig davon gesprochen, denn eine strafrechtliche Verfolgung haben die Rothschilds niemals gegen ihre Ungetreuen ein eintreten lassen, womit sie allerdings gewissermaßen eine Prämie auf den Betrug aussetzen. Dagegen halten sich die Beamten auch nur in den seltensten Fällen besonderer Auszeichnung zu erfreuen. Als eines Tages ein Buchhalter vor den Baron Mayer Karl trat mit der schüchternen Ankündigung : „Ich bin heute fünfundzwanzig Jahre in Ihrem Geschäfte. Herr Baron,“ erhielt er die etwas vorwurfsvolle Erwiderung: „Sehen Sie mal an, also fünfundzwanzig Jahre lang essen Sie nun schon mein Brod.“ Das war alles.

Ein leitende Rolle auf dem Gebiete der großen Finanzgeschäfte spielte das Frankfurter Haus schon längst nicht mehr; es ist immer mehr zu einer reinen Verwaltung des eigenen Vermögens, sowie derjenigen großen Kapitalisten geworden, denen es noch ein besonderes Gefühl der Sicherheit verleihen mag, ihr Geld in der Ausbewahrung eines Rothschild zu wissen. Wenn Friedrich von Gentz einst sagte, daß in der Maxime: servare modum finemque tenere (Maß halten, das Ziel nicht aus dem Auge verlieren), eines der Hauptgeheimnisse der Stärke der Rothschilds liege, so trifft dies heute nicht mehr zu. Denn das Stammhaus hat es längst aufgegeben, bestimmte Ziele zu verfolgen; es beschränkt sich daraus, sich hie und da von befreundeten Bankgruppen ins Schlepptau nehmen zu lassen. Große Finanzgeschäfte werden heutzutage ohne. ja, wie vor einigen Jahren die große Anleihe zur Herstellung der italienischen Währung bewiesen hat, trotz der Rothschilds, die diesem Geschäfte Schwierigkeiten in den Weg legten, durchgeführt. Die Wandlung, die sich auf dem Gebiete des öffentlichen Kredites vollzogen hat, hat vielleicht den Prozeß der einzig in der Weltgeschichte dastehenden Rothschild- scheu Kapitalanhäufung etwas verlangsamt, aber dem Reichthum des Rothschilds hat sie keinen Abbruch zu thun vermocht. Denn dieser Reichthum ist so ungeheuer, so über alle gewöhnlichen Begriffe hinausgehend, daß er stündlich wächst aus sich und in sich, fortgesetzt anschwillt wie eine ewige Flut, mögen sie selbst nun wachen oder träumen, beten oder arbeiten, leiden oder sterben.

Das Glück der Millionen – Teil 2

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ZU TEIL 1


Hintergrund:
mayercarlrothschild
Rothschild war Mitglied der Frankfurter Handelskammer und Mitbegründer der Frankfurter Bank, Konsul von Parma und Bayern und Generalkonsul von Österreich. Er gehörte 1866 der Delegation an, die mit Otto von Bismarck verhandelte, um günstigere Bedingungen für die Annexion der Freien Stadt Frankfurt durch Preußen zu erreichen. 1867 bis 1871 gehörte er der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung an und gleichzeitig dem Norddeutschen Reichstag.[ 1871 wurde er als erster Jude Mitglied des Preußischen Herrenhauses.

Quelle: Wikipedia

 


 

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