Justizmorde im Dienste des Grubenkapitals

Dieser Bericht beschreibt die Vorgangsweise der Firma Colorado Fuel and Jron CO. gegen streikende Bergarbeiter und wie das „Problem“ gelöst wurde. Unter den Augen und mit Rockefeller himself wurden Gesetze gebrochen, verbogen oder umgangen. Politiker waren dabei willfährige Gehilfen krimineller Machenschaften, die Rockefeller zu seinem „Recht“ der Versklavung seiner Bergleute die mehr Lohn forderten, verhalfen. Die  Opfer wurden plötzlich zu Tätern.


arbeiterzeitung-06061915

Justizmorde im Dienste des Grubenkapitals

(Von unserem Berichterstatter.)

M. New York, 5. Mai

Aus der „Arbeiter Zeitung“ vom 6. Juni 1915

Weil er sich an der Leitung des langwierigen, am 21. September 1913 begonnen Ausstandes der Kohlengräber von Kolorado beteiligte und damit eine Todsünde wider die geheiligte Dividende Rockefellers beging, – wurde John R. Lawson, Mitglied des engeren Vorstandes der United Mine Workers of America (Amerikanischer Bergarbeiterverband), gestern in T r i n i d a d (Kolorado) von einer aus Kreaturen Rockefellers bestehenden, ungesetzlich zusammengesetzten Geschworenenbank des M o r d e s an dem Privatpolizisten Nimmo s c h u l d i g gesprochen und zu l e b e n s l ä n g l i c h e m  Z u c h t h a u s verurteilt. Schon hier sei darauf verwiesen, daß in Kolorado die Geschworenen bei der Bejahung der auf Mord lautenden Schuldfrage zu entscheiden haben, ob auf  Todesstrafe oder lebenslängliches Zuchthaus zu erkennen ist. Mit herausfordernder Frechheit haben die Werkzeuge des Grubenkapitals der arbeitenden Bevölkerung den Fehdehandschuh hingeworfen und mit brutaler Offenherzigkeit zu erkennen gegeben, daß die Arbeiter und ihre Führer, sobald sie dem Unternehmergewinn allzu unbequem sind, für vogelfrei erklärt werden.

Lawsons Verurteilung leitete eine neue Aera der Rechtspflege ein, sie ist noch viel skandalöser als die Louis Z a n c a n e l l i s, der sich gleichfalls während des Ausstandes der Rockefellerschen Grubensklaven in Kolorado gegen den Mordversuch eine Privatpolizisten namens Belcher verteidigte, der in Notwehr seinen Angreifer tödlich verwundete und vor vierzehn Tagen in Trinidad zum T o de  d u r c h  d e n  G a l g e n verurteilt wurde.

Zancanelli war wenigstens am Orte der Tat, hat wenigstens die Kugel abgefeuert, die sein Leben vor der Blutgier eines gedungenen Mordbuben schützte. Im Falle Zancanelli konnte eine feile Justiz wenigstens heucheln, daß sie allen Ergebnissen des Beweisverfahrens zum Trotz annehme, der Angeklagte sei der Angreifer, nicht der Angegriffene gewesen. Dagegen hat die Anklage noch nicht einmal angedeutet, viel weniger behauptet oder gar bewiesen, daß Lawson bei dem Zusammenstoß, bei dem Nimmo fiel, zugegen war oder auch nur in der Nähe weilte, daß er im voraus von dem Kampf wusste, daß er die streikenden zum Widerstand gegen den übrigens durchaus ungerechtfertigten Überfall durch die Privatpolizei der Rockefellerschen Colorado Fuel and Jron CO. (Heizmaterial= und Eisengesellschaft) aufgefordert oder auch nur indirekt ermuntert hätte. Aber Lawson war an der Leitung des Streiks im Zechenrevier von Südkolorado beteiligt. Er wagte es, die Bergleute zur Fortführung des Lohnkampfes aufzufordern, so das Rockefellers Bergwerke teils völlig stillagen, teils mit Verlust arbeiteten. Darum wurde er von der berüchtigten Justiz Kolorados als Opfer ausersehen.

Schon einmal – es war vor drei Jahren – wurde der Versuch unternommen, die Leiter eines Lohnkampfes für alle mit dem Streik irgendwie im Zusammenhang stehenden Vorkommnisse verantwortlich zu machen. In der Weberstadt L a w r e n c e (Massachusetts) sank damals während des großen Textilarbeiterstreiks eine ausständige Arbeiterin, von der Kugel eines Polizisten getroffen, tot zu Boden. „Das Blut der schuldlosen Frau über euch!“ heulte die vom Wollentrust ausgehaltene Ordnungsmeute den Streikführer Carlo T r e s c a und Arturo G i o v a n n i zu. In Massachusetts hatten die Geschworenen trotz der leidenschaftlichen Appelle an ihren Klasseninstinktkein Verständnis für die justizmörderische Rabulistik einer knechtseligen Anklagebehörde. Tresca und Giovanni wurden f r e i g e s p r o c h e n. Die Profitgier des Unternehmertums verlor das Spiel aber nur, um es nun in Kolorado, dem Eldorado der zügellosesten großkapitalistischen Willkür, von neuem zu versuchen.

Hier war die Aussicht auf Erfolg von vorneherein besser; zudem wurden noch mit systematischer Gründlichkeit die besonderen Vorbereitungen getroffen. Hat doch das vom Kongreß (Bundesparlament) Anfang des letzten Jahres eingesetzte parlamentarische Comité festgestellt, daß R o c k e f e l l e r eine sozusagen u n b e s c h r ä n k t e  H e r r s c h a f t über das Kohlerevier von Südkolorado ausübt, da ß  a l l e  d o r t i g e n  B e h ö r d e n seine g e f ü g i g e n  W e r k z e u g e sind! Mußte doch der demokratische Repräsentant (Bundesabgeordneter) K e a t i n g von Kolorado, welcher als engerer Landsmann und Parteifreund des demokratischen Gouverneurs Ammons dessen Gebaren zu beschönigen suchte, nachdem stenographischen Parlamentsbericht zugeben:

Es ist entsetzlich wie verkehrt die  Regierung Kolorados handelte. Das Verhalten des Gouverneurs Ammons läßt sich nun einmal nicht rechtfertigen. Es war unverantwortlich, die M i l i z  d e n  B e a m t e n  R o c k e f e l l e r s  b e d i n g u n g s l o s  z u r  V e r f ü g u n g  z u  s t e l l e n und zu der gleichen Aufgabe verwenden zu lassen, wie sie die gedungenen Mörderbanden in Westvirginia (Anspielung auf die Schreckensherrschaft während des westvirginischen Kohlengräberstreiks) zu erfüllen hatten. Ich habe hier den im September 1913 von den Bundesgroßgeschworenen über die im Kohlerevier von Kolorado herrschenden Zustände erstatteten Bericht. Die Bundesgroßgeschworenen sind nicht arbeiterfreundlich. Und doch mußten sie schreiben, daß die S t a a t s g e s e t z e  e i n s e i t i g  g e g e n  d i e  A r b e i t e r  angewendet werden, aber, soweit sie im Interesse der Arbeiterschaft erlassen sind, tote Buchstaben bleiben. In den Counties (Bezirken) Huerfani und Las Animas ist Rockefeller allmächtig. D i e  g a n z e  R e g i e r u n g s m a s c h i n e r i e  w i r d   v o n   i h m  k o n t r o l l i e r t. In diesem Teile Kolorados herrscht schrankenlose Willkür.

Und in einer am 26. April in Denver, Hauptstadt Kolorados, von den dortigen aus Anhängern der bürgerlichen Parteien bestehen Friedensgesellschaft veranstalteten, von sechstausend Personen besuchten Versammlung wurde einstimmig folgende Resolution angenommen:

„Wir brandmarken den Gouverneur Ammons und den Vizegouverneur Fitzgerald als Verräter an der Sache des Volkes als Mitschuldig an dem bei Ludlow sogar a n   K i n d e r   u n d   S ä u g l i n g e n   v e r ü b t e n   M a s s e n m o r d und fordern die Einleitung des Amtsentsetzungsverfahrens gegen beide. Wir verlangen, das der Major Hamrock, der Lieutenant Linderfeldt und die übrigen an der Niederbrennung des Zeltlagers bei Ludlow beteiligten Milizoffiziere wegen Mordes in Anklagezustand versetzt und prozessiert werden.“

Und zwanzig Milizoffiziere, die ohne jeden Schimmer auch nur eines Vorwandes den Angriff auf das Zeltlager der von der Zechenverwaltung auf das Pflaster geworfenen Bergleute befohlen und damit v i e r z i g f a c h e   B l u t s c h u l d auf sich geladen hatten, wurden in Anklagezustand versetzt, wurden prozessiert, a b e r   n i c h t   v o r   d e n   o r d e n t l i c h e n   G e r i c h t e n, sondern, um ganz sicher zu gehen, vor einem K r i e g s g e r i c h t, d a s   d i e   u n i f o r m i e r t e n  S c h a n d b u b e n   mit   Ausnahme L i n d e r f e l d t s   f r e i s p r a c h und diesem, der sich brüstete, dem wehrlosen, gefangenen Bergmann Tikes mit dem Gewehrkolben den S c h ä d e l  z e r t r ü m m e r t zu haben, als „Strafe“ die Z u r ü c k v e r s e t z u n g hinter fünf Hintermänner zumaß.

Die Posse vor dem Kriegsgericht war bestimmt, der Verurteilung von 105 Bergleuten, die nach der Freisprechung der Milizoffiziere wegen Mordes in Anklagezustand versetzt wurden, die Bahn zu ebnen. Waren die Angreifer unschuldig, so mußte eben die andere Partei schuldig sein. Und überdies konnten nun Lindenfeldt und seine Spießgesellen bei der ja schon im voraus geplanten Prozessierung der streikenden als vollwichtige Zeugen vernommen werden. Als der Richter MacHendrie wegen anerkannter Befangenheit nicht mehr den Vorsitz bei den Verhandlungen gegen die ausständigen Bergleute führen konnte, wurde auf Antrag des Staatssenator Jeff Farr (eines im Solde Rockefellers stehenden Politikers) eine neue Richterstelle geschaffen und auf Rockefellers verlangen mit Grandby J. H i l l y e r, einem Anwalt des Zechenverbandes, besetzt. Obwohl es in Kolorado nicht geraten ist, wider den Stachel der Kohlenbarone zu löten, protestierten sogar republikanische und demokratische Zeitungen anläßlich der Ernennung Hillyers zum Richter gegen die beabsichtigte Schändung der Rechtspflege, da Hillyer die Aufgabe habe, die angeklagten Bergleute ohne Rücksicht auf den Tatbestand dem Galgen oder dem Zuchthause zu überantworten.

Hillyer lehnte denn auch getreu den ihm erteilten Weisungen den Antrag, die Verhandlung an eine anderes Gericht zu verweisen, ab, o b w o h l   d i e   V e r u r t e i l u n g   L a w s o n s   i n   T r i n i d a d   v o n   v o r n e   h e r e i n   f e s t s t a n d, weil alle auf die Geschworenenliste gesetzten Bürger Kreaturen der Rockefellerschen Colorado Fuel an Iron Co. sind. So setzte sich die G e s c h w o r e n e n b a n k, die Lawson schuldig sprach, aus d r e i  P r i v a t p o l i z i s t e n der Zeche, aus einem Zechenarzt, aus einem Manne, der vor Beginn der Hauptverhandlung auf sie Verurteilung Lawsons gewettet hatte, und sechs anderen gleich „unabhängigen“ Männern zusammen, der Existenz ganz und gar vom Wohlwollen der Colorado Fuel and Iron CO. abhängt. Die Liste der Geschworenen, aus denen die Geschworenenbank ausgelost wurde, war für den besonderen Fall eigens und unter V e r l e t z u n g   d e r   g e s e t z l i c h e n  V o r s c h r i f t e n zusammengesetzt. Ueber die begründete Ablehnung von Geschworenen durch die Verteidigung ging Hillyer schlankweg zur Tagesordnung über. Wesentliche E n t l a s t u n g s b e w e i s e  w u r d e n  n i c h t  z u g e l a s s e n. Galt es doch, um jeden Preis den Zweiten der 105 des Mordes angeklagten Bergleute schuldig sprechen zu lassen! Zweimal hat die Anklagebehörde eine Verurteilung erzielt. Nun, da auch Lawson schuldig befunden ist, haben die andren 103 angeklagten nur geringe Aussicht freizukommen; nun ist auch für das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten der Präzedenzfall geschaffen, daß ein Gewerkschaftsbeamter des Mordes schuldig erkannt werden kann, wenn Ausständige sich nicht ruhig von Privatpolizisten abschlachten lassen, sondern zur Wehr setzen und dabei einer der gedungenen Mordbuben ums Leben kommt. Unsere Rechtsprechung richtet sich bekanntlich mehr nach Präzedenzfällen als nach dem Wortlaut des Gesetzes.

Das Schicksal der angeklagten Bergleute war besiegelt, als die Arbeiterschaft von Kolorado im November 1914 zwar die Niederlage der dortigen Demokraten herbeiführte, aber dafür den nicht minder arbeiterfeindlichen Republikanern in den Sattel half. Das Reingewerkschaftertum mit seiner Schwanzpolitik, die im Wesen im Betteln bei den verschiedenen kapitalistischen Parteien besteht, ist mitverantwortlich für die von Rockefellers Bluthunden eingeleitete neue Epoche brutalsten, in die Form der Rechtspflege  gekleideten, mit dem Galgen arbeitenden Knechtung des werktätigen Volkes. „Rote“ Stimmzettel wären von den Gewalthabern als Menetekel aufgefaßt und wahrscheinlich auch beherzigt worden. Die Einlegung der noch möglichen Revision und die geplante Einleitung einer Protestbewegung sind Maßregeln von recht fraglichem Wert.

Transkribiert von: Werner Nosko

Justizmorde im Dienste des Grubenkapitals

Bericht in Schriftart „Fraktur“

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Hintergrund

john_d-_rockefeller_jrInsbesondere John D. Rockefeller, Jr. wurde von den Zeitungen für die Ausbeutung der Arbeiter verantwortlich gemacht. Er engagierte daraufhin den PR-Fachmann Ivy Lee und investierte große Summen, um sein Image zu verbessern. Dies gilt als Geburtsstunde der Corporate Public Relations. In der Folge brachte er große Teile des Familienvermögens in die schon 1913 gegründete Rockefeller-Stiftung ein und stellte es damit für wohltätige Zwecke zur Verfügung.

Weitere Information zum Thema siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Ludlow-Massaker

 

Hinweis: Im nächsten Beitrag „Der Wohltätigkeitstrust„aus dem Jahre 1910 wird beleuchtet wie das so ist, mit Superreichen und Ihrer „Wohltätigkeit“!

 

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