Gespenstisches Schweigen über einen Neuen Weltkrieg

Während sich die US-Regierung in einen Krieg mit dem nuklear bewaffneten Russland und/oder China stürzt, gibt es eine beunruhigende Stille – oder einen zermürbendenden Konsens – in Bezug auf die mögliche Auslöschung der menschlichen Existenz, wie John Pilgers beobachtet. Und Im Baltikum haben seit dem Wochenende die groß angelegten NATO-Übungen unter dem Codenamen „Saber Strike 2016“ („Säbelschlag 2016“) mit 10.000 Soldaten begonnen.

In diesem Wahljahr bin ich in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt. Und die Stille hat mich umgehauen. Ich habe über vier Präsidentenwahlkämpfe berichtet, angefangen 1968. Ich war in der Nähe von Robert Kennedy als er erschossen wurde und ich sah seinen Attentäter, als sich dieser auf die Ermordung vorbereitete. Das war meine Taufe auf die amerikanische Art, zusammen mit der geifernden Gewalt der Chicagoer Polizei beim getürkten Nominierungsparteitag der Demokratischen Partei. Die große Gegenrevolution hatte begonnen.

Der erste, der in jenem Jahr ermordet wurde, war Martin Luther King jr. Er hatte es gewagt, das Leid der Afro-Amerikaner mit dem Leid Vietnams zu verknüpfen. Als Janis Joplin sang „Freedom’s just another word for nothing have to lose“, da sprach sie vielleicht unbewusst von den Millionen Opfern Amerikas an weit entfernten Orten.

„Wir haben in Vietnam 58.000 junge Soldaten verloren und sie starben um unsere Freiheit zu verteidigen. Vergessen Sie das nicht.“ Das sagte ein Wächter des National Park Service, als ich letzte Woche beim Lincoln Memorial in Washington drehte. Er hatte sich an eine Schulklasse gewendet, junge Teenager mit leuchtend orangenen T Shirts. Wie auswendig gelernt kehrte er die Wahrheit über Vietnam in eine unwidersprochene Lüge um.

Die Millionen von getöteten und verwundeten Vietnamesen, die Vergifteten und durch die amerikanische Invasion Entwurzelten haben in den Köpfen der Jungen keinen historischen Platz, auch nicht die geschätzt 60.000 Veteranen, die sich das Leben genommen haben. Ein Freund von mir, ein Marine, der in Vietnam querschnittsgelähmt wurde, wurde oft gefragt: „Auf welcher Seite haben Sie gekämpft?“

ConNews_Pilgerww31Vor einigen Jahren habe ich eine beliebte Ausstellung besucht, sie fand im ehrwürdigen Smithsonian Institut in Washington unter dem Titel „Der Preis der Freiheit“ statt. Eine Schlange aus gewöhnlichen Menschen, die meisten davon Kinder, schlurfte durch eine heilige Grotte des Revisionismus. Sie bekamen eine ganze Palette an Lügen serviert: Die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki hätten „eine Million Menschen“ gerettet. Der Irak wurde durch Luftschläge ungeahnter Präzision befreit“. Das Thema war unfehlbar heldenhaft: nur Amerikaner bezahlen einen Preis für die Freiheit.

Keine Debatte zu den endlosen Kriegen

Die Wahlkampagne 2016 ist nicht nur wegen des Aufstiegs von Donald Trump und Bernie Sanders erstaunlich, sondern auch wegen des hartnäckigen Schweigens über eine mörderische, selbsterklärte Göttlichkeit. Ein Drittel aller Mitglieder der Vereinten Nationen haben den Stiefel Washingtons gespürt, den Umsturz ihrer Regierungen, die Unterwanderung der Demokratie, die Auferlegung von Blockaden und Boykotten. Die meisten der verantwortlichen Präsidenten waren liberal – Truman, Kennedy, Johnson, Cartee, Clinton, Obama.

Die atemraubende Bilanz der Niederträchtigkeit ist im öffentlichen Bewusstsein dermaßen mutiert, dass der verstorbene Harold Pinter schrieb: „Nichts ist passiert…Nichts ist jemals passiert. Sogar während es passierte, ist es nicht passiert. Es war egal. Es hatte keine Bedeutung. Es war unerheblich.“

Pinter drückte eine gespielte Bewunderung dessen aus, was er „eine ziemliche klinische Manipulation der weltweiten Macht“ nannte, „die sich als eine Kraft für das universell Gute ausgibt. Das ist eine brillante, sogar originelle, höchst erfolgreiche Art der Hypnose.“

ConNews_Pilgerww32Beispiel Obama. Er dreht seine Ab­schluss­runden und die Kriecherei beginnt von neuem. Er ist „cool“. Einer der gewalt­tä­ti­geren Präsidenten, Obama hat dem Kriegsapparat seines verrufenen Vor­gän­gers im Pentagon die Macht end­gültig über­tragen. Er hat mehr Whistle­blower – Menschen, die die Wahr­heit sagen – verfolgt, als alle seine Vor­gänger. Er hat Chelsea Manning für schuldig befunden, bevor sie vor Gericht gestellt wurde. Heute betreibt Obama eine nie dagewesene, weltweite Kampagne des Terro­rismus und des Drohnenmordes.

2009 versprach Obama, „der Welt bei der Abschaffung der Atomwaffen“ zu helfen, und bekam dafür den Friedensnobelpreis. Kein amerikanischer Präsident hat mehr nukleare Sprengköpfe bauen lassen als Obama. Er „modernisiert“ Amerikas Untergangsarsenal, darunter eine neue „Mini“ Nuklearwaffe, deren Größe und „smarte“ Technik sicherstellt, dass sie nicht länger undenkbar“ sei, sagt ein führender General.

James Bradley, Bestsellerautor von „Flags of Our Fathers“ und Sohn eines US-Marines, der über Iwo Jima die Flagge hisste, sagte: „Eines der großen Märchen, das sich vor uns abspielt, ist, dass Obama als eine Art friedlicher Kerl dargestellt wird, der die Atomwaffen loswerden will. Er ist der größte Atomkrieger da draußen. Er hat uns zur Ausgabe einer Billion Dollar für noch mehr Atomwaffen genötigt. Die Menschen leben irgendwie in dieser Trugwelt, nur weil er unverbindliche Pressekonferenzen und Reden abhält und nette Fototermine; sie denken, dass das etwas mit tatsächlicher Politik zu tun hätte. Hat es nicht.“

Obamas Vermächtnis

Unter Obama entwickelt sich ein zweiter Kalter Krieg. Der russische Präsident ist ein pantomimischer Schurke; die Chinesen sind noch nicht ganz wieder die Stumpfnasen-Karikaturen – wie zu der Zeit, als alle Chinesen aus den USA verbannt wurden – aber die Medienkrieger arbeiten daran.

ConNews_Pilgerww33Weder Hillary Clinton noch Bernie Sanders haben etwas davon erwähnt. Es gibt für die Vereinigten Staaten und uns kein Risiko und keine Gefahr. Für sie ist die größte militärische Aufstockung an der Grenze Russlands seit dem Zweiten Weltkrieg nicht passiert. Am 11. Mai wurde Rumänien „aktiv“ mit einer NATO „Raketenabwehr“-Basis, die die Fähigkeit zu einem Erstschlag mit amerikanischen Raketen ins Herz Russlands stärkt, der zweitgrößten Atommacht.

In Asien schickt das Pentagon Schiffe, Flugzeuge und Spezialkräfte auf die Philippinen, um China zu bedrohen. Die USA umzingeln China bereits mit Hunderten von Militärstützpunkten, das reicht in einem Bogen von Australien nach Asien und quer durch Afghanistan. Obama nennt es einen „Pivot“ (Dreh- und Angelpunkt / Schwenk).

Als direkte Folge dessen, hat China nach Berichten seinen Atomwaffenstatus von „kein Ersteinsatz“ auf „roter Alarm“ gesetzt und die U-Boote mit den Nuklearwaffen sind auf hoher See. Die Eskalation nimmt zu.

Es war Hillary Clinton in ihrer Rolle als Außenministerin 2010, die die Territorialstreitigkeiten um ein paar Felsen und Riffe im Südchinesischen Meer zu einer internationalen Angelegenheit machte. Darauf folgte die Hysterie von CNN und BBC. China baute Landebahnen auf den umstrittenen Inseln. Mit ihrem riesigen Kriegsmanöver „Operation Talisman Sabre 2015“ probten die USA die „Strangulierung“ der Straße von Malakka, durch die der meiste Handel und das meiste Erdöl Chinas läuft. Das waren keine Nachrichten.

Clinton verkündete, Amerika habe in diesen asiatischen Gewässern „nationale Interessen“. Die Philippinen und Vietnam wurden dazu ermuntert und bestochen, ihre Ansprüche und alten Rechnungen mit China anzumelden. In Amerika werden die Menschen darauf getrimmt, jede chinesische Verteidigungsposition als offensiv zu betrachten. Damit ist der Grundstein für eine schnelle Eskalation gelegt. Eine ähnliche Strategie aus Provokation und Propaganda wird gegen Russland gefahren.

Der „Feminismus“ blutiger Umstürze

Clinton, die „Kandidatin der Frauen“, hinterlässt eine blutige Spur an Umstürzen: in Honduras, in Libyen (inkl. Ermordung des libyschen Präsidenten) und Ukraine. Letzteres ist jetzt ein Themenpark der CIA, verseucht mit Nazis und Frontlinie für einen aufziehenden Krieg mit Russland. Es war die Ukraine – wörtlich Grenzland – über die Hitlers Nazis die Sowjetunion überfielen. Mit 27 Millionen Toten. Diese epische Katastrophe bleibt in Russland präsent. Clintons Präsidentenwahlkampf wurde – mit einer Ausnahme – von den zehn größten Rüstungskonzernen der Welt finanziell unterstützt. Kein Kandidat konnte da annähernd mithalten.

ConNews_Pilgerww34Sanders, die Hoffnung vieler junger Amerikaner, unterscheidet sich in seiner besitzergreifenden Sicht auf die Welt außerhalb der USA kaum von Clinton. Er hat die illegale Bombardierung Serbiens durch Bill Clinton unterstützt, die Provokation Russlands und die Rückkehr der Spezialkräfte (Todesschwadronen) in den Irak. Er schweigt zu dem drohenden Getrommel gegen China und der zunehmenden Gefahr eine Atomkriegs. Er stimmt zu, dass Edward Snowden vor ein Gericht gehört und er nannte Hugo Chavez – wie er ein Sozialdemokrat – „einen toten kommunistischen Diktator“. Er verspricht im Falle ihrer Nominierung die Unterstützung Hillary Clintons.

Eine Wahl von Trump oder Clinton ist die alte Illusion, dass man eine Wahl habe: zwei Seiten der selben Medaille. Mit seinen Anschuldigungen gegen Minderheiten und seinem Versprechen „Amerika wieder groß zu machen“ ist Trump ein Rechtsaußen inländischer Politik. Dennoch könnte Clinton für die Welt noch tödlicher sein.

„Nur Donald Trump hat zur Außenpolitik etwas mit Inhalt und Kritik geäußert,“ schrieb Stephen Cohen, Professor emeritus für russische Geschichte an der Princeton Uni und der NYU, einer der wenigen Russlandexperten in den USA, der über das Risiko von Krieg sagt.

In einer Radiosendung bezieht sich Cohen auf die kritischen Fragen,die Trump aufgebracht hat. Darunter die Fragen: Warum sind die USA überall auf dem Globus? Was ist der wahre Zweck der NATO? Warum verfolgen die USA ständig Regimewechsel, im Irak, in Syrien, Libyen und der Ukraine? Warum behandelt Washington Russland und Wladimir Putin wie einen Feind?

Die Trump-Hysterie

Die Hysterie in den liberalen Medien zu Trump dient der Illusion einer „freien und offenen Debatte“ und „gelebter Demokratie“. Seine Ansichten über Moslems und Einwanderer sind grotesk, jedoch ist der Oberdeporteur der schutzlosen Menschen aus Amerika nicht Trump sondern Obama. Sein Verrat an der farbigen Bevölkerung ist sein Vermächtnis: So wie die Lagerhaltung einer zumeist schwarzen Gefängnispopulation, deren Anzahl höher liegt als die in den Gulags von Stalin.

In diesem Präsidentschaftswahlkampf geht es vielleicht nicht um Populismus, sondern um den amerikanischen Liberalismus, eine Ideologie, die sich als modern und damit als überlegen sieht. Und als den einzigen Weg. Die an ihrem rechten Rand gleichen den christlichen Imperialisten des 19. Jahrhunderts, mit ihrer gottgegebenen Pflicht zur Bekehrung oder Eingemeindung oder Eroberung.

In Britannien nennt man das Blairismus. Der christliche Kriegsverbrecher Tony Blair ist mit seiner geheimen Vorbereitung für eine Invasion des Irak davongekommen, hauptsächlich weil die liberale politische Klasse und die Medien seinem „Cool Britannia“ erlegen sind. Im Guardian war der Applaus ohrenbetäubend, man nannte ihn „mystisch“. Die als „Gruppeninteressenpolitik“ bekannte Ablenkung, die aus den USA importiert wurde, hat er geschickt ausgenutzt.

Es wurde das Ende der Geschichte ausgerufen, der Klassenkampf wurde abgeschafft und der Genderismus als Feminismus verkauft. Jede Menge Frauen wurden zu Parlamentsangehörigen von New Labour. An ihrem ersten Tag im Parlament stimmten sie für die Kürzung der Zuschüsse für Alleinerziehende, hauptsächlich Frauen, so wie man es ihnen befahl. Eine Mehrheit stimmte für eine Invasion in den Irak, was 700.000 irakische Frauen zu Witwen machte.

ConNews_Pilgerww35Das Gegenstück in den USA sind die politisch korrekten Kriegshetzer der New York Times, der Washington Post und den TV-Sendern die die politische Debatte dominieren. Ich sah auf CNN eine erhitzte Debatte über die Seitensprünge von Trump. So einem Mann kann man natürlich nicht das Weiße Haus anvertrauen, sagten sie. Um Themen ging es nicht. Kein Wort zu den 80% der Amerikaner, deren Einkommen auf das Niveau der 1970er geschrumpft ist. Kein Wort über das Kriegstreiben.

Die Lehre scheint zu sein: „Halte die Nase zu“ und wähle Clinton! Jeden, nur nicht Trump. Auf diese Weise hält man das Monster auf und bewahrt ein System, das scharf ist auf einen weiteren Krieg.


John_PilgerJohn Pilger (* 9. Oktober 1939 in Sydney, Australien) ist ein australischer Journalist und Dokumentarfilmer. Von 1963 bis 1986 war Pilger Leiter der Auslands­redaktion des „Daily Mirror“. Seitdem arbeitet Pilger als freier Journalist. 1968 war er unmittelbar Zeuge der Er­mor­dung des US-Senators und demokratischen Prä­si­dent­schafts­kan­didaten Robert F. Kennedy in Los Angeles und vertritt aufgrund seiner Erlebnisse die Ansicht, dass es noch einen weiteren Schützen gegeben habe.[1] Pilger drehte mehr als 50 Filme und hat in seiner Karriere für viele bekannte englischsprachige Zeitungen ge­schrie­ben (z. B. „The Independent“, „The Guardian“ und „The New York Times“). Mit zahllosen Journalismus-Preisen ausgezeichnet, gehört Pilger zu den prominentesten englischsprachigen Journalisten. 2003 erhielt er den Sophie-Preis für seinen besonderen Einsatz für die Menschenrechte. Pilger engagiert sich in der Bewegung „Democracy now!“ und steht auch der Politik Obamas kritisch gegenüber, die seiner Meinung nach das Ziel bisheriger Regierungen der USA einer internationalen Vorherrschaft weiter verfolgt. Er ist Mitglied im vorläufigen Ausschuss der Internationalen Organisation für eine Partizipatorische Gesellschaft [2]. Er wurde im Jahre 2009 mit dem Sydney-Friedenspreis ausgezeichnet. (wikipedia)

Quellen:
Propagandaschau Exclusive
„Saber Strike 2016“ – NATO-Manöver im Baltikum mit 10.000 Militärs aus 12 Ländern

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