Der Wohltätigkeitstrust

Der Autor beleuchtet Rockefellers „Wohltätigkeit“ mit spitzer Feder und lässt, zu Recht, kein Gutes Haar an ihm. Wie kann es sein das jemand, und hierbei ist es einerlei ob sich dieser Rockefeller nennt oder anders, seine Milliardchen und Milliönchen einem Guten Zwecke zuführt. Und warum? Aus Wohltätigkeit? Wohl kaum! Diese wahre Geschichte aus der Geschichte macht nachdenklich und ist mit etwas Willen leicht auch in unsere Zeit transferieren.

 


der_wohltaetigkeitstrust_29071910

Der Wohltätigkeitstrust.

Von Dr. Karl Rötzel.

Aus der Arbeiterzeitung vom 29. Juli 1910

I.

Aus Amerika kommt eine neue Wundermär: Die verkrustete Menschheit soll getröstet werden. Es hat sich ein Wohltätigkeitstrust gebildet. Rockefellers Gesamtvermögen, soweit es in der Standard  Oil=Gesellschaft festliegt, soll ausschließlich zu Wohltätigkeitszwecken verwendet werden. Ein echter amerikanischer Scherz! Der Standard Oil=Gesellschaft ist die ganze Petroleum brennende Menschheit tributpflichtig, der kleinste Bauer, der dürftigste Handwerker zahlen einen Teil ihres Einkommens an Rockefeller! In Tausenden und Abertausenden ärmlichen Hütten auf beiden Erdhälften herrscht nach getanem Tageswerk schwarzes Dunkel, weil die Abgabe an Rockefeller viel zu groß ist, als daß man sich noch Licht leisten könnte nach der Arbeit, um etwa ein Buch zu lesen und wäre es selbst Rockefellers Lieblingsbuch: die Bibel. Und nun sollen alle diese Völker, die um Rockefellers willen in Finsternis wandeln, gezwungen werden, unter Rockefellers Führung das Licht der Bildung in die verkrustete Menschheit zu tragen: Sie zahlen doch das Geld, mit dem Rockefeller Wohltätigkeit übt. Man sieht: auch Wassertrinken und Kirchenbauen – Rockefellers harmlose Spezialitäten – zerstören nicht allen Sinn für Humor.

II.

Der verstorbene Duimchen* erzählt in seinem Trustbuch über den Ursprung des Rockefellerschen Vermögens eine possierliche Geschichte. Sie erinnert etwas an die Lessingsche Fabel von den drei Ringen, nur der Ausgang ist etwas anders: Die drei Söhne sind hier tatsächlich alle drei die betrogenen, den echten Ring hatte der Vater inzwischen versetzt. Spaßhaft, nicht wahr? Und echt amerikanisch.

Rockefeller schließt mit jeder einzelnen von drei konkurrierenden Eisenbahnlinien bezüglich des Petroleumtransports einen Geheimvertrag, der jeder einzelnen unter der Bedingung besonderer Begünstigungen für Rockefeller den Vorzug vor beiden anderen einräumt. Die Verträge sind alle drei rechtsgiltig. Gewissen Details scheuen das Tageslicht. Jede der Bahngesellschaften glaubt also, die beiden anderen überlistet zu haben. Und nun erweist es sich, daß alle drei betrogen sind. Man schimpft, man streitet, ganz wie in Lessings Fabel; man geht aber durchaus nicht zum Richter wie Lessing.

III.

Soweit Duimchen. Wir verwahren uns feierlich dagegen, im recht zu geben. Rockefeller gründet sonst flugs eine Universität, deren Professoren die wissenschaftliche Aufgabe zufällt, zu beweisen, daß wir gelogen haben.

Lassen wir also diese Fabel von den drei Eisenbahnen beiseite und beschränken wir uns auf das, was wir über amerikanische Arbeitsverhältnisse an sich wissen.

Rockefellers Arbeitern ist ja doch ebenfalls die Gnade geworden, an dieser Wohltätigkeit im größten Stile mitzahlen zu dürfen, und zwar sehr empfindlich. Sie entbehren ja der elementaren Menschenrechte, damit Rockefeller ein Wohltäter sei für die Menschheit.

Der Berliner Regierungsrat K o l b war vor einigen Jahren sechs Monate lang Fabriksarbeiter in Amerika. Er hat mit herzerquickender Offenheit darüber berichtet. Die Ausbeutung der Menschlichen Arbeitskraft ist demnach dort eine derart brutale, daß der Arbeiter nach getanem Werk überhaupt nur noch zu zwei Dingen zu haben wäre: zur Ausschweifung und zur Völlerei. Alles geistige ist tot in ihm, der zwölf Stunden hindurch mit Aufbietung aller Kräfte nur Maschine war! Das klingt harmlos.

Denken wir aber ein wenig darüber nach. Wie viel Tausenden und Abertausende Menschenkinder, Wesen von der Anlage eines Plato und eines Goethe, müssen ihre besten Jahre in tierischem Stumpfsinn verbringen und werden im Alter oder bei Krankheit einfach auf die Straße geworfen, damit der Petroleumkönig Rockefeller zum König der Wohltätigkeit werden konnte !

Welch unermessliche Fülle selbstständigen Geisteslebens hat dieser eine Rockefeller vernichtet durch den Frondienst, den er unter Androhung des Hungertodes von seinen Arbeitern erzwang und erzwingt, denn ihnen gegenüber bleibt er Petroleumkönig.

Wer will dir Geistesgüter berechnen, die hätten geschaffen werden können von allen diesen zahllosen Ungenannten, von denen jeder einzelne doch eine einzigartige, so nie wiederkehrende Schöpfung bedeutet, wenn Rockefeller ihnen erlaubt hätte, zu denken, statt sie zu zwingen, beizusteuern zu seiner Wohltat ! Sie alle waren und blieben aber nur Maschinen für den ehrenwerten Mister Rockefeller, und zwar recht unbequeme Maschinen, von denen man eben nur so viele verwendet, als das dringend nötig sind, weil sie Kohlen und Oel auch außerhalb der Arbeitsleistung brauchen und weil sie nicht stumm bleiben, nachdem einmal der Antriebsriemen ausgeschaltet ist. Dafür kann man sie aber auch einfach wegwerfen, wenn sie untauglich geworden sind. Sie stehen dann wenigstens nicht unnütz in der Fabrik herum und nehmen neueren brauchbaren Maschinen den Platz weg. Das ist noch der einzige Trost dabei!

IV.

Vermag nun – so fragen wir uns – Rockefeller der Menschheit irgendwie Ersatz zu bieten für die von ihm zertretene Geistesfülle?

Er könnte das nicht und  wäre er ein Goethe, ein Kant oder Plato. Er ist aber Rockefeller, das heißt ein Mann, der die Menschheit um keinen anderen Gedanken bereichert hat als etwa um den, daß man sehr viel Geld haben muß, damit einem sehr viel vergeben werde.

Das haben wir allerdings eigentlich schon längst gewusst. Auch das war uns nichts Neues, daß wer sehr viel Geld verdienen will, ein sehr weites Gewissen braucht. Hier könnte allerdings Rockefellers Größe liegen. Seine Missetaten sind wahrhaft titanisch. Was ist der arme Cesare Borgia gegen ihn? Selbst der große Napoleon, dem etwa fünf Millionen Menschenleben zum Opfer fielen, steht nicht mehr in so ganz schwindelnder Höhe. Rockefeller naht ihm im Siegeszug! Man denke: die halbe Kulturwelt sitzt im Finsteren – für Rockefeller, Hundertausende Arbeiter werden ausgequetscht wie die Zitronen und dann auf die Straße geworfen – für Rockefeller. Hinzukommen die Scharen derer die Für Rockefeller verstümmelt wurden oder verunglückten – wir wissen ja sehr genau, wie es mit dem Arbeiterschutz im „freien“ Amerika Steht. Hinterdrein wankt endlich noch das unheimliche Heer kranker, früh verwahrloster, verdorbener und gestorbener Arbeiterkinder.

V.

Das ist Rockefellers Triumphzug! Man könnte Respekt haben vor solch robustem Gewissen. Wer solchen Taten ins Antlitz schauen kann, der ist wahrhaft noch ein Renaissancemensch. Wir leben aber leider nicht mehr im Zeitalter der Renaissance; Wir leben im Zeitalter des Trusts. Bei uns ist alles verkrustet Selbst die Gewissen sind in das allmächtige System geschäftlicher Rückversicherungen aufgenommen worden. Unser Gewissenstrust heißt Wohltätigkeit. Zu ihr, zum organsierten Gewissensabkauf flieht fast mit Naturnotwendigkeit der Trustmann, wenn er sich erst einmal aus dem Trustbetrieb ausspannte. Er will dann gar nicht sehen, was er angerichtet hat, er will sich vorlügen lassen, er sei ein Wohltäter. Und dabei bleibt nichts, aber auch gar nichts von irgend welcher Größe, keine Geistestat, keine Charakterstärke: ein ganz simpler, pfiffiger Handelsmann schlüpft aus der Maske des Uebermenschen mit aller ihm eigenen, feigen Angst vor den unbekannten Absichten eine übermächtigen Geschäftskonkurrenz – im Jenseits. Und uns bleibt nur das maßlose Staunen darüber, daß diesem Nichts, diesem Uebernichts die halbe Kulturwelt tributpflichtig ist. Wir schütteln den Kopf: eine seltsame Welt, wo solches möglich ist. Wo in aller Welt sind dieses Mannes Verdienste? Und der will jetzt,, nachdem er die brutale Macht des Geldes ausgekostet hat, bis aufs letzte, schlich sich auch noch den Weihrauch, der Menschheitsbeglückern dargebracht wird, um den Raubtierschnabel wehen lassen!

VI.

Man wird fragen: besser noch, Rockefeller gibt das Geld, als daß er es behält. Wir denken anders. Soll das zusammengeraubte Geld nur den Lauf des Geldes nehmen, daß heißt aus der Tasche des einzelnen in die des e i n e n Trusts fließen, wo etwas hängen bleibt, von da in die Tasche des Trustarbeiters wandern und von hier aus in die Tasche des zweiten Trust u. s. w. mit Grazie ad infinitum.

Wir haben völlig genug an einem Eingriff Rockefellers in die Vorsehung an seinem Petroleumtrust, es verlangt uns durchaus  nicht an einem zweiten. Wir erwarten auch gar nichts von Wohltätigkeit aus solchen Händen. Wir halten überhaupt die Wohltätigkeit für einen der bedenklichen Hemmschuhe des sozialen Gewissens. Nichts trägt in höherem Maße zur Massenverdummung bei, als wenn uns eingeredet werden soll, Reichtum und Wohltätigkeit seinen keine Gegensätze. Wer Millionen zusammenraft, der hat daß natürlich nicht durch wohltun vermocht, sondern dadurch, daß andere für ihn gehungert und gedarbt haben, und wenn er sich schließlich mit einem Teile seines Geldes auch nicht den Titel eines Wohltäters erkauft, so ist das absolut keine Veranlassung, Weihrauch zu streuen, sondern an sich etwas höchst gleichgiltiges.

Wohltätigkeit ist fast immer mit Selbstüberhebung verbunden für den, der sie übt, und mit Erniedrigung für den, der sie anzunehmen gezwungen ist. Beide Empfindungen sind unwahr: Der Gebende gibt meist nur einen verschwindenden Teil von dem zurück, um das der Nehmende Betrogen wurde.

VII.

Eine Verwendung von Rockefellers Millionen wäre immerhin noch in Erwähnung zu ziehen. Man gebe das Gels denen zurück, denen es zunächst abgenommen ward: den Arbeitern; man gebe es
d e r Arbeiterorganisation,  in der alle Keime der Zukunft liegen: der Genossenschaft. In ihrem Werkstätten wird heutzutage die einzige Arbeit geleistet, die mit keinerlei Erniedrigung für die arbeitende Person verbunden ist, da diese Arbeit im Auftrag von gleichberechtigten Genossen für deren Bedürfnisbefriedigung geschieht, somit ausgenommen bleibt von der Warenspekulation, dem Ursprung alles Arbeiterelends.

Wenn aber Rockefeller tatsächlich der Genossenschaft seine Millionen anböte, so würden wir den Genossen zurufen:

„Weg von dem Gelde, Genossen! Olet! Wir wollen unsere Zukunft selber aufbauen mit ehrlichem Gelde. Wir wollen kein Almosen, vor allem keine anrüchigen.“

Rockefeller soll sein Geld und seine Schmach für sich behalten! Alle Wohlgerüche Arabiens waschen seine Hand nicht rein.

VIII.

Man ruft uns aber zu: Hat Rockefeller denn nicht gewaltige wirtschaftliche Verdienste? Hat er nicht Arbeit geschaffen für tausende und Abertausende? Nehmen wir an, dem wäre so, wenn auch Rockefellers Laufbahn tatsächlich damit begann, das er zahllose Unternehmungen ruinierte, um sie dan für ein Butterbrot aufzukaufen. Geben wir aber einmal ruhig zu: Rockefeller hat Arbeit geschaffen. Es liegt ja in dem Zusammenspiel der Kräfte auf unserer Erde begründet, daß selbst verheerende Naturereignisse gewissen Nutzen stiften: Wassersnot schafft gute Ernte, Feuersnot schafft Dung. Nichts geht verloren im großen Haushalt der Natur! Indes ist es so ein eigen Ding um das Verdienst des Arbeitgebens. Der arme Teufel von Kuli greift einfach zu, weil er hungert, und dann fesseln ihn Weib und Kind an die Fron und es bleibt ihm nicht einmal Zeit zu dem Gedanken, anderen Erwerb zu suchen. Aber wenn ein Rockefeller Menschen Arbeit gab, so tat er das, weil er eben Menschenarbeit nicht entbehren konnte; zudem erniedrigte er seine Arbeiter zu Maschinen und war sie rücksichtslos auf die Straße, wenn die es wagten, Menschrechte zu beanspruchen, oder wenn sie ihre Arbeitskraft verloren hatten.

Wenn ferner Rockefeller einst einem Prometheus gleich das Licht in die finsteren Hütten brächte, weshalb muß der Arme heute im Dunkel sitzen, weil sein Prometheus noch immer nicht genug bezahlt ist für das Licht?

Nehmen wir also ruhig an, die Natur braucht für ihre uns ewig verschlossenen Ziele auch Rockefeller, so wie Philipp eine Alba brauchte, weswegen bekanntlich Karlos den Phillip nicht eben beneidete; nehmen wir es also an: Wir müssen uns vorläufig damit zufrieden geben, daß es auch Rockefeller auf der Welt gibt. Wir wollen dann aber möglichst wenig an sie erinnert werden. Die Rockefeller sollen ihre Gelder und ihre Schmutzereien für sich behalten. Sie sollen nicht wagen, die Menschheit ein zweitesmal zu verhöhnen, indem sie ihr zumuten, aus Ihren Händen Wohltaten zu empfangen.

Transkription: Werner Nosko

Der Wohltätigkeitstrust

Bericht in Schriftart „Fraktur“

anno-vorschlag_3


Hintergrund:
*Theodor Duimchen war ein deutscher Schriftsteller der am  5. September 1908, im Alter von 55 Jahren, mit seiner Pistole Selbstmord beging. In Büchern wie „Monarchen und Mammonarchen“, „Die Trust und die Kulturmenschheit“ nahm er unter anderen auch Rockefeller aufs Korn.

Im Lichte vorstehender Gedanken des Autors erscheinen die Millionen und Milliarden derer die „Wohltätigkeit“ üben wohl einem anderen Lichte, und diese zugrunde gelegt, erstellen wir mal eine Rangliste den größten skrupellosen Raubtiere der heutigen Zeit (Stand per 30.09.2015):

  1. Platz – Bill Gates. Vermögen: 61 Milliarden. Gespendet: 21,5 Milliarden.
  2. Platz – Warren Buffett. Vermögen: 61 Milliarden. Gespendet: 21,5 Milliarden.
  3. Platz – George Soros. Vermögen: 24,4 Milliarden. Gespendet: 8 Milliarden.
  4. Platz – Azim Premji. Vermögen: 15,9 Milliarden. Gespendet: 8 Milliarden.
  5. Platz – Charles Francis Feeney. Vermögen: 1,5 Millionen. Gespendet: 6,3 Milliarden.

Das Gesamtvermögen der 400 «Forbes»-Milliardäre beläuft sich auf 2,34 Billionen Dollar – 50 Milliarden mehr als 2014. Das Durchschnittsvermögen beträgt 5,8 Milliarden Dollar – ein neuer Rekord. (SDA) (Daten Ende 2015)

Wundert sich da noch jemand?

Teile mit ANDEREN die ANDERE Seite der Medaille:
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  

Verwandte Beiträge

Hinterlasse einen Kommentar