Das Glück der Millionen – Teil 1

 

Der kürzlich verstorbene Freiherr Mayer Karl v. Rothschild hatte trotz seiner Millionen wenig vom Leben. Glück und Reichthum lagen bei ihm weit auseinander. Ein interessantes Feuilleton bringt die „Magdeburger Zeitung“. Da heißt es:

 


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Das Glück der Millionen

Teil 1 – Salzburger Chronik vom 19. November 1886

Düster, wie dieser äußere Abschluß, die rituell streng jüdische Beisetzung des Verstorbenen, war aber auch das Dasein des Verschiedenen, besonders in dem letzten Jahrzehnt. Freiherr Mayer Karl v. Rothschild war ein unglücklicher, beklagenswerther Mann, und er wird den Tod als eine Erlösung willkommen geheißen haben. Es mag ja von einem großen Theile der Menschheit als das beneidenswertheste Los gepriesen werden, sich jeden Morgen von neuem, ehe man sich noch den Schlaf aus den Augen gerieben, ehe man noch den Fuß aus dem Bette gestreckt hat, um so und soviel Tausende reicher geworden zu sehen, ebenso wie wahrscheinlich diese es für das erhebenste Gefühl erklären werden, jedem Wunsche und strebe er noch so hoch, von vorneherein seine Erfüllung gesichert zu wissen. Auf dem Ueberflusse scheint ein Fluch zu lasten, der sühnend Vergeltung übt für die so da darben. Der Seele Frieden läßt sich auch mit Milliarden nicht erkaufen, und der verstorbene Rothschild hat stets vergeblich auf den Augenblick gewartet, zu dem er sagen durfte: „Verweile doch, du bist so schön.“

Zerfallen mit sich und der ganzen Welt, zuletzt auch infolge der Taubheit, die ihn befiel, selbst in dem Verkehre mit der nächsten Umgebung gestört, gepeinigt durch Gicht und nervöse Anfälle, unfähig und meist auch zu energielos, um sich auch nur die geringste körperliche zu verschaffen, war er vollständig zum Einsiedler geworden, für den die Oeffentlichkeit und der für die Oeffentlichkeit nicht bestand. So ist er einsam und verlassen gestorben, und in der Stadt, wo die Wiege der Rothschilds und ihres Reichthums stand, nahm man die Kunde von seinem Tode ohne ein Zeichen besonderer Theilnahme auf.

Ueberhaupt hat der früher und bis in die fünfziger Jahre vorhandene innige Zusammenhang zwischen der städtischen Bevölkerung von Frankfurt und der Familie Rothschild sich vollständig gelockert, ja, es hat häufig ein fast feindseliges Verhältniß zwischen diesen beiden platzgegriffen. Es ist dies nicht unerklärlich, wenn man weiß, mit welcher Scheu die Nachkommen des alten Amschel Mayer jeder mit anderen Sterblichen ausweichen, wie sie ihre Parks, ihre Alleen, ihre Schlösser, ihre Gemälde- und Kunstsammlungen absperrten, und jedem Profanen den Zutritt verwehrten. Sie hatten keine reine Freude an all diesen Herrlichkeiten, sie wollten auch anderen keine Freude bereiten. Sie wollten keine zufriedenen glücklichen Gesichter um sich sehen, wo sie selbst stets mit sich selbst waren.

Der verstorbene Baron Mayer Karl hatte mit der Zeit die her hervorragendsten Schätze der alten Gold- und Silberschmiedekunst, darunter auch den berühmten Jamnitzer Tafelaufsatz, zusammengebracht, aber nur wenigen Auserwählten sind diese Kunstwerke zu Gesichte gekommen. Was Rothschild vor allem fehlte, war ein Vertrauter, ein Freund ; aber als ein Rothschild dünkte er sich stets zu hoch stehend, um eines solchen zu bedürfen. Vieleicht hat auch der Umstand, daß er keine öffentliche Schule besucht hatte, sondern von Hauslehrern für seinen Beruf vorbereitet worden war, schädlich auf die Entwicklung des Geselligkeitstriebes eingewirkt.

Die kurze Zeit, die der 17 jährige junge Mann (Baron Mayer Karl war 1820 geboren), dann dem Studium der Rechte in Göttingen und Berlin oblag, konnte in die dieser Beziehung nicht mehr viel gut machen. Ein gewisses Vergnügen bereitete es ihm, für diejenigen Werthe, welche die Firma auf den Markt gebracht hatte, selbst schriftstellerisch thätig zu sein, indem er Notizen und kleine Artikel für die Zeitungen schrieb, allerdings meist in einem so bombastischen Stile, daß die Redakteure sich wohl oder übel veranlaßt sahen, tiefgreifende Veränderungen an dem freiherrlichen Manuskripte vorzunehmen, was natürlich den Verfasser nicht wenig kränkte und ihn oft zu den kleinlichsten Mitteln der Wiedervergeltung Zuflucht nehmen ließ. (Schluß folgt demnächst)

Das Glück der Millionen – Teil 1

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ZU TEIL 2


Hintergrund:
mayercarlrothschild
Rothschild war Mitglied der Frankfurter Handelskammer und Mitbegründer der Frankfurter Bank, Konsul von Parma und Bayern und Generalkonsul von Österreich. Er gehörte 1866 der Delegation an, die mit Otto von Bismarck verhandelte, um günstigere Bedingungen für die Annexion der Freien Stadt Frankfurt durch Preußen zu erreichen. 1867 bis 1871 gehörte er der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung an und gleichzeitig dem Norddeutschen Reichstag.[ 1871 wurde er als erster Jude Mitglied des Preußischen Herrenhauses.

Quelle: Wikipedia

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