Die Berechnung der Unberechenbarkeit

Propheten und ihre Diagramme – das Ende des Kapitalismus naht?
Seine langen und kurzen Wellen bescherten Kondratjew (russischer Wirtschaftswissenschafter der vorigen Jahrhundertwende) kein langes Glück in seiner Heimat „Väterchen Frost“. Er wurde in noch relativ jungen Jahren nach ziemlich fadenscheinigen Verurteilungen zuerst inhaftiert und später dann erschossen. Obwohl er alles andere als ein politischer Feind des Sowjetreiches war.

Er hat halt errechnet, dass der Kapitalismus nicht sterben, sondern sich zyklisch immer wieder von seinen „Erkrankungen“ erholen wird. Das wollte man einfach nicht hören! Vergleichsweise ist es, als würde man als überzeugter Katholik die umgekehrte Meinung sich gebildet haben, dass Jesus Christus für immer und ewig am Kreuze verstarb und nicht auferstand, sein Vater sich „vom Schock erholte“ und bis heute wieder „allein herrschender“ Gott sei; es wäre die Aufhebung des Neues Testaments.

In Russland versuchte man nach der erfolgreichen Oktoberrevolution das Ende des systempolitischen Feindes vorauszuberechnen. Statt das  revolutionäre Konzept weiter auszuarbeiten, statt Bildung, Aufklärung und die Öffnung voranzutreiben, allein schon um dümmliche Klischees aus dem Westen zu unterlaufen, hoffte man lieber auf die Selbsttötung des Kapitalismus. Ein Slogan dahingehend lautete sinngemäß mal: „Wir werden ihnen noch den Strick verkaufen, worauf sie sich aufhängen…“

Doch Machtgiersysteme nach dem Motto „Ich kauf mir die Welt“ sind hartnäckiger als erhofft. In Wahrheit standen sich damals bis zu den Zähnen bewaffnete Machtapparate gegenüber. Kapitaldiktatur versus Parteidiktatur. Obwohl die erstere sicherlich die skrupelloseste, höchst zynische und widernatürlichste ist. Die andere ist im notwendigen Entwicklungsprozess durch die rigorose Einparteienregierung vorerst ins Stocken geraten und hat sich erst nach dem kalten Krieg, trotz gefährlichem, territorialem Verlust, langsam begonnen sich weiterzuentwickeln.

Der Begriff Kapitalismus hat, wie schon öfter analysiert, etymologisch gesehen ja keine politisch relevante Aussage und verdeckt den Focus auf das, was dahinter steht und wirkt: Faschismus, Imperialismus, Wirtschaftsliberalismus auf der einen Seite und Sozialismus, Kommunismus auf der anderen. Egal, mathematisch ambitionierte Politikwissenschaftler versuchen auch heute anhand ihrer Berechnungen oder existierenden Berechnungsvorlagen Wirtschaftsauf- und -abschwünge, Krisen und Hochkonjunkturen, Progressionen, Degressionen und Stagnationen vorauszusagen. Aha. Wie unheimlich wichtig… Und wie oft mussten Vorhersagen korrigiert werden?

Paul Mason in seinem so hoch gepriesenen Werk Postkapitalismus verkapriziert sich so in der ersten Hälfte auf Berechnungsarten von vermeintlichen Zyklen, Perioden, sich wiederholenden Phänomenen, von Wellensystemen ineinander greifender kurzer wie langer Wellen. Gut. Kurz gesagt, geht es um das Erforschen einer erkennbaren Rhythmik mit der hypothetischen Frage, ob man damit das Ende des Kapitalismus vorausberechnen kann. Da ergebe sich noch schnell so manch persönlicher Profit, auf welcher Ebene auch immer.

Alle besonders eifrigen Rechenkünstler vergessen immer wieder die unzähligen X-Faktoren und ihre „mystische“, niemals exakt vorhersehbare Konstellationsdynamik. Die zeichnet sich aus durch Spontaneität und Flexibilität, durch ihr wechselweise „launenhaftes“ Zusammenspiel und durch ihr kumulierendes Wirken. Mir kommt es so vor, als wolle man, symbolisch ausgedrückt, schlauer als Gott sein. Das versuchen sehr wohl auch die Neoliberalbesessenen, das Konsumentenverhalten auszurechnen, vorzukalkulieren, ein Diagramm bis in die ferne Zukunft zu entwerfen. Wie lächerlich…

Alle universitären Ökonomen auf allen politischen Seiten einer Gesellschaftsmodellierung geben sich leidenschaftlich komplizierten, mühsamen Kalkulationen hin, suchen den magisch roten Faden und… haben am Ende für uns alle nichts erreicht, schon gar nicht selbst etwas verstanden. Was diese Plage bleibt, ist eine, oft viel zu hoch bezahlte Beschäftigungstherapie für Schreibtischverliebte.

 

Das Schicksal des fixierten Theoretikers ist eben das Theoretische als geistiges Gefängnis.

Paul Mason spricht von der überlebenswilligen Anpassungsfähigkeit des Systems Kapitalismus und da kann ich ihm nicht mehr folgen. Als würde der Kapitalismus, vom Menschen abgekoppelt, als Organismus agieren und den armen Menschen vor sich her treiben. Das Kapital ist Schöpfung des Menschen und nur er kann oder will es lenken. Kapitalismus per „gewöhnliche“ Definition ist etwas rein Künstliches, ein geistiges Konstrukt und die Weltwirtschaftskrisen, die nachweislich die Reichen noch mehr füttern, werden somit künstlich eingeleitet. Diese Dynamik hat mit  beobachtbaren Naturgesetzen, die Erkenntnisressource für die Zukunft (z.B. Bauernkalender), rein gar nichts zu tun, auch wenn da manche Experten Zusammenhänge sehen. Was der Punkt ist und viel wichtiger, dass wir das Prinzip von Ursache und Wirkung endlich begriffen haben sollten:

Lade ich ein Schiff nur auf einer Längsseite, wird es beim Auslaufen Schlagseite bekommen und sinken. Selbiges gilt, wenn ich mein Boot bei Wellengang nicht bugseitig in die Wellen stelle. Wenn eine Regierung sein Volk zu lange ausbeutet, folgerichtig den Widerstand, die Verweigerung und den Krieg provoziert. Wenn ich Gewalt säe, sie ebenso ernten werde. Mache ich Krieg draußen, ernte ich Flüchtlinge drinnen. Wenn ich AKWs baue, beschwöre ich gleichzeitig ein tausendjähriges Problem herauf. Wenn ich auf eine Stadt Bomben werfe gibt es nicht nur Schutt und Asche, sondern viele Tote. Was muss ich da noch hin und her rechnen?

Wer kann wirklich und seriös voraussagen, wann es soziale Krisen irgendwo geben wird, es gibt Völker, die aufgrund kultureller Prägungen (Gewaltregime) „leidensfähiger“, zumindest geduldiger sind, dann wieder gibt es eher „cholerische“, hitzköpfigere, impulsivere, temperamentvollere Völker (denken wir an die Zeit der Französischen Revolutionen)… Wie auch immer man kollektiv auftretende Phänomene benennen will. Es gibt so viel an geologischen, geographischen und historisch-kulturellen Einflüssen, die aber durch den permanent evolutionären Geist und die globale Vernetzung schnell aufgehoben werden können – auch so ein Faktor X – Gott sei Dank!!! Jede und jeder von uns ist so ein X-Faktor, weil wir emotionale Wesen sind, oder? Darum:

 

Das generelle Dilemma von Berechnungen und statistische Erhebungen einer beweglichen, lebendigen Masse:

„Im Licht der Öffentlichkeit“ reagieren Menschen selten authentisch. Da tritt der „Prüfungseffekt“ ein! Da will keiner so recht auffallen oder als Dumm-August dastehen. Wir haben doch brav in der Schule gelernt, das zu sagen, was der Lehrer hören will, ist es nicht so? Das genau ist das Dilemma politisch angelegter Studien, die noch dazu selten in die Breite (Masse) gehen. Da werden paar 100 Teilnehmer, vielleicht mal Tausend, selektiert und befragt und aufgrund derer Informationen ein trügerischer Schluss auf die Allgemeinheit gezogen. Was hindert aber Politiker ebenso wie Politikwissenschaftler „raus zu gehen“ und sich selbst ein Stimmungsbild vom Volk zu machen? Sich einfach ungezwungen „unter die Leut’ mischen“. Das geht sehr wohl wenn man will… und es braucht halt seine Zeit…

Was sind wir Leut’ denn?

Da bin ich und beobachte Ameisen, wie sie fleißig, der gelegten Duftspur folgend, ihren Staat versorgen, wie sie verletzte Tiere heim transportieren… meine Freundin und ich bewundern Wespen, wie sie unermüdlich Schinkenstückchen zum Abtransport ins Nest für die Brut herausschneiden und eigentlich sehr friedlich sind, wenn man nicht hysterisch herumfuchtelt; oft führe ich sie auf meinem Finger zu den Leckerbissen und jedes dieser Einzeltiere hat trotz Staatenbildung seinen Charakter, seine Persönlichkeit.

Diese Tiere haben so unendlich kleine Gehirne, winzige, neurobiologische Chips wenn man will, und wir mit unserem riesigen Denkapparat verhalten uns grotesk bis dumm, nämlich, im Großen Kontext gesehen, asozial!!! Wir sind im Begriff unseren Planeten und uns selbst zu zerstören und wenden dafür unheimlich viel Zeit und Mühe und Material auf, opfern uns regelrecht dafür auf… kann man da von Intelligenz sprechen oder davon, das wir „über“ den Tieren stehen?

Wir, wir Menschen, wir wollen tatsächlich die Welt berechnen und dadurch steuern, unsere Mutter Erde und ihr verändertes Weltklima, unsere Galaxie, den Kosmos? Kannst du die Schönheit eines honiggelben Nachmittaglichts im Spätsommer in Zahlen fassen? Wir können nur durch Erfahrung feststellen, dass es eben dann auftritt; solange all die Voraussetzungen dazu  konstant bleiben. Nur unsere spirituelle Sensorik ist in der Lage zu begreifen, weil es sich inkludiert, nicht abhebt, weil es sich von all dem „atmen“ lässt, wie es im Geist der japanischen Bogenschützen ausgedrückt wird; es ist die geistige Fähigkeit zur Auflösung im Großen Ganzen. Aus diesem „grenzenlosen“ Bewusstsein wuchs sicherlich auch dieser Grundsatz:

„Bevor du etwas tust, frage dich, warum du es tust und ob es für alle zum Besten gereichen würde!“

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